Zu wenig Frauen schreiben über Musik

Der Musikjournalismus wird in Deutschland von Männern dominiert. Das äußert sich negativ – vor allem in der Berichterstattung über Frauenbands.

Im Musikjournalismus gibt es zu wenig Frauen. REHvolution.de/Photocase

Dieser Text ist ein Auszug der multimedialen, interaktiven Scrollytelling-Geschichte „Pop ist kein weißer, heterosexueller Mann“ von detektor.fm.

Dass die berühmt-berüchtigten guitar heroes meist männlich sind, liegt, wie die Musikwissenschaftlerin Sarah Schauberger darlegt, vorwiegend an den Verantwortlichen für solche Rankings: den Journalisten. Während der Gitarrenheld laut diesen Listen scheinbar männlich ist, hat der Musikjournalismus für Frauen an der Gitarre ein ganz eigenes Genre erfunden: die female guitarists. Und stehen bei einer Band ausschließlich Frauen auf der Bühne, wird gerne von einer Frauenband gesprochen.

Man stelle sich dagegen mal folgenden Satz vor: „Die Pet Shop Boys sind ein Männerduo aus London“.
– Linus Volkmann auf Kaput-Mag.com

Wie absurd so eine Kategorisierung ist, hat der Popjournalist Linus Volkmann vor einigen Monaten zum Thema gemacht. Ein FAZ-Autor hatte die Band Schnipo Schranke unter anderem als Frauenduo bezeichnet, für Volkmann eines der Indizien dafür, wie sehr der Musikjournalismus in Deutschland von einer “Männersprache” geprägt ist, die Frauen in der Musik als Abweichung beschreibe.

Es fehlt an jungen Autorinnen

Begrifflichkeiten wie Frauenband lehnt auch Jennifer Beck ab. Als Redakteurin beim Pop-Kultur-Magazin Spex versucht Beck, vorgefertigte Kategorien generell zu vermeiden. Warum spiele es eine Rolle, ob die Musik von einem Mann oder einer Frau gemacht werde? Aber auch: “Warum muss ich denn zum Beispiel das Alter von einer Musikerin aufschreiben, wenn es eigentlich nichts übers Werk aussagt?”

Wenn über Künstlerinnen berichtet wird, dann häufig von älteren, weißen Männern.
– Jennifer Beck, Spex-Redakteurin

Allerdings sei das nicht für jeden Autoren und jede Autorin selbstverständlich, immer wieder begegne ihr eine solche Sprache. Das liege auch an den Geschlechterverhältnissen im Musikjournalismus, glaubt Beck. Häufig habe sie Schwierigkeiten vor allem junge Autorinnen für einen Auftrag zu gewinnen. Wenn sie Frauen anspreche, seien diese viel zurückhaltender und kritischer. Liegt es also, wie schon die ehemalige Labelchefin Tess Rochholz vermutet hat, am fehlenden Selbstbewusstsein, dass es weniger Frauen als Männer in der Musikbranche nach oben schaffen?

Jennifer Beck, Spex-Redakteurin. Foto: Jennifer Beck

Pop ist de facto kein weißer heterosexueller Mann. Pop ist bunt und Pop ist unisexuell. Und doch seien es, wie auch die Musikwissenschaftlerin Beate Flath feststellt, die Neigungen und Ansichten der Männer, die die Musikbranche dominieren. Die Labels würden auf bewährte Vermarktungsstrategien vertrauen und diese seien für weibliche Künstler erheblich eingeschränkter als für Männer. Es gelte oft immer noch: sex sells.


Von Isabelle Klein und André Beyer

Die multimediale, interaktive Scrollytelling-Geschichte „Pop ist kein weißer, heterosexueller Mann“ ist ursprünglich auf detektor.fm erschienen.