Zu diesen Märchen schlafen Kinder in Burkina Faso ein

Unsere Märchen wurden bereits x-mal verfilmt – viele westafrikanische Fabeln sind hingegen nicht einmal schriftlich dokumentiert. Clément Drabo hat erstmals ausgewählte Märchen aus seiner Heimat Burkina Faso in einem Buch gesammelt.

© Cornelia Wiekort/Jaja Verlag

Der Jäger Koyo und seine sieben Hunde. © Cornelia Wiekort/Jaja Verlag

Disney verwurschtete die Geschichten von Aschenputtel, Schneewittchen und Dornröschen zu Zeichentrickabenteuern, Hollywood ließ „Hensel und Gretel“ zu Hexenjägern heranwachsen und überall gibt’s Grimm-Sammlungen zu kaufen: Unsere Märchen sind längst durchkommerzialisiert.

Ganz anders steht es um die Märchen aus dem Mande-Sprachgebiet im Westen von Afrika: Bis heute werden viele Geschichten in Burkina Faso und umliegenden Staaten lediglich mündlich weitergegeben. Clément Drabo ist der erste, der die Geschichten seines Volkes Samo dokumentiert hat. In seinem Band „Die sieben Hunde und Koyo“ sammelte der 1993 nach Deutschland immigrierte Wahl-Berliner vier der bekanntesten Volksmärchen aus seiner Heimat, Cornelia Wiekort illustrierte sie.

In diesen Staaten sind 60 unterschiedliche Sprachen der Mande-Familie in Gebrauch. © Cornelia Wiekort/Jaja Verlag
In diesen Staaten sind 60 unterschiedliche Sprachen der Mande-Familie in Gebrauch. © Cornelia Wiekort/Jaja Verlag

In der Titelgeschichte lernt ein Jäger, im Einklang mit der Natur zu leben. „Toutou und der Geist“ erzählt von einem ungezogenen Mädchen, das im Stil des „Struwwelpeter“ bestraft wird. „Der arme Samba“ lernt, dass Armut immer eine Frage der Sichtweise ist. Wie in europäischen Märchen geht es häufig um Kinder, Hexen und Zauber – und am Ende wird in emanzipatorisch Tradition eine Lehre vermittelt.

Ein paar Unterschiede bestehen dennoch. „Jede Kultur hat Besonderheiten, die sich in den Märchen widerspiegeln“, sagt Drabo. „In unseren Geschichten sind Geister sehr präsent, weil sie auch heute noch für die Menschen eine große Rolle spielen.“ Unerklärliche Phänomene werden in Mali, Elfenbeinküste oder Burkina Faso immer noch mit Zauberern, Magie, Geistern oder übernatürlichen Kräften erklärt. „Die Märchen bestärken diesen Glauben zusätzlich.“

„Jeden Tag ging er mit seinen Hunden auf die Jagd. Viele Tiere des Waldes wurden von ihm getötet, und so versammelten sich eines Tages die, die noch am Leben waren, um zu beraten, wie sie ihn von der Jagd abhalten könnten […] Am nächsten Morgen verkleidete sich der Affe also und machte sich auf den Weg, um den Jäger zu heiraten.“ – aus „Sieben Hunde und Koyo“

Drabo stammt aus dem Samo-Sprachgebiet in Burkina Faso und ist zweisprachig aufgewachsen. Märchen hat er in seiner Jugend auf Samo und Dioula gehört. Bei der Übersetzung hat Drabo darauf geachtet, dass nichts verloren geht. Allerdings ließ sich ein elementarer Bestandteil der Märchen nicht ins Buch aufnehmen: „Sie werden nicht vorgelesen, wie man es in Deutschland kennt, sondern im Sprechgesang vorgetragen. Dazu wird im Rhythmus geklatscht und manchmal sogar getanzt.“

Am besten hat Drabos Tante ihm Märchen vorgetragen. „Sie hat das sehr beeindruckend gemacht, ich war danach immer fröhlich“, erzählt Drabo. „Wenn ich heute daran denke, bekomme ich noch eine Gänsehaut.“ Die Gänsehaut gibt er jetzt an seine beiden Kinder weiter, indem er ihnen abends westafrikanische Märchen vorträgt. Manchmal sind auch deutsche dabei, vor allem „Aschenputtel“ – die Geschichte mag Drabo gerne.


Welches Märchen hat euch am meisten geprägt und warum? Schreibt uns eure Märchen-Geschichte an team@ze.tt und gewinnt mit etwas Glück ein Exemplar von „Die sieben Hunde und Koyo“.

Hier findet ihr eine Leseprobe der „Die sieben Hunde und Koyo“ und hier geht es zur Webseite des Jajaverlags.