„Wir waren nie ein Paar, sondern haben als Freunde ein Kind bekommen“

Jennifer hat sich mit Mitte 30 dazu entschlossen, nicht mit einem festen Partner, sondern mit einem Freund ein Kind zu bekommen. Nun ist ihre Tochter da und sie hat uns erzählt, wie sich der Alltag mit einer Co-Elternschaft gestaltet.

Jennifer: „Wir treffen Entscheidungen zusammen und teilen die Verantwortung.“ Foto: privat

„Ich bin davon überzeugt, dass es genau die richtige Entscheidung war“

Mit etwa 30 Jahren begann Jennifer darüber nachzudenken, wie lange sie ihren Kinderwunsch noch aufschieben soll und kann. Ein paar Jahre später entschied sie sich dann, nicht mehr länger auf einen festen Partner zu warten, mit dem sie eine Familie gründen kann, sondern sich einen Co-Vater zu suchen, den sie schließlich in einem Freund fand. Über den Weg dahin und wie die Suche verlief, haben wir bereits im vergangene Jahr mit ihr gesprochen.

Nun ist ihre gemeinsame Tochter da und wir haben nachgefragt, wie die Co-Elternschaft läuft und wie sich die beiden im Alltag aufteilen.

Nun bist du Mama – wie geht’s euch und kannst du für alle, die sich damit nicht auskennen, Co-Elternschaft noch einmal kurz erklären?

„Uns geht es sehr gut. Die Kleine ist jetzt schon acht Monate alt und bis jetzt läuft es eigentlich genauso, wie wir uns das vorgestellt haben. Wir waren ja nie ein Paar, sondern haben als Freunde beschlossen, ein Kind zu bekommen. Das ist Co-Elternschaft ganz kurz zusammengefasst. Die sexuelle Orientierung spielt erst mal keine Rolle, es gibt etwa viele lesbische Pärchen, die mittels eines Co-Vaters ein Kind bekommen, aber im Endeffekt bedeutet es einfach nur, dass zwei Menschen, die kein Paar oder Ehepaar sind, sich für ein gemeinsames Kind entscheiden und dieses dann auch gemeinsam großziehen. Wie ein getrenntes Paar, nur ohne die Trennung.“

Wann haben du und der Co-Papa beschlossen, wir ziehen das jetzt wirklich durch – und wie hat sich das angefühlt? War da auch ein wenig Angst oder Sorge dabei?

„Wir kannten uns ja wirklich nur kurz, ein paar Monate, mochten uns aber sofort und hatten ziemlich ähnliche Vorstellungen davon, wie das ablaufen soll. Wir sind Kollegen, das macht es einfacher und vorgestellt hat uns eine gemeinsame Freundin. Es gab also quasi schon eine gewisse Vorauswahl. Hätte ich ihn über eines der Portale kennengelernt, dann hätte ich mir sicher mehr Zeit gelassen. Wir waren noch zusammen im Urlaub und haben dann gesagt, komm, wir machen es einfach. Die Basis stimmte ja für uns beide, natürlich ist das trotzdem ein riesiger Schritt. Wenn sich noch Probleme ergeben sollten, dann müssen wir uns eben damit auseinandersetzen wie Erwachsene. Angst hatte ich aber keine, ich war und bin davon überzeugt, dass es genau die richtige Entscheidung war. Dass es so schnell geklappt hat und jetzt so gut läuft, bestätigt mir das nur. Ich glaube zwar nicht so wirklich an sowas, aber das war Schicksal.“

Wir wollten unsere Freundschaft nicht mit Sex überfrachten.“

Ihr habt euch für die Befruchtung mit der Bechermethode entschieden. Warum war das für euch richtig und wie funktioniert das?

„Wir haben uns für die Bechermethode entschieden, da wir die Freundschaft nicht mit Sex überfrachten wollten und haben erst mal den einfachsten Weg genommen, nämlich das Simulieren des natürlichen Vorgangs. Es ist nicht aufwendig, billig, man kann es ohne Arzt zu Hause machen und die Chancen stehen in etwa so wie beim Geschlechtsverkehr. Funktioniert auch wirklich einfach: Sperma in Becher, Sperma in Spritze, Spritze dahin, wo das Sperma landen soll, abdrücken, Popo hoch. Das war kurz gesagt, ausführlich habe ich das in mehreren Artikeln auf dem Blog beschrieben. Der nächste Schritt wäre ein ähnliches Verfahren beim Arzt gewesen, nur wird da das Sperma direkt in die Gebärmutter gebracht, das erhöht die Chancen. Danach kommt Hormone einnehmen und In-Vitro-Behandlungen, also die Befruchtung im Labor und das Einsetzen der befruchteten Eizelle. So weit wären wir auch gegangen, das hatten wir vorher abgesprochen. War aber zum Glück nicht nötig, es hat ja gleich geklappt.“

Kannst du dich noch an den Moment erinnern, als du erfahren hast, dass du schwanger bist?

„Ich selber habe es in Seattle erfahren, ich war on duty dort als Flugbegleiterin. Ich habe sehr früh getestet, weil ich so neugierig war und war dann überglücklich, habe es aber niemandem gesagt, denn so früh kann die Schwangerschaft auch einfach mit der Periode abgehen. Zurück in Berlin bin ich sofort zu meiner Freundin gerannt, morgens um sieben Uhr, ich musste es einfach jemandem erzählen. Dem Papa habe ich es dann fünf Tage später gesagt, als er auch wieder zu Hause war, dazu habe ich einen positiven Schwangerschaftstest als Geschenk verpackt. Er hat es erst gar nicht kapiert, sehr lustig, danach war er minutenlang zu baff um etwas zu sagen, dann haben wir beide Freudentränen vergossen. Wir hatten beide nicht damit gerechnet, dass es beim ersten Versuch klappt, haben uns aber umso mehr gefreut.“

Bild: privat

Hat er dich auch zu den Arztterminen und bei der Geburt begleitet?

„Er war bei allen Ultraschallen und den wichtigen Terminen dabei. Bei der Geburt war ich mir nicht sicher, das ist ja schon sehr intim, meine Mama wäre dabei gewesen. Als dann feststand, dass es ein Kaiserschnitt werden wird, haben wir es geteilt, meine Mama war bei mir als Beistand, da ich so viel Angst hatte und als die Kleine dann draußen war und kurz untersucht wurde, war er bei ihr und dann bei uns im OP. Sie lag dann die ganze Zeit auf mir, während ich genäht wurde.“

Er ist ein sehr präsenter Vater.“

Wie kann man sich die Co-Elternschaft konkret im Alltag vorstellen? Welche Rolle spielt der Co-Papa?

„Die Kleine ist, solange sie gestillt wird, hauptsächlich bei mir, das hatten wir vorher so festgelegt. Da sie noch sehr klein und anhänglich ist, kommt er uns besuchen, eigentlich jeden freien Tag – ungefähr 20 Tage im Monat ist er da. Meistens mittags, da ist sie fit und spielt mit ihm und dann machen sie gemeinsam Mittagsschlaf. Die ganz Kleinen haben ja noch keinen festen Tagesablauf, aber wir finden immer ein Zeitfenster. Er ist da zum Glück auch sehr flexibel, wir stimmen uns recht spontan ab. Sie sieht ihn also fast jeden Tag, nur nachts sind wir alleine. Er ist also ein sehr präsenter Vater, sie kennt ihn gut und freut sich, wenn er kommt. Noch hängt sie sehr an mir, ich muss also in der Nähe bleiben, kann aber mittlerweile auch mal laufen gehen, einkaufen oder einfach freie Zeit genießen.“

In einem Blogeintrag schreibst du über die Herausforderungen für deine Tochter bei der Co-Elternschaft: „Papa kommt, das bedeutet Mama geht weg.“ Machst du dir Sorgen, wie sie später mit dem Modell klarkommt?

„Nein, eigentlich nicht. Anfangs war es immer so, dass er kam und ich dann Haushalt gemacht habe, vorgekocht, duschen und so weiter. Als wir gemerkt haben, dass sie diese Assoziation vielleicht haben könnte, haben wir einen Übergang eingeführt, wir verbringen jetzt Zeit mit ihr gemeinsam, also zu dritt und dann verabschiede ich mich so langsam. Sie ist da etwas eigen, lässt sich auch so kaum von jemandem anfassen. Der Kleine einer Freundin lässt sich mit einem Jahr nicht vom Papa die Windeln wechseln oder sich ins Bett bringen, von daher haben wir noch Glück. Spannend wird es sicher noch mal, wenn ich wieder arbeiten gehe, da wird sie aber schon eineinhalb Jahre alt sein. Ich bleibe bewusst länger als ein Jahr zu Hause, damit sie sich langsam daran gewöhnen kann. Wir werden das stufenweise einführen: Erst wird er hier übernachten mit ihr im Gästebett, dann wir zusammen bei ihm, irgendwann sie alleine, immer in ihrem Tempo. Bedenken habe ich da eigentlich keine, es klappt ja bei all unseren Kollegen auch. Außerdem wohnen ab Herbst meine Eltern in Berlin, die werden sicher helfend einspringen, wenn es doch mal Probleme geben sollte. Oma und Opa lieben sie heiß und innig, das wird also schon alles gut werden.“

Verstehst du dich zu gewissen Teilen als alleinerziehende Mutter?

„Nein, gar nicht. Klar, ich bin viel mit ihr alleine, aber das stresst mich eigentlich kaum, die Kleine schläft nachts ziemlich gut, und so bin ich tagsüber meistens ausgeschlafen und kann alles gut schaffen. Eigentlich sind ja die meisten Mütter mit den Kindern am Tag alleine, wenn der Vater arbeitet, so anders ist das also nicht. Bei uns ist eben Papa mittags da und nicht abends. Aber alleinerziehend fühle ich mich auf keinen Fall, das ist etwas ganz anderes. Wo eine alleinerziehende Mutter alleine im Ozean schwimmt, da zappele ich in einem Rettungsring. Ich könnte immer anrufen, wenn ich nicht mehr kann und Papa kommt dann, auch nachts.

Im Moment hilft nachts nur stillen, da kann er nicht viel machen, aber wenn das Kind zahnt und stundenlang rumgetragen werden muss, dann wird er sicher des Öfteren mal hier übernachten und das übernehmen. Und wenn sie älter ist, wird sie ja auch zwei bis drei Tage die Woche bei ihm wohnen, er ist dann voll involviert. Außerdem treffen wir Entscheidungen zusammen, teilen die Verantwortung. Er zahlt ja regelmäßig Unterhalt, aber auch wenn ich in eine finanzielle Schieflage geraten würde oder eine große Anschaffung ansteht, wäre er da und würde mich unterstützen. Ich bin also viel mit dem Kind alleine, aber eben nicht ganz auf mich alleine gestellt. Das ist ein großer Unterschied und etwas, was ich an Alleinerziehenden sehr bewundere, denn sie müssen ziemlich viel mehr stemmen als ich.“

Bild: privat

Wie kommt der Papa damit klar, dass sein Kind nicht bei ihm wohnt — kommt es manchmal zu Eifersüchteleien?

„Nein, gar nicht. Solange sie ausschließlich gestillt wird und keine Flasche akzeptiert, geht es ja auch kaum anders. Er sieht sie ja trotzdem sehr oft. Und wenn er erst mal die erste Nacht durchgemacht hat und sie dann auch noch den ganzen Tag bespaßen muss, dann freut er sich sicher auch im Nachhinein über die für ihn ruhige Anfangszeit.“ (lacht)

Wie sieht es mit der Erziehung oder solchen Themen wie Kitaplatz aus, liegt das vor allem bei dir oder entscheidet ihr das zusammen?

„Wir sprechen uns bei allen großen Entscheidungen natürlich ab, so wie alle Eltern. Die Kleinigkeiten entscheiden wir individuell, jeder singt zum Beispiel andere Lieder, aber meistens hält er sich doch dankbar an meine Tipps und Tricks. Entscheidendes wie Kita und Schule entscheiden wir aber gemeinsam.“

Sie wird sicher nicht das einzige Kind im Kindergarten sein, dessen Eltern getrennt leben.“

Was sagst du, wenn dich andere nach dem Vater fragen? Erklärst du die Co-Elternschaft oder sparst du dir das manchmal und erfindest einfach etwas?

„Ich erzähle es immer genau so, wie es ist, ich stehe voll hinter dem Konzept. Je länger ich damit Erfahrung sammle, umso besser finde ich es tatsächlich. Das Kind wird auch mit seiner Geschichte aufwachsen und es als ganz normal empfinden. Sie wird sicher nicht das einzige Kind im Kindergarten sein, dessen Eltern getrennt leben. Heutzutage sind ja auch Kinder mit zwei Müttern nicht mehr ungewöhnlich, hoffentlich ist es in ein paar Jahren noch normaler, dass es eben auch andere Familienkonzepte gibt als klassisch Mutter-Vater-Kind und es ist kein Stigma mehr. Für die Kleine wird es aber einfach ganz normal sein, dass Mama und Papa nicht zusammenwohnen und sie wird, immer altersgerecht natürlich, die ganze Geschichte erfahren.“

Was würdest du sagen, sollte man sich auf jeden Fall klarmachen, wenn man sich wie ihr für ein Kind in einer Co-Elternschaft entscheidet?

„Ich habe ja den Vergleich nicht, aber eigentlich stelle ich es mir genauso vor, wenn man mit einem Partner geplant ein Kind bekommen möchte. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass sich das ganze Leben erst mal ändert, dass ein Kind einen für ziemlich lange Zeit aneinander bindet, dass ein Kind viel Geld kostet, die Rollen muss man grob verteilen beziehungsweise, sich einig sein, wer wann welche Aufgaben übernimmt. Sowas sollte ein Paar im Idealfall vorher auch besprochen haben.

Woran ich mich gewöhnen musste war, dass er nun fast jeden Tag da ist. Von ganz alleine zu Baby und Dauergast, das war schon eine Umstellung. Aber das ist ja auch nicht ewig so, sobald sie abwechselnd wohnt, habe ich auch wieder mehr Ruhe. Ich dachte vor der Geburt, dass sie dann jeden Tag mit Papa spazieren geht, aber sie bleibt ja weder lange im Wagen noch mehr als 30 Minuten von mir getrennt. Auf den Tag, an dem sie im Kinderwagen schläft, warte ich bis heute. So ist es dann nämlich, das Baby gibt die Regeln vor und man muss sich fügen, egal, wie man sich das vorher ausgemalt hat.“


Von Silvia Follmann auf EDITION F.

Hier könnt ihr EDITION F auf Facebook folgen.

Außerdem auf ze.tt