Zwei junge Frauen erzählen von ihrem Weg aus der Angst

Die 29-jährige Studentin Sophia leidet an einer diagnostizierten Angststörung und befindet sich seit drei Jahren in Therapie. Auch Eva war jahrelang von ihrer Angst gezeichnet. Eine Annäherung.

Zu viel Angst kann auch die Freude nehmen. Foto: Pexels | CC0 Lizenz

Als andere zum Feiern in die Altstadt gingen, saß Eva zu Hause und wählte die 112. Mit 21 Jahren bekam die Düsseldorfer Großhandelskauffrau zum ersten Mal Panikattacken, wenn sie in Menschenmengen stand. In ihren Hochphasen ging Eva nicht mehr vor die Tür. Lief sie ein paar Schritte, dann fing der Boden an zu wackeln. Sie musste sofort umkehren. Vor den schlechten oder panischen Gedanken kamen bei ihr zuerst die körperlichen Symptome, die sich ähnlich wie bei einem Herzinfarkt äußerten und in Todesangst resultierten. Die damalige Beziehung zu ihrem Freund beendete sie, weil sie ihm ihre Krankheit nicht zumuten wollte.

Auch die 29-jährige Berliner Studentin Sophia kennt diese Zeichen des Körpers, die die Angst bei ihr auslösen. Ein Universitätsgebäude reicht schon, um ihr den Hals zuzuschnüren. Das kennen sicher viele Studierende, doch Sophia begleiten diese Krankheitszeichen fast täglich. Der Gedanke an die Seminare, an das Bewältigen von Aufgaben ist für sie eine bedrohliche Situation. So bedrohlich, dass sie die Seminare irgendwann nicht mehr besuchte und aus Scham gar nicht mehr zur Uni ging.

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Sophia und Eva sind mit ihren Ängsten nicht alleine. Anfang Mai fand in Berlin ein Symposium der Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) und der Gesellschaft für Angstforschung (GAF) unter dem Titel: Deutschland – ein Ort der Angst? statt, der die Relevanz von Angststörungen aufzeigt. Hier wurde von etwa zwölf Millionen Menschen in Deutschland gesprochen, die an Angststörungen wie etwa Panikstörungen, sozialen Phobien oder generalisierter Angst leiden. An dem Symposium nahm auch Jupiter-Jones-Ex-Sänger Nicholas Müller teil, der sich schon vor Jahren öffentlich zu seiner Angststörung bekannte und sich daher damals für gewisse Zeit aus dem Rampenleben entfernte. Mit Jupiter Jones veröffentlicht er damals den Song Das zu wissen, der seine Angst zum Thema machte. Auch ein Buch hat er über seine Erlebnisse geschrieben und konnte nach stationärer Behandlung und mit Medikamenten therapiert werden.

Verschiedene Therapieansätze

Nach vielen Jahren konnte auch Eva ihre Angst bändigen, doch bis dahin war es ein langer Weg mit verschiedenen Therapieansätzen. Konfrontationstherapie zum Beispiel. Die damaligen Therapeut*innen nahmen ihr Handy und ihren Glücksbringer, setzten sie in den nächsten Zug nach Dortmund und forderten sie auf, dort eine Stunde zu verweilen und zurück nach Düsseldorf zu fahren.

Für Eva eine Überforderung. Sie schaffte es zwar nach Dortmund, doch kauerte sie dort eine Stunde in einem Subway am Bahnhof, bevor sie es schaffte zurückzufahren. Danach war sie verunsicherter als vorher. Als die Therapeut*innen sie in Empfang nahmen und die Tour besprachen, sagten sie ihr, dass sie beim nächsten Mal mit dem Auto fahren solle, „schließlich sei ich ja lebendig von der Zugfahrt zurückgekehrt.“ Eva brach die Therapie ab. „Ich hatte das Gefühl, diese Therapieart war nichts für mich, weil die Ursachen meiner Angst nicht angegangen wurden.“

Lea ist Psychologin in Ausbildung und kennt das Verfahren, das bei Eva angewandt wurde. „Man spricht in der kognitiven Verhaltenstherapie von Expositionstraining, das bedeutet Konfrontation mit der Angst. Jemand der zum Beispiel Angst vor Menschenmengen hat, geht absichtlich dorthin, wo sich viele Menschen aufhalten. Das Ziel ist es, zu erleben, dass die Angst mit der Zeit abnimmt und nichts Schlimmes passiert.“ Doch das ist nicht für jede*n was. Eva versuchte es nach der Konfrontation mit Hypnose. „Eine Hypnotiseurin hat eine CD für mich besprochen, auf der sie 90 Minuten lang davon sprach, wie schön das Leben sei und dass ich keine Ängste haben soll.“ Sich diese CD zweimal täglich anzuhören, half Eva jedoch auch nicht.

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Letztlich war sie in stationärer Behandlung, wo die Ärtz*innen sie auf Medikamente einstellten und Eva endlich abschalten konnte. Erst hier kam sie zur Ruhe und konnte mithilfe der Medikamente und Gesprächstherapien ihre Probleme in den Griff bekommen. Als sie erfuhr, dass sie Placebos nahm, war sie baff. Die Zeit in der Klinik half ihr am meisten, sagt sie. Eine stationäre Behandlung sei nicht schlimm, denn dort komme man zur Ruhe und lerne andere Betroffene näher kennen. Eva tauschte sich mit anderen Panik-Betroffenen aus und merkte schnell, dass sie nicht alleine da steht. Das habe ihr geholfen.

Mittlerweile hat Eva ihre Ängste im Griff. „Wenn ich heute merke, dass ich wieder panisch werde, versuche ich mich zu beschäftigen. Ich gehe dann meistens spazieren oder mache Sport.“

Angst und Empathie

Sophia wurde anders therapiert. Mit ihrer ersten Verhaltenstherapeutin lernte sie Atem- und Entspannungsübungen, die sie in ihren Alltag integrieren konnte. Es gibt zum Beispiel Akupunkturpunkte im Gesicht. Gerät Sophia vor einer Prüfung in Panik, beruhigt sie sich, indem sie mit dem Finger auf einen Punkt zwischen den Augenbrauen tippt. Weitere Entspannungsübungen sind etwa die nach Jacobson. Dabei werden Muskeln für einige Sekunden bewusst angespannt und dann entspannt.

Obwohl es Sophia langsam besser ging, sah sie sich mit einigen Vorurteilen konfrontiert. Als ihre Mutter einer Freundin von der Therapie ihrer Tochter erzählte, kommentierte diese, wie sie es so weit hätte kommen lassen. Sophia merkt oft, dass viele ihre Angst nicht greifen können, weil sie – anders als die Angst vor einer Spinne, die physisch da ist – formlos ist. Um bestimmte Ängste nachvollziehen zu können, braucht man laut Sophia vor allem eine Menge Empathie.

Setzt euch mit der Angst auseinander

Egal ob es Platzangst oder Versagensangst ist: Sophias Ratschlag an Menschen, die verschiedene Angstsymptome kennen, ist, sich damit auseinanderzusetzen. Eventuell eine Therapie zu beginnen. Es ist nicht einfach, sich dafür zu entscheiden, doch aus ihrer eigenen Erfahrungen kann sie sagen, wie viel es hilft, zu überlegen, was Angst für jede*n selbst bedeutet und den Ursprung der Angst zu suchen.

Denn Angst muss nicht gleich eine Angststörung sein. Was grenzt sie ab? Es ist normal, sich in Menschenmassen gelegentlich eingeengt zu fühlen und zum Beispiel auf einem Fernsehturm Unwohlsein zu empfinden. Aber wenn die Angst schon in der ersten Etage beginnt oder es bei einer kleinen Menschenansammlung zu Schnappatmungen oder Schwindelgefühlen kommt und immer wieder auftaucht, kann sie krankhaft sein. Was die Angststörung vor allem von normalen Ängsten unterscheidet, ist, wenn Betroffene plötzlich Plätze mit vielen Menschen meiden. Dieses Vermeidungsverhalten ist charakteristisch für eine Angststörung.

Wege aus der Angst

Sophia ist stolz auf sich, dass sie ihre Angst in den Griff bekommen hat. Wenn Panik in ihr aufsteigt, steuert sie heute dagegen. Anfang des Jahres hatte sie einen längeren Urlaub in Südostasien mit ihrer Mitbewohnerin geplant. Als diese dann kurz vorher absprang, musste Sophia alleine fliegen. Da war wieder die Angst, es nicht alleine zu schaffen. Denn bei Sophia war es die Angst vor dem Scheitern, die Panikattacken bei ihr auslöste. Das hat sie in der Therapie herausgefunden. Trotz aller Angst flog sie: Sie hat es einfach gemacht. Früher hätte sie das nicht gekonnt.


*Namen geändert

HILFE HOLEN

Plagen dich auch Ängste und Panikattacken? Bei der Telefonseelsorge findest du online oder telefonisch unter den kostenlosen Hotlines 0800-1110111 und 0800-1110222 rund um die Uhr Hilfe. Du kannst dich dort anonym und vertraulich beraten lassen, welche Form der Therapie dir helfen könnte.