Zwei Monate ohne Alkohol – die Phasen meiner Abstinenz

Zu Weihnachten steigt der Alkoholkonsum quasi parallel zur Stromrechnung. Den letzten Januar verbrachte unsere Autorin rauschfrei – und merkte, wie selbstverständlich Alkohol zu ihrem Alltag gehört.

Wir verbinden Wohlbefinden und Geselligkeit viel zu oft mit Alkohol. © Kay Fochtmann/photocase.de

Ich trinke. Jedes Wochenende ein paar Drinks. Damit liege ich so ziemlich im Durchschnitt: Beim Global Drug Survey 2016, der weltweit größten Drogenumfrage im Netz, haben 36 Prozent der 30.000 Befragten angegeben, zwei- bis viermal im Monat Alkohol zu trinken; 34 Prozent zwei- bis dreimal pro Woche. Passt.

Außer an Weihnachten. Da fließt der Alkohol unaufhörlich wie „Last Christmas“ aus dem Radio. Ich treffe Freunde, trinke Glühwein. Ich tanze auf der Weihnachtsfeier, trinke Weißwein. Ein Gläschen hier, ein „Prost“ da – Dezember ist ein rauschendes Fest.

Und dann Weihnachten: Endlich frei, nachdem wir zwölf Monate durchgeackert haben. Wir verabschieden uns von der Vernunft und feiern das Leben. Genauer: Wir feiern, am Leben zu sein. „Das Jahr geht zu Ende. Wir leben noch“, schrieb auch Elisabeth Raether, die „trinkende Frau“ der Zeit, bereits letztes Jahr darüber, warum sie trinke. Und es scheint so, als ob 2016 uns noch mehr Anlass geben sollte, zusammenzukommen und das Leben zu feiern.

Zu viel ist zu viel

Doch wo ein guter, gelegentlicher Rausch befreiend wirken kann, fühle ich mich nach wöchentlichen Gelagen im Dezember schwer, voll und ungesund. Ich trinke zu viel an Weihnachten und Silvester – und bin damit nicht allein: Jede*r siebte Deutsche guckt an den Feiertagen zu tief ins Glas. Das zeigt eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsinstituts INSA im Auftrag des Verbandes Privater Krankenversicherungen (PKV).

Und tatsächlich ist Alkohol die schädlichste aller Drogen. Ist er doch so einfach zu haben und gesellschaftlich so akzeptiert. Doch er belastet die Leber, Immunsystem und unsere Stimmung. Gesundheitsministerien raten daher, mindestens zwei alkoholfreie Tage in der Woche einzulegen. Und einmal im Jahr zwei Wochen komplett abstinent zu leben.

[Außerdem bei ze.tt: Uns fällt gar nicht mehr auf, wie viel wir trinken]

Letzten Januar entschloss ich mich für den Detox: acht Wochen ohne Drinks. Unmöglich? Easy? Lächerlich? Zugegeben: Ich kam mir albern vor, eine Pause einzulegen. So viel trinke ich nun doch nicht, dachte ich. Aber mein Körper schrie nach einer Pause, das musste ich mir eingestehen. Also begann ich das neue Jahr rauschlos. Mein Vorsatz für die nächsten acht Wochen.

Phase 1: Klarkommen

Direkt nach Neujahr fällt die Abstinenz noch leicht. Hatte ich doch Bier und Wein seit Wochen im Überfluss. Ich schicke meinen Körper erstmal auf Kur und es fühlt sich wahnsinnig gut an: Mit jedem Tag fühle ich mich fitter und gesünder.

Phase 2: Leugnen

Warum habe ich je getrunken, denke ich übermütig. Ich brauche Alkohol nicht. Vielleicht sollte ich ganz aufhören. Ist eh überbewertet. Und so ungesund.

Phase 3: Erkennen

Dann kommt die erste Party. Mit Fremden reden – kein Problem! Die erste auf der Tanzfläche sein – lasst mich durch! Ich habe mich immer für sehr gesellig gehalten und liebe es, auf Partys eingeladen zu werden. In meiner abstinenten Zeit merke ich plötzlich: Small Talk ging mir auch schon mal leichter von der Zunge. So geil ist Destiny’s Child nun auch nicht, dass ich stundenlang dazu tanzen muss. Und warum bin ich so verdammt müde – um Elf?

Phase 4: Vermissen

Ich will hinschmeißen. Will trinken. Nicht viel, einen Gin Tonic. Oder auch nur eine Weinschorle – ich nehme alles!

Phase 5: Hassen

Langsam kommt Wut hoch. Ich kann auf keine Party gehen, auf der nicht gesoffen wird. Ich kann generell nicht mehr auf Partys gehen. Es ist kaum auszuhalten, wenn die Menschen um einen herum mit jedem Schluck geistig wegdriften und körperlich ranrücken. Fragen nach einer möglichen Schwangerschaft prallen meist an mir ab, aber der Satz „Trink‘ doch mal was!“ bringt meinen Blutdruck zum Explodieren. Können die Leute nicht akzeptieren, wenn sich jemand nicht abschießt? Warum müssen alle immer mitziehen? Liegt es an Berlin oder ist das ein deutsches Ding? Die Ignoranz nervt. Vielmehr aber noch die Überredungsversuche und dass ich meine selbstgewählte Abstinenz ständig erklären muss.

Phase 6: Akzeptieren

Endlich bin ich im Reinen: körperlich und geistig. Ich habe akzeptiert, dass ich nicht trinke. Meine Freunde auch. Ich kenne mittlerweile alle Softdrinks und Schorlen im Späti-Sortiment auswendig und bin unendlich dankbar, dass das Hipstertum uns Alternativen zu Cola und Fanta verschafft hat. Ich gehe immer noch aus, aber weniger. Und ich gebe weniger Geld aus. Mittlerweile genieße ich es, nüchtern auf Partys zu sein. Ich habe akzeptiert, dass ich ohne Rausch die Zeit mehr spüre und eben früher müde bin und gehe. Leute haben akzeptiert, dass ich nicht trinke – und schenken mir Bewunderung, während sie an ihren Gläsern hängen.

Phase 7: Neu anfangen

Und in dieser Erleichterung komme ich zum Ziel. Die acht Wochen sind vorbei und ich gönne mir meinen ersten Drink: Whiskey Sour. Er knallt. Und ich genieße. Den Geschmack – und dass ich nur diesen einen an diesem Abend brauche. Denn was meine abstinente Zeit mir gezeigt hat: So sehr der Alkohol zu meinem Alltag dazugehört, ich brauche ihn nicht. Ich trinke wieder regelmäßig am Wochenende, aber weniger. Ich bin stolz auf mich und gelobe mir selbst, jedes Jahr eine Pause einzulegen – wenn auch nur zwei Wochen.