Warum können wir kitschige Dates bei Kerzenschein nicht mehr genießen?

Liebe gibt’s nur noch auf Knopfdruck, Romantik gar nicht mehr. Wir denken zu viel nach. Es wird Zeit, den Kopf wieder auszustellen.

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Unser Kontrollzwang führt dazu, dass wir Romantik nicht mehr genießen können. klubu/Photocase.de

Wir sind kontrollwütig. Wir versuchen, alles zu planen: von unserer Ernährung mit Superfood übers kommende Wochenende und die nächsten Karriereschritte bis hin zum nächsten Sex via Tinder. Wir haben für alles eine App, die akribisch dokumentiert, was wir wann, wie, wo und mit wem tun. Schrittzähler, Kalender, fruchtbare Tage. Wir haben verlernt, die Dinge einfach passieren zu lassen. Vor allem in der Liebe opfern wir für unseren Kontrollwahnsinn die Möglichkeit auf magischen Rausch.

Ironie statt Romantik

Romantische Dates sind ausgestorben. Es scheint so, als könnten wir die große Romantik bei all unserer Selbst-Ironie nicht mehr verkraften. Stellt euch mal das erste Date bei Kerzenschein in einem Restaurant vor, mit Blumen oder wahlweise Jazz-Musik abgerundet. Kann man sich nur noch schwer vorstellen, ich weiß. Beide würden sich bei einem so schnulzigen Date vor Angst in die Hosen machen oder, noch besser, das Ganze auf eine Metaebene heben und offensiv laut aussprechen, was hier Ungeheuerliches passiert, nach der Devise: Schau mal, wir haben grade ein total romantisches Date, verrückt müssen wir sein!

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Früher, vor langer Zeit, wurde beim romantischen Date noch allmählich der erste Kuss herbeigeschmachtet. Heute aber lernt man sich übers Knutschen kennen und verabredet sich danach auf einen Kaffee, um Klarschiff zu machen. Bevor man sich überhaupt richtig kennengelernt hat, heißt es dann plötzlich zwischen zwei Küssen und einem Schluck Sojalatte: Nur, dass du Bescheid weißt, ich mag dich, ich will dich kennenlernen. Aber ich habe noch andere Dates neben dir.

Es gibt keine Garantiescheine

Diese Ankündigung heißt übersetzt: „Ich will nicht nur Sex mit dir, aber ich weiß noch nicht, ob ich dir echte Gefühle entgegenbringe, deshalb will ich mich erstmal absichern, dass ich hier keine Garantie abliefern kann.“ Klar, wenn man sich in einer Lebensphase befindet, in der man absolut sicher ist, dass man sich nicht verlieben möchte und nur Spaß will, dann sollte man das vorher klarstellen. Aber wenn man sich näher kennenlernen möchte, dann frage ich mich: Seit wann denken alle, dass man Garantiescheine ausfüllen muss?

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Es gibt sie nicht, die Garantie. Es gehört zum Kennenlernen dazu, dass man Scheitern kann. Nochmal: Es gehört zum ganz großen Rausch dazu, dass er verpuffen kann. Das kann niemand vorher wissen. Aber wenn man alles immer vorher diskutiert, dann erstickt man jede aufkommende Flamme im Keim. Denn ein Feuer lebt von Leidenschaft, Unberechenbarkeit, Unkontrollierbarkeit. Und ganz sicher nicht von Diskussionen. Das Problem unserer Generation ist nicht, dass wir uns nicht festlegen können. Das konnte vermutlich niemand jemals. Wir haben bloß diesen seltsamen Drang, dem anderen ständig alles erklären zu müssen, alles definieren zu müssen. Wir haben verlernt, die Dinge einfach geschehen zu lassen.

Es könnte so einfach sein

Dabei könnte es so einfach sein: Man lernt sich kennen, heißt, man läuft sich über den Weg. Stichwort Bar. Oder auch WG-Party, Uni-Café, U-Bahn. Scheiße, dann ist es eben die verdammte App. Man verabredet sich, zum Beispiel zum Kaffee. Dann trinkt man den, redet ein bisschen, küsst sich vielleicht. Man geht beschwingt nach Hause, freut sich, wartet auf einen Anruf, zählt die Tage, bis man selbst anrufen darf. Dann trifft man sich nochmal.

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Man freut sich abermals, und irgendwann, ehe man sich`s versieht, hat man einige Wochen voller schöner Abende hinter sich und der Clue an der ganzen Sache ist: Weil man dem Ganzen Zeit gegeben hat, merkt man irgendwann ob daraus mehr werden soll oder eben nicht. Man hat dem Ganzen eine Chance gegeben, um festzustellen, welche Bedeutung dieser andere Mensch für einen selbst haben könnte. Und wenn man dann feststellt, dass es viel bedeutet, kann man doch immer noch darüber sprechen, wie man diese Beziehung in Zukunft definieren möchte.

Angst vor dem Unkontrollierbaren? Scheiß drauf!

Stattdessen verkomplizieren wir viel zu oft viel zu viel. Wir denken zu viel. Gefühle immer schön in Schach halten. Rausch? Nur auf Knopfdruck. Die Frage ist, warum sind wir so kontrollwahnsinnig? Vielleicht weil wir in einem Paradoxon leben: Einerseits bleiben uns nur noch wenige Sicherheiten, wenige Konstanten, was die großen Dinge des Lebens betrifft. Wir sind Nomaden, wir haben weder den Beruf, noch die Liebe fürs ganze Leben, wir leben weit entfernt von unseren Familien, wir ziehen häufig um und reisen um die Welt. Andererseits versuchen wir, unseren Alltag zu kontrollieren, haben für jedes Bedürfnis eine App, die alles streng genau protokolliert.

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Wir haben Angst, uns hinzugeben. Angst vorm freien Fall, ein Risiko einzugehen. Angst verletzt zu werden, Angst den anderen zu verletzen. Wir wollen alle Eventualitäten vorher einkalkulieren und berechnen. Wir wollen uns nicht mehr wirklich berühren und erschüttern lassen, weil es uns aus der Fassung bringen könnte. Wir planen die Erschütterung lieber vorher mit ein und wenn uns der Zeitpunkt nicht passt, verzichten wir darauf. Wenn dann aber ein uns geeignet scheinender Moment gekommen ist und wir sehnsüchtig auf eine magische Begegnung hoffen, dann bleibt sie aus. Denn so läuft es nicht. Will man Unberechenbares berechnen, verliert es genau das, was wir uns dabei wünschen: das Magische.