Zwischen alten Rollenbildern und One-Night-Stands: Junge Chinesinnen im Sex-Dilemma

Daheim brav, auf Partys wild. Von einer sexuellen Revolution ist China weit entfernt. Das ist jedoch vor allem für junge Frauen kein Grund, mit Sex bis zur Ehe zu warten.

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Sex gilt als Tabu. Gesprochen wird darüber in China öffentlich überhaupt nicht; getan wird es hinter verschlossenen Türen und ausschließlich mit dem Ehepartner. Bislang.

Tatsächlich sind insbesondere junge Frauen in Großstädten wie Peking längst in ihre eigene Welt abgetaucht: einer Welt, in der in Diskos ein Blick genügt, um es kurz darauf in der Toilette zu treiben. Einer Welt, in der Sexpartner*innen im Freundeskreis, in der WG, auf der Party so selbstverständlich herumgereicht werden wie der Joint hinterher. In dieser Welt toben sich junge Frauen allnächtlich in ihrem Großstadtleben aus, lassen Lust und Leidenschaft ungehemmt freien Lauf. Und mimen, wenn sie einmal im Monat auf Heimatbesuch bei der Familie sind, weiterhin das brave und völlig unschuldige Mädchen.

Zwischen weiblichem Selbstbewusstsein und archaischen Moralvorstellungen

Es rächt sich, dass chinesische Eltern ihre Kinder in einen goldenen Käfig stecken. Laut einer Umfrage der Peking University von 2009 hatte die Hälfte der 15- bis 24-Jährigen beim ersten Mal ungeschützten Sex, jedes fünfte Mädchen war schon mal ungewollt schwanger. Heimliche Abtreibungen Minderjähriger sind an der Tagesordnung. 15 Prozent der Neuinfizierungen mit HIV stammten 2015 aus dieser Altersgruppe. Eine Umfrage der Sexualkundlerin Hu Ping ergab, dass mehr als 50 Prozent dessen, was Jugendliche über Sex wissen, aus dem Internet oder Zeitschriften stammt. Nicht einmal 10 Prozent erfahren etwas von den Eltern oder Lehrer*innen.

Nachhilfestunden für Eltern, Pflicht-Sexkurse für Universitäten und Sexualerziehungswerke in Schulbibliotheken: Allmählich erkennt auch die Regierung den Nachholbedarf und will theoretische Fakten vermitteln, die sich die jungen Leute praktisch längst angeeignet haben. Unis stellen Kondom-Maschinen in der Mensa auf, mit Erfolg: Aktuell erfährt die Kondom-Industrie in China einen nie gekannten Boom. Inzwischen werden Kondome sogar offen im Supermarktregal verkauft. Früher undenkbar.

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Die Bloggerin Muzi Mei erregte bereits vor 14 Jahren großes Aufsehen mit subversiven Schilderungen ihrer wilden One-Night-Stands. Sie galt als Staatsfeind Nummer 1 und als Heldin und Vorbild einer ganzen Generation. Was damals ein Skandal war, kommt heute ins Fernsehen: Ode to Joy heißt das chinesische Pendant zu Sex and the City, in der sich fünf junge Großstadtfrauen über die Männer hermachen. 24 Milliarden Mal wurde die zweite Staffel, die diesen Juli beendet wurde, online angeklickt. Dabei schildert die Serie das Dilemma zwischen weiblichem Selbstbewusstsein und archaischen Moralvorstellungen: So wird etwa eine Protagonistin von ihrem Freund sitzengelassen, als der herausbekommt, dass sie keine Jungfrau mehr ist.

Sex-Orgien junger Frauen, rebellische Willkürlichkeit, was die Wahl der Sexpartner*innen angeht und das Doppelleben gegenüber der Familie: Wir haben mit der 29-jährigen Loulou aus Peking über die zwei Gesichter Chinas gesprochen. Herausgekommen ist ein Protokoll eines Generationenkonfliktes.

„Sex and the City“ auf Chinesisch

Quer durch den Raum wirft der Typ mir einen intensiven Blick zu. Wir sind in einem Club in Peking, es wird getanzt, getrunken, gelacht. Doch um ehrlich zu sein, die meisten von uns sind nicht hier, um einfach nur Spaß zu haben, die meisten von uns wollen Sex. Oder auch beides zusammen, warum nicht. Und der Typ dort drüben bildet keine Ausnahme. Er nähert sich mir, wir unterhalten uns und es wird immer klarer: Der will nicht reden, der will nicht tanzen, der will nicht trinken. Der will nur das eine. Und was will ich?

China hat zwei Gesichter, sobald es um Sex geht. Es gibt das klischeehaft schüchterne und nette Mädchen, the Chinese girl next door. Sie denkt so traditionell wie ihre Eltern, sie lebt so traditionell wie ihre Eltern. Sie tut es auch, aber erst, wenn sie verheiratet ist, aber nur hinter verschlossenen Türen. Und sie spricht nicht darüber, niemals. Abends sieht sie fern mit ihrer Mutter, dann geht sie ins Bett. Allein.

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Doch es gibt auch die anderen Frauen, die Sex and the City auf Chinesisch zelebrieren, die den aus US-Serien bekannten Glamour-Lifestyle ebenso adaptiert und perfektioniert haben wie das ausschweifende Sexleben der Party-Protagonistinnen. Die ihre Sexpartner*innen so lässig wechseln wie ihre High-Heels, den Abend damit verbringen, sich sorgfältig zu schminken, dann in Discos gehen und den Männern mit unverhohlenen Blicken die Kleider ausziehen. Die tagsüber in harmlosen Uniformen im Hörsaal sitzen und nachts so verrückte, wilde Dinge tun, dass ihre Eltern durchdrehen würden, erahnten sie auch nur einen Bruchteil davon. In einem Moment auf der Tanzfläche, im nächsten auf der Toilette verschwunden. Und das garantiert nicht allein.

Clubbing und Pubbing, sagen wir. Das sind die beliebtesten Freizeitbeschäftigungen für Studierende. In der Großstadt jedenfalls. In ländlichen Gegenden und kleinen Orten lebt man anders. Dort sind die jungen Leute wild auf Karaoke, treffen sich, um chinesische Popsongs mit unschuldigen, kitschigen Texten zu trällern. In Peking sind wir wild aufeinander, auf das Leben, auf die Freiheit – die für uns sehr viel zu tun hat mit Sex.

In China hat die Macht der Familie Bestand. Umso stärker ist der Drang, sich von ihr zu lösen. An der Uni haben wir zum ersten Mal die Gelegenheit dazu. Zum ersten Mal weg von den Eltern zu sein, zu machen, was und mit wem man es will: Das ist Freiheit pur. Vorher ist so vieles verboten. An der Schule durften wir keinen Freund haben; fand sich ein heimliches Pärchen, wurde das sofort den Eltern gemeldet.

Japanische Pornos statt Sexualkundeunterricht

Ich wusste schon immer mehr über Sex als meine Freundinnen, meine Mutter arbeitet als Hebamme in einem Klinikum. Daher lernte ich so manches, vor allem jedoch über Krankheiten. Viele Mitschülerinnen dachten, durch Küssen würden Geschlechtskrankheiten übertragen, bis ich ihnen sagte, dass das nicht stimmt. Oft fragen Jüngere ihre älteren Freundinnen um Rat. Welche Positionen gibt es? Welche Geräusche kann man beim Sex machen? Und woher kommen Kinder wirklich?

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Ich habe eine Freundin, die einige Jahre jünger ist als ich. Neulich kam sie zu mir und erzählte, sie sei so verwirrt. Ihr Freund schaue gerne japanische Pornos und nun wolle er ständig Analsex haben, wünsche sich, dass sie dabei laut schreie wie ein abgeschlachtetes Tier. So machen die Frauen das, meint er. Chinesische Männer lieben japanische Pornos, dort lernen sie das, was sie wissen möchten. Natürlich sind die einschlägigen Videos, Websites, Magazine verboten und zensiert, aber die Jungs haben ihre Wege, um zu finden, was sie wollen.

Ansonsten erfährt man nichts. Aufklärung? So etwas gibt es hier nicht. Klar nehmen wir in der Schule unsere Biologiebücher durch, klar sind da auch die Kapitel zu den Mädchen und den Jungen drin. Doch alle Lehrer*innen ignorieren diesen Abschnitt. Einmal kam ein japanischer Experte zu uns an die Schule und hielt einen Vortrag über die körperlichen Funktionen von Frau und Mann. Da er kein Chinesisch sprach, musste unser Lehrer übersetzen. Er stotterte, stammelte, stockte, er druckste herum, wir wurden rot und am rötesten wurde er selbst. Wir waren alle so schüchtern.

Wir brauchen kein Kondom, da passiert nichts, ehrlich. Ich sage dann: Oh doch, da passiert was.

Nichts zu wissen und trotzdem alles probieren zu wollen, das ist gefährlich. Wir haben uns vieles selbst beigebracht. Trial and Error. Im Bett sagen die Typen mir oft: Wir brauchen kein Kondom, da passiert nichts, ehrlich. Ich sage dann: Oh doch, da passiert was. Die Jungs haben ja auch keinen Schimmer von Sex. Wird ein Mädchen schwanger, lässt es sich für die Abtreibung vom Freund oder einer Freundin ins Krankenhaus begleiten, die Eltern erfahren meist nichts davon.

Die Frauen, die abtreiben, werden immer jünger

Meine Mutter erzählt mir, dass die Mädchen, die für Abtreibungen zu ihr kommen, immer jünger werden. Früher waren sie meist um die zwanzig, heute sind viele erst fünfzehn. Einmal war ich dabei, wie ein junges Mädchen auf der Zugtoilette ein Kind zur Welt gebracht hat, weil sie nicht wusste, dass sie schwanger war. Der Zug wollte gerade anfahren, ein Polizist hat das von draußen mitbekommen und ihn noch schnell zum Stoppen gebracht. So etwas kommt vor, viele merken es gar nicht rechtzeitig.

Zu tun, worauf man gerade Lust hat, ist nicht nur gefährlich, sondern auch kompliziert. Auf dem Campus gibt es nach Geschlechtern getrennte Wohnheime, in denen die meisten Studenten leben. Zu zehnt in einem kleinen Zimmer – für Intimsphäre bleibt dort wenig Raum. Wer Bedürfnisse hat, geht ins Stundenhotel. In der Gegend um Universitäten herum gibt es davon zum Glück jede Menge. Die Nachfrage bestimmt das Angebot, und die Nachfrage ist enorm. Wo sollen wir sonst auch hin? Oft finden junge Pärchen nicht einmal einen Ort, um sich in Ruhe zu unterhalten. Und immer nur reden wollen wir nun auch nicht.

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Die Eltern daheim ahnen nichts von den Sexorgien ihrer Prinzessinnen. Mama und Papa denken doch, ihr Töchterlein ist noch Jungfrau. Auf Heimatbesuch benimmt sich jeder gut, zeigt sich von seiner artigsten Seite.

Am besten, sie ist Jungfrau

Ja, solange wir jung sind, heißt das für uns Freiheit, Sex, Lust und Leidenschaft. Doch das ist eine Phase, nicht die Ewigkeit. In westlichen Ländern treffen sich junge Leute wochenlang, um herauszufinden, ob man zusammen sein will. In China heiraten die meisten, ohne sich richtig zu kennen. Wer mit 24 noch nicht verheiratet ist, gilt als alte Jungfer. Die Chinesinnen erwarten viel von ihrem Mann, sie sind sehr verwöhnt. Man sieht überall diese dressierten Typen, die den Frauen die Taschen hinterhertragen. Das ist verrückt, finde ich, wir haben doch selbst Hände. Aber die Frauen meinen: Wer das nicht tut, ist kein Mann. Was die Männer von ihrer Frau erwarten? Vor allem eins: Sie muss Jungfrau sein.

In China gibt es keine sexuelle Revolution, nichts Offensives, nichts Plakatives.

Ich habe Freundinnen, die mit dem Sex warten, weil sie fürchten, dass sie sonst keiner mehr will. Die Männer denken: Wenn du mit anderen geschlafen hast, liebst du mich nicht. Sie selbst tun’s natürlich trotzdem schon vor der Ehe. In Internetforen lese ich oft von Frauen, die außerehelichen Sex für schmutzig und pervers halten. Das sind diejenigen, die Karaoke singen, statt in Clubs zu gehen. Sie möchten warten, bis sie sicher sind, dass sie Mr. Right gefunden haben. Aber woher willst du wissen, wer das ist? Wie willst du den Richtigen erkennen, ohne die Falschen getestet zu haben?

In China gibt es keine sexuelle Revolution, nichts Offensives, nichts Plakatives. Revolution ist noch immer ein sensibles Wort. Sagen wir lieber: Es ändert sich etwas. Die Gesellschaft ist im Wandel, doch die Akzeptanz lässt auf sich warten. Das Tabu existiert weiterhin, aber wir trauen uns nun, es zu brechen.