Wir nennen es Kulturprekariat und es macht keinen Spaß

Die Welt ist voller tollpatschiger Kellner und orientierungsloser Taxifahrer. Anstatt sich über deren Unprofessionalität zu ärgern, ist Nachsicht geboten: Vielleicht sind es keine geborenen Dienstleister, sondern Angehörige des Kulturprekariats.

© Jens Kalaene/dpa

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Es ist nämlich so: Vom sogenannten Kulturschaffen kann kaum jemand leben. Kürzlich veröffentlichte die US-amerikanische Sängerin Santigold ein Album mit dem Titel „99 Cents“, das die finanzielle Notlage von Künstlern thematisiert. In einer Besprechung in der Welt hieß es dazu: „Kennen Sie das? Sie arbeiten richtig viel, und am Ende des Monats gibt es trotzdem wieder nur Fertignudeln.“

Eine Schauspielerin träumt vom Stadttheater und dreht Werbungen für Rohrreiniger.

Auch wenn für Santigold wahrscheinlich immer noch ein Besuch beim Edelitaliener rausspringt, ist das Grundproblem das selbe: Künstlerische Arbeit wird nicht angemessen entlohnt. Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Während die Musikindustrie an Streaming-Diensten und sinkenden Verkaufszahlen krankt, ist es beim Journalismus die sogenannte Medienkrise und in der Kunstbranche der Hype um einige wenige Stars bei gleichzeitig sinkenden öffentlichen Zuschüssen. Egal wie, am Ende leiden die Produzenten.

In meinem Freundeskreis können nicht nur die Musiker ein Lied davon singen. Eine Lyrikerin und ihr schauspielender Freund ziehen ihre gemeinsame Tochter an der Armutsgrenze auf. Eine andere Schauspielerin träumt vom Stadttheater und dreht Werbungen für Rohrreiniger. Anstatt selbst welche zu entwerfen, trägt eine Kostümbildnerin alberne Hostessuniformen. Trotz Plattenvertrag muss ein Singer-Songwriter einen Kredit aufnehmen, um seine Band bezahlen zu können und einen weiteren, um selbst halbwegs über die Runden zu kommen. Fotografen entwickeln die Filme anderer, Videokünstler reißen Kinokarten ab. Gekellnert haben gefühlt alle schon mal.

[Außerdem bei ze.tt: Bedingungsloses Grundeinkommen: Diese drei Modelle gibt es]

Glück haben Grafikdesigner, sie können von ihrer Freiberufllichkeit gut leben, sofern man die Interessen der freien Wirtschaft bedient, also Werbeauftritte für Vattenfall entwirft. Denn das ist der Punkt: Geld ist ja da, nur eben nicht für die zweckfreien Künste. Warum übt ein Unternehmensberater eine sinnvollere Tätigkeit aus als der Maler des Bildes über seinem Schreibtisch? Weil ersterer ein auf stetiges Wachstum ausgerichtetes Wirtschaftssystem am Laufen hält, das bizarre Blüten treibt?

Zwei Möglichkeiten hat der Maler: Entweder eine Arbeit auszuüben, die nicht seinen Fähigkeiten entspricht und noch dazu höchstwahrscheinlich schlecht bezahlt ist. Oder weiter malen. Immerhin: Jemand hat sein Bild gekauft.
So wie dem Maler geht es fast all meinen Bekannten in kreativen Jobs, mich selbst eingeschlossen. Die Aufnahme in die Künstlersozialkasse feiern wir wie andere ihre Beförderung. Was ist mit der privaten Altersvorsorge, fragen die Eltern?

Bei Lebensmitteln nicht auf jeden Cent achten zu müssen, sollte kein Luxus sein, sondern selbstverständlich.

Schöne Idee, sagen wir, aber derzeit leider nicht umsetzbar. So wie vieles andere nicht, ein eigenes Auto, eine neue Matratze das Haus am See. Dass die Fixkosten, also Miete, Versicherungen, Fahrkarte für die öffentlichen Verkehrsmitteln, Kosten für Telefon und Internet gedeckt sein müssen, versteht sich von selbst. Zurück zu Santigolds Nudelproblematik: Auch bei Lebensmitteln nicht auf jeden Cent achten zu müssen, sollte kein Luxus sein, sondern selbstverständlich. Dass es das nicht ist, beweist das Magazin Biorama, dessen Autoren unter dem Hashtag #armeleuteessen einen Monat lang versuchten, mit dem Sozialhilferegelsatz Bioprodukte zu kaufen. Die Aktion stieß auf viel Kritik und zurück bleibt die Frage: Ist bio Luxus?

Was außer Essen, Kleidung und dem sprichwörtlichen Dach über dem Kopf braucht man für eine gesellschaftliche Teilhabe? Eine immer wieder aufs Neue zu verhandelnde Frage, etwa um den Hartz-IV-Satz festzulegen. Derzeit gilt in Deutschland als arm, wem als Alleinstehender weniger als 781 Euro netto im Monat zur Verfügung stehen. Aufs Jahr gerechnet sind das 9372 Euro.

Für die neue Matratze muss man die Eltern anschnorren.

Laut der Künstlersozialkasse kamen ihre Mitglieder vergangenes Jahr durchschnittlich auf 15 425 Euro. Am besten schnitten die männlichen 50-60-jährigen Künstler im Bereich „Wort“ ab mit 23 380 Euro, am schlechtesten die weiblichen darstellenden Künstlerinnen unter 30 mit 8497 Euro. Letztere gelten also als arm. Gerade wer im Kulturbetrieb arbeitet, muss auch daran teilhaben können, also Geld haben für Theater- und Museumsbesuche, für Bücher und Zeitschriften. Schön ist es auch, nicht nur jene Yogakurse besuchen zu können mit dem Motto „Gib so viel, wie Du geben kannst.“

Okay, das Haus am See rückt in weite Ferne, für die neue Matratze muss man die Eltern anschnorren. Ansonsten wurschtelt man sich so durch. Kennt Leute, die einen auf Gästelisten setzen, um den Eintritt zu sparen. Macht Couchsurfing in Polen, statt Strandurlaub in Costa Rica. Hält sich Nachmittage lang an einem Kaffee inklusive WLAN fest, um mal rauszukommen, weil der Platz im Coworking Space das Budget sprengen würde. Hofft, dass die unabdingbaren elektronischen Geräte nicht den Geist aufgeben. Verfährt wie Benjamin von Stuckrad-Barre in „Panikherz“, der sich als Stadtmagazinpraktikant mit verstellter Stimme Rezensionsexemplare von Büchern und CDs bestellt. Redet sich ein, dass Schuhe-Shoppen Ersatzbefriedigung ist und Besitz generell unfrei macht.

Ausgerechnet die WG-Zimmer des Kulturprekariats (eine eigene Wohnung fällt in die Kategorie Luxus) sind ja auffallend oft puristisch möbliert, eine Matratze am Boden, ein paar Bücher in der Ecke, für die Kleider reichen zwei Schubladen. Das passt zur Haltung, die einer Not entspringt, sich selbst gegenüber aber oftmals als freie Entscheidung verkauft wird. Wenn ich kein Geld habe, muss ich mir auch keine Gedanken machen, wofür ich es ausgebe. Nur in ganz besonders luziden Momenten gesteht man sich ein: Kein Geld zu haben ist scheiße.

Manche würden genauso viel arbeiten wie vorher und sich über das zusätzliche Einkommen freuen.

Man wiegt sich also im Glauben, arm, aber frei zu sein – und hofft auf die Einführung des Bedingungslosen Grundeinkommens. Ein Thema, das lange wie eine verrückte Utopie schien, derzeit aber in Finland und der Schweiz ernsthaft diskutiert wird. Auch hierzulande könnte damit all den mit ihrem prekären Lifestyle kokettierenden, in Wahrheit unglücklichen Künstlern und Kreativschaffenden geholfen werden. Ich bin kein Wirtschaftsexperte (dann hätte ich VWL studiert), glaube aber, dass das BGE finanzierbar wäre, da andere staatliche Sozialleistungen entfielen und durch die Digitalisierung mehr und mehr Arbeitsplätze wegfallen werden.

Anstatt Arbeit um der Arbeit willen zu schaffen, könnte man doch jedem Bürger die gleiche Summe auszahlen –Experten wie der DM-Gründer Götz Werner schlagen 1000 Euro monatlich vor – und sie oder ihn entscheiden lassen, was er damit anfängt. Dass daraufhin große Teile der Bevölkerung in den Standby-Modus verfallen, halte ich für unwahrscheinlich. Sicher würden einige dann nur noch den Marihuana-Pflänzchen auf dem Balkon beim Wachsen zu sehen, aber solche Frohnaturen gibt es auch jetzt schon. Manche würden genauso viel arbeiten wie vorher und sich über das zusätzliche Einkommen freuen. Einige würden weniger arbeiten und die freie Zeit nutzen, um Bienen zu züchten, Kräuter zu pflanzen oder Sandburgen mit ihren Kindern zu bauen. Andere würden sich sozial engagieren. Und wieder andere, namentlich die Kulturschaffenden, würden dasselbe tun wie jetzt auch, aber ohne Angst vor der nächsten Stromnachzahlung.

[Außerdem bei ze.tt: Wie ein Leben ohne bedingungslosem Grundeinkommen aussieht]

All diese Überlegungen sind natürlich aus einer Blase heraus entstanden. Mir ist klar, dass sich die Frage nach einer erfüllenden Tätigkeit für viele Menschen überhaupt nicht stellt, weil sie froh sind, überhaupt eine Arbeit zu haben. Möglicherweise ist die Entscheidung, einem kreativen Beruf nachzugehen, mit Einschränkungen verbunden. Dennoch finde ich, dass man als Bürger eines der reichsten Länder der Erde eine angemessene Entlohung fordern darf, für das, worin man gut ist und was einen glücklich macht.

Hilfreich ist Tim Ferriss‘ Buch „Die 4-Stunden Woche“, das man wahlweise als Faulenzer-Bibel sehen kann oder als Anreiz für ein selbstbestimmteres Leben. Um herauszufinden, welche Tätigkeit einen erfüllt, schlägt Ferriss vor, sich einen perfekten Tag vorzustellen. Was würde man tun, wenn Geld (verdienen) keine Rolle spielen würde? Ich glaube, dass viele Kreativschaffende die Frage mit dem beantworten würden, was sie sowieso tun, also: fotografieren, schauspielern, dichten.

Zugegeben: Ich wünschte, ich wäre Klassenbeste in Physik gewesen. Dann hätte ich physikalische Ingenieurswissenschaften studiert und wäre bereits vor meinem Abschluss über Xing von Traumarbeitgebern abgeworben worden. Leider war ich besonders gut in Deutsch und Kunst und bin Journalistin geworden. Während des siebenjährigen Studiums war es in Ordnung, sich keine exotischen Reisen und regelmäßige Restaurantbesuche leisten zu können, nach dem Motto: Wenn ich groß bin, wird alles anders. Jetzt bin ich groß, das heißt mit dem höchsten Uniabschluss vor der Promotion ausgezeichnet, und meine finanzielle Lage ist kaum besser. Es wäre schön, wenn es nach einem Monat harter Arbeit mehr gibt als Fertignudeln. Und die Welt von meinen Fähigkeiten als Taxifahrerin verschont bliebe.