Wir haben „Willkommen bei den Hartmanns“ mit einem Geflüchteten gesehen

Während die meisten hier lebenden Leute einzelne Situationen in „Willkommen bei den Hartmanns“ wiedererkennen, weiß kaum jemand, wie Geflüchtete selbst den Film über dieses wichtige Thema beurteilen. Doch dagegen kann man was tun: Zusammen ins Kino gehen.

Willkommen bei den Hartmanns

"Willkommen bei den Hartmanns" läuft grad in den deutschen Kinos © 2016 Warner Bros. Ent.

Vor einem Jahr gingen Bilder um die Welt, mit denen zuvor niemand gerechnet hätte: Jubelnde Deutsche warteten am Münchner Bahnhof, um ankommende Geflüchtete zu begrüßen. Seit einer Woche läuft mit „Willkommen bei den Hartmanns“ ein Film in deutschen Kinos, der dieses Thema und dieses Gefühl aufgreift. Kritik gab’s auch schon; zum Beispiel dafür, dass auf dem Filmplakat zuerst der Name des Schauspielers Eric Kabongo fehlte (inzwischen ergänzt).

Ich habe mich gefragt: Wie denkt eigentlich ein geflüchteter Mensch über den Film? Findet er ihn lustig, verletzend, langweilig? Wie unterschiedlich sind unsere Perspektiven?

Darum bin ich zusammen mit Rezkar ins Kino gegangen. Rezkar ist 19, ist vor dem Krieg in Syrien geflüchtet und lebt seit etwas über einem Jahr in Deutschland, inzwischen selbst in einer Gastfamilie.

Im Kino klären wir zuerst die wichtigste aller Fragen: süß oder salzig? Er entscheidet sich für salzig, ich für süß. Dann lassen wir uns in die Sitze fallen und sind gespannt.

Nervig oder hilfreich?

Zunächst lernen wir die Mitglieder der Familie Hartmann kennen. Sie gehören zu den Besserverdienenden in München und entschließen sich, in einem der vielen leeren Zimmer ihrer Stadtvilla einen Geflüchteten aufzunehmen. Rezkar findet es gut, wie engagiert Mutter Hartmann (Senta Berger) ist: „Mir gefällt, dass sie dem Flüchtling hilft, Deutsch zu lernen und Bescheid sagt, wenn er Fehler macht. Das erinnert mich an meine Gastfamilie.“

Das überrascht mich, mir geht der ständige Korrekturzwang von Mutter Hartmann nämlich schon nach kurzer Zeit auf die Nerven. „Typisch deutsch“, denke ich und habe dabei offensichtlich unterschätzt, wie dankbar andere dafür sind, die neue Sprache schnell und im Austausch verbessern zu können. Direkt was gelernt.

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Ich schäme mich, er lacht

Die Vorurteile der beiden männlichen Hartmanns findet Rezkar dagegen ärgerlich, genauso wie die immer wieder auftauchenden Anfeindungen durch Nachbarn und Bekannte. Die wiederum kann ich gut nachvollziehen –auch wenn ich selbst nicht so denke und fühle. Aber paranoide Gespräche über die „gefährlichen Flüchtlinge“ habe ich leider schon zu oft führen müssen.

Und im Verlauf der 116 Minuten fallen immer wieder Sätze, die wir alle so oder so ähnlich in den vergangenen Monaten gehört haben dürften. „Es reicht, dass Frau Merkel die ganze Dritte Welt eingeladen hat – wir machen das hier nicht“, motzt Papa Hartmann. Ich schäme mich mehr als einmal für das, was auf der Leinwand zu sehen ist und nur allzu gut zeigt, wie die Meinungen innerhalb der deutschen Bevölkerung gelagert sind. Rezkar hingegen lacht darüber meistens nur. „Hat sie ihn eine Leberwurst genannt?“ Ja, hat sie.

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So verschieden ist Humor

Wir scheinen ohnehin oft an unterschiedlichen Stellen zu lachen. Ich pruste los, wenn die Hartmanns so klischeehaft deutsch sind, dass es weh tut. Rezkar scheinen eher die absurden Momente zu gefallen. „Glaubst du, dass deutsche Familien so sind?“ frage ich ihn. „Nein. Eine so reiche Familie, in der jedes Familienmitglied solche Probleme hat, finde ich übertrieben.“

Aber das ist natürlich dem Entertainment geschuldet, an Verwicklungen wurde bei den Hartmanns nicht gespart: Die obligatorische Liebesstory musste genau so mit rein wie der Papa, der sich nicht um seinen Sohn kümmert, das entfremdete Oberschicht-Paar und die ziellose junge Frau, deren Uterus langsam mal zum Einsatz kommen sollte. Wenn es ein klischeetypisches „Idealbild“ für Familien in diesem Land gäbe, dann wäre es wohl diese 60er-Jahre-Version.

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Unser Urteil

Unsere Meinungen dazu sind so unterschiedlich wie unser Popcorn-Geschmack. Ich finde, Regisseur und Produzent Simon Verhoeven gelingt es, eine Geschichte zu erzählen, die Situation in deutschen Familien recht gut wiedergibt – zumindest, was die unterschiedlichen Positionen angeht. Mit den gezeigten Meinungen und Charakteren ist die politische Mitte Deutschlands abgedeckt; gleichzeitig bleibt jede Position innerhalb ihrer kleinen Welt irgendwie nachvollziehbar. Rezkar sieht das anders; ihm gefällt der Film nicht. Und er weiß auch ganz genau, warum: „Das ist mehr Fantasie als Wahrheit.“