Interview mit einem syrischen Flüchtling: „Wir sind keine Terroristen“

Karam Kabbani (21) ist vor Krieg und Verfolgung aus seiner Heimatstadt Aleppo nach Deutschland geflohen. Wir haben ihn getroffen und mit ihm über seine Flucht, die Anschläge in Paris und seine Angst vor Gruppen wie Pegida gesprochen.

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Flüchtlinge warten vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) in Berlin ©Tobias Schwarz/AFP/Getty Images

 ze.tt: Wann bist du nach Deutschland gekommen?

Karam: Vor ungefähr viereinhalb Monaten.

Wie bist du hergekommen?

Mit dem Flugzeug aus der Türkei.

Hattest du ein Visum für die Einreise?

Nein, ich habe jemanden in der Türkei dafür bezahlt, dass er mir einen griechischen Pass fälscht. Dafür habe ich fast 13.000 Euro bezahlen müssen.

Wie bist du vorher in die Türkei gekommen?

Ich bin zu Fuß über die syrisch-türkische Grenze gelaufen. Der Grenzübergang ist jetzt geschlossen und sehr gefährlich zu überqueren. Flüchtlingen bleibt aber keine andere Wahl.

Wo wohnst du im Moment?

In einem Flüchtlingsheim in Berlin-Zehlendorf.

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Karam Kabbani. © ze.tt/Sebastian Horn

Bist du mit deiner Familie oder Freunden nach Deutschland gekommen?

Ich bin alleine hier. Meine Familie und Freunde können es sich nicht aussuchen, ob sie herkommen oder nicht. Wenn sie könnten, würden sie natürlich auch kommen. Aber es kostet viel Geld und der Weg ist sehr beschwerlich. Ich habe jetzt ein paar Freunde in Deutschland, einige davon Deutsche, andere Syrer.

Hältst du Kontakt zu deiner Familie in Syrien?

Ja, sicher. Ich verfolge auch sehr genau die Nachrichten. Ich habe Freunde und Familie in sehr gefährlichen Gebieten Syriens. Ich muss also jeden Tag schauen, was gerade dort passiert.

Lebt deine Familie momentan im Krieg?

Ja, natürlich. Außerdem sind sie meinetwegen in Gefahr. Ich stand auf Seiten der Revolution und habe als Fotojournalist gearbeitet. Das Regime wollte mich festnehmen. Nun sind sie hinter meiner Familie her.

Bist du geflohen, weil Assads Regime dich verhaften wollte?

Nein. Ich habe in dem Gebiet gewohnt, das vor ein paar Jahren noch die Free Syrian Army kontrolliert hat. Sie hat für Demokratie und Freiheit gekämpft, für die Revolution. Vor drei Jahren aber kamen ISIS und Al-Qaeda nach Aleppo. Das war wie ein sehr großer, schwarzer Fleck vor meinen Augen. Ich konnte kein Licht und keine Hoffnung mehr sehen. Deshalb bin ich geflohen. Ich hatte natürlich auch Angst for Assads Armee. Die Zivilbevölkerung will Demokratie und das Regime versucht uns mundtot zu machen oder umzubringen. Niemand versteht, warum.

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Aleppo am 9. April dieses Jahres. Die Decken in den Straßen sollen Scharfschützen den Blick versperren. © George Ourfalian/AFP/Getty Images

Wie waren deine ersten Monate in Deutschland?

Der Anfang war schwer. Alles in meinem Leben hat sich geändert. Das musste ich erstmal verstehen. Mein Leben fing von vorne an, in einer anderen Stadt, in einem anderen Land. In den ersten zwei Monaten hatte ich vor allem mit der Bürokratie zu kämpfen. Ich habe die ganze Zeit mit Anträgen oder dem Warten auf Anträge verbracht.

Du musstest dich am Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) registrieren?

Am Lageso und am Bundesamt. Und das zu der Zeit, in der die höchste Zahl an Flüchtlingen in Deutschland ankam. Vor dem Lageso herrschte Durcheinander. Ich kam nicht an die Reihe und musste vier Nächte vorm Lageso übernachten. Jeden morgen bin ich um 3 Uhr aufgestanden, um mich in die Schlange zu stellen. Es war unglaublich… (lacht). Nach vier Nächten kam ich dran, aber nur durch Schummeln: Ich habe die Wartenummer eines Freundes genommen und sie dem Sicherheitsbeamten gezeigt, der hat mich reingelassen. Darauf bin ich nicht stolz, normalerweise respektiere ich alle Regeln.

Hast du den Papierkram jetzt hinter dir?

Ja, ich habe fast alles erledigt und kann in Deutschland reisen und arbeiten. Im Moment habe ich vor allem mit dem Job Center zu tun.

Wie lange darfst du in Deutschland bleiben?

Drei Jahre. Danach muss ich wieder zum Interview. Die Behörden schauen dann, ob ich straffällig geworden bin, und entscheiden, ob ich weiter bleiben darf oder gehen muss.

Wirst du die Flüchtlingsunterkunft bald verlassen?

Das ist der nächste Schritt. Es ist zwar eine gute Unterkunft, mit 400 bis 450 Menschen, netten Sozialarbeitern und guter Organisation. Aber man kann dort nicht wirklich sein eigenes Leben führen, es gibt keine Privatsphäre. In Berlin dauert es lange, eine eigene Wohnung zu finden. Ich hoffe, ich finde eine, aber ich denke, die Chancen sind eher gering.

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Flüchtlinge warten vorm LaGeSo in Berlin. © John MacDougall/AFP/Getty Images

Ich würde gerne über die Anschläge in Paris mit dir sprechen. Wo warst du, als du davon erfahren hast?

Ich war in meiner Unterkunft. Bevor ich schlafen ging, habe ich noch einmal Facebook gecheckt. Dort wurde viel über Paris geredet, aber ich dachte im ersten Moment, es ginge um eine Geiselnahme mit Lösegelderpressung, nicht um Bombenanschläge. Am nächsten Morgen habe ich dann die Bilder und die Nachrichten gesehen.

Was ging dir in dem Moment durch den Kopf?

Ich war sehr traurig über das, was in Paris passiert ist, und bin es immer noch. Es fällt mir schwer, meine Gefühle auszudrücken; vor allem in einer anderen Sprache, aber auch in meiner Muttersprache. So etwas schmerzt jedem Menschen. Es ist ein schreckliches Gefühl.

Auf Facebook hast du geschrieben, dass die Anschläge von Paris dich an Syrien erinnern. Wie hast du das gemeint?

Solche Anschläge sind in Syrien normale Nachrichten. Jeden Tag kann man lesen, dass Assad 100 Menschen getötet hat, mit Fassbomben, mit Artillerie… Man wundert sich eher, wenn mal zwei oder drei Tage nichts von so hohen Opferzahlen zu lesen ist. Deshalb habe ich mich gewundert, warum hier so viel über Paris berichtet wird, über Syrien aber nicht. Vielleicht weil in Paris nicht jeden Tag etwas passiert. Wenn es in Paris täglich Bombenanschläge und Attentate gebe, wäre es vielleicht auch irgendwann normal.

Was glaubst du, warum ISIS Anschläge in Paris verübt?

Das sind Terroristen. Die wollen einfach nur Blut sehen. Sie wollen Menschen umbringen, ohne wirklichen Grund. Sie haben es mit ihren Anschlägen auch nicht auf eine Religion abgesehen. Die meisten der Opfer in Paris waren Christen. Aber vorher hat ISIS in Syrien und dem Irak Muslime umgebracht. Man kann also nicht sagen, ISIS sei jetzt in Europa, um hier Christen umzubringen. Es geht ihnen nicht um Religion, es geht ihnen um Terrorismus.

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Pegida-Demonstranten treffen sich am 19. Oktober 2015 zum einjährigen Bestehen der Bewegung. Auf dem Schild steht übersetzt: „Mit falschen ‚Flüchtlingen‘ kommt die Hölle“. © Sean Gallup/Getty Images

Du hast auf Facebook auch geschrieben, du würdest dir Sorgen machen, die Menschen könnten nach den Anschlägen anders auf Flüchtlinge reagieren. Warum?

Ich sorge mich um die furchtbare Reaktion jener, die darauf warten, dass Flüchtlinge auch nur ein bisschen was falsch machen, damit sie sie aus dem Land schmeißen können. Ich denke an Menschen, die bei Pegida mitmachen. Solche Menschen gibt es überall auf der Welt. In den USA wollen mehrere Bundesstaaten die syrischen Flüchtlinge loswerden. Und das, obwohl Amerika nur 10.000 Syrer aufgenommen hat.

Hast du den Eindruck, dass sich in Deutschland seit den Anschlägen etwas geändert hat?

Ich habe irgendwo gehört, die Flüchtlinge seien Schuld an dem, was in Paris passiert ist. Ich möchte, dass jeder versteht, dass Flüchtlinge keine Terroristen sind. Wir sind vor solchen schrecklichen und hässlichen Menschen geflohen. Ich hoffe, dass die Menschen oder Gruppen, die Flüchtlinge hassen, mit ihnen in Kontakt kommen und sie persönlich kennenlernen.

Fühlst du dich sicher in Deutschland?

Zu 70 Prozent, ja.

Was ist mit den anderen 30 Prozent?

Es gibt keinen komplett sicheren Ort auf der Welt. Ich habe sowohl Angst vor Menschen aus Deutschland als auch aus Syrien.

Vor wem in Deutschland hast du Angst?

Vor Gruppen wie Pegida. Ihre Mitgliederzahl und ihr Einfluss sind vielleicht noch nicht so groß. Aber nach den Anschlägen in Paris schließen sich ihnen vielleicht noch mehr Menschen an.

Gibt es etwas, was du den Menschen in Deutschland gerne sagen möchtest?

Die Menschen hier sind sehr, sehr nett und herzlich. Ich möchte von ganzem Herzen Danke sagen, vor allem den Menschen in Berlin. Einige der Erlebnisse haben mich sehr berührt. Neulich habe ich mich zum Beispiel mit der S-Bahn verfahren. Da hat mich jemand an die Hand genommen und mir gesagt, in welche Richtung ich fahren solle. Das war großartig.

Was für Pläne hast du jetzt?

Ich habe gerade mit meinem Deutschkurs angefangen, was mich sehr freut. Mein Traum war mal, in Oxford zu studieren. Ich hatte sogar schon einen Studienplatz für Englische Literatur an der Aleppo University, um mich darauf vorzubereiten. Das Studium konnte ich aber nie antreten, weil das Assad Regime mich verfolgt hat. Im Moment überlege ich, Medienwissenschaften an einer deutschen Uni zu studieren. Dafür muss ich aber erst gut Deutsch lernen, das wird noch viel Arbeit.