Warum Genforschung besser ist, als ihr Ruf

Wo führt unser Wissen uns hin? Wenn es um Forschung geht, sollten wir mutig voranschreiten – und lieber über den Umgang mit unseren Neuentdeckungen streiten. 

© John D. McHugh/Getty Images

Forschung am Menschen: Was tun wir mit unserem Wissen? © John D. McHugh/Getty Images

Wollen wir Babys nicht lieber auf natürlichem Wege bekommen? Wäre die Welt ohne Kernenergie nicht eine bessere? Und ist die künstliche Intelligenz nicht eine tödliche Gefahr? Ja. Ja zu allen Fragen. Der Fortschritt hat uns auf einen gefährlichen Weg gebracht. Dennoch muss es weitergehen.

Wenn wir weiter forschen, werden die Gefahren größer, ja. Aber wir müssen lernen, damit umzugehen. Das lehrt uns die Geschichte. Menschen aufschneiden, beim Sex verhüten, das waren Todsünden, bei Krankheiten half nur: beten. Jahrhundertelang entwickelte sich die menschliche Zivilisation nicht so schnell, wie es möglich gewesen wäre. Nun geht es um Eingriffe in das menschliche Erbgut. Und wieder stehen wir vor einem ethischen Problemen, moralischen – und auch rein wissenschaftlichen.

Die Gefahren sind groß

In dieser Woche tagte die „International Summit of Human Gene Editing“ in Washington; es trafen sich die führenden Gen-Forscher der Welt mit Juristen und Ethik-Experten und überlegten, was sie dürfen wollen. Das Statement, das nach der Tagung veröffentlicht wurde, listet Probleme, die schockieren, Angst machen. Spannend ist der Abschnitt über die Beeinflussung menschlicher Keimzellen, den Grundlagen unseres Lebens. Sechs Themen nennen die Wissenschaftler:

  • Durch falsche oder unvollständige Eingriffe in das Genom sind unerwartete Mutationen denkbar
  • Schädliche Effekte auf das Baby sind schwer vorhersagbar
  • Auch zukünftige Generationen werden beeinflusst
  • Ist der Eingriff vorgenommen und das Baby geboren, wird sich der Mensch ebenfalls fortpflanzen – eine Genmanipulation wäre schwer aus dem menschlichen Genpol zu entfernen
  • Soziale Ungleichheit droht, anderen könnten die Genveränderungen aufgezwungen werden
  • Die Evolution des Menschen wird beeinflusst, das hat moralische und ethische Aspekte

Gruselig. Ich finde es erschreckend, wirklich. Eine Mutation, die wir vielleicht erst nach vielen Generationen bemerken und die meinen Nachkommen vielleicht das Leben schwer macht. Ich will das nicht.

Aber das ist leicht gesagt.

Wir sprechen hier von Forschung. Seit Jahrtausenden leben wir Menschen auf diesem Planeten und wir lernen Dinge. So sind wir Menschen. Und anders als im Mittelalter sollten wir nicht aus Angst Halt machen.

Wir brauchen keinen kalten Forschungskrieg

Es gibt dieses Argument: Was wir – die Menschen, die diese Debatten umsichtig führen – nicht erfinden, das erfinden irgendwann Konzerne, die an der Verzweiflung von Eltern verdienen, die ohne einen Eingriff kein gesundes Baby bekommen können. Oder es erfinden militärische Forschungseinrichtungen unserer Feinde. Ich halte es für problematisch, weil es einen kalten Forschungskrieg nach sich zieht.

Der Gewinn, den uns die Wissenschaft bringt, ist ein anderer: Die Ergebnisse der Forscher bereiten uns darauf vor, schwere Krankheiten zu heilen.

Die Debatte, die die Wissenschaftler führen, ist schon sehr weit, sie ist klug. Genetiker wollen mit Sozialwissenschaftlern, Ethik-Experten, Krankenkassen, Patienten, ihren Familien, Behinderten, Politikern, Forschungsmäzenen, Religionsvertretern, Meinungsführern, Unternehmen und ganz normalen Menschen sprechen. Sie wollen nicht wissen, ob sie weitermachen dürfen. Sie wollen wissen, was die Menschheit mit ihrem Wissen tun wird.

Das ist klug. Lasst uns darüber reden, was wir mit unserem Wissen machen. Die Frage ist niemals, ob die Menschheit etwas erfinden wird. Die Frage ist wann. Und die Frage ist, ob wir unsere Lernfähigkeit überleben werden. Dafür müssen wir sorgen.