10 Jahre später: Der Podcast „Trauma Loveparade“ arbeitet das Unglück in Duisburg auf

Am 24. Juli 2010 starben 21 Menschen bei der Loveparade in Duisburg. Eine neue Audio-Doku auf Spotify erzählt die Geschehnisse und den anschließenden Prozess nach. Ein Interview

Loveparade 2010 in Duisburg
Vor zehn Jahren ereignete sich bei der Loveparade in Duisburg ein Unglück bei dem 21 Menschen starben und mindestens 650 verletzt wurden. Photo: Rene Tillmann

Unter dem Motto „Friede, Freude, Eierkuchen“ startete 1989 die Loveparade in Berlin. Als Demonstration angemeldet, tanzten damals rund 150 Menschen den Kurfürstendamm zu elektronischer Musik entlang. Von der Minikarawane mit drei Wagen entwickelte sich das Event schnell zu der Technoparade schlechthin. Zehn Jahre nach der Gründung hopsten bereits 1,5 Millionen Menschen zu den wummernden Bässen durch die Hauptstadt.

2007 zog die Loveparade ins Ruhrgebiet um. Ihren ursprünglichen Charakter hatte sie zu diesem Zeitpunkt längst verloren, sie war zum kommerziellen Großevent geworden. Nach Essen und Dortmund holte Rainer Schaller, Chef der Fitnesskette McFit, die Parade 2010 nach Duisburg. Dort fand sie ihr Ende. Denn am 24. Juli kam es auf dem Veranstaltungsgelände aufgrund unterschiedlicher Faktoren zum sogenannten Unglück bei der Loveparade. Dabei kamen 21 Menschen ums Leben, mindestens 650 wurden verletzt.

In den vergangenen zehn Jahren stellten sich Betroffene, Angehörige und Expert*innen immer wieder dieselbe Frage: Wie konnte es zu dieser Katastrophe kommen? Der Podcast Trauma Loveparade geht dieser und weiteren Fragen rund um das Unglück in Duisburg auf den Grund. Anlässlich des zehnten Jahrestages der Katastrophe sprechen die Journalist*innen Viola Funk und Julian Brimmers mit Angehörigen, Expert*innen und Zeitzeug*innen. Die insgesamt sieben Folgen des Dokumentationsformats sind auf Spotify abrufbar. ze.tt hat mit Viola und Julian über das Projekt gesprochen.

ze.tt: Viola, Julian, seit dem Unglück bei der Loveparade in Duisburg sind zehn Jahre vergangenen. Warum habt ihr dem Thema jetzt eine Audio-Doku gewidmet?

Viola: Ein wichtiger Grund, warum wir jetzt noch einmal über eine Katastrophe, die vor zehn Jahren passiert ist, sprechen, ist der Prozess, der dieses Jahr eingestellt wurde. Damit wurde quasi auch die Aufklärung offiziell abgeschlossen. Das ist besonders für die Hinterbliebenen schwer zu akzeptieren. Außerdem hatten wir das Gefühl, dass viele zwar ungefähr wissen, was damals passiert ist, aber so richtig erinnert sich keiner mehr. Das liegt unter anderem daran, dass die Informationen eher stückweise an die Öffentlichkeit gekommen sind. Auch handelt es sich dabei um ein sehr komplexes Thema, bei dem es schwierig war, das über zehn Jahre hinweg zu verfolgen. Uns hat das damals alle sehr stark mitgenommen, deswegen hatten wir das Bedürfnis, noch mal darüber zu sprechen. Wir wollten uns anschauen, was und vor allem wie das alles genau passiert ist. Auch was in den anschließenden zehn Jahren vorgefallen ist, was viele Betroffene als die Katastrophe nach der Katastrophe bezeichnen.

Julian: Im Pott und im Rheinland kennt irgendwie jeder Leute, die vor Ort waren oder man war selber dort. Das ist wirklich so ein gesellschaftliches Thema, das die Leute über die vergangenen Jahre weitgehend beschäftigt hat. Es gab immer wieder kleinere Erkenntnisgewinne, gefolgt von dem Gefühl, dass da sowieso nichts mehr dran zu machen ist. Weil die Situation so komplex ist. Seit klar ist, dass es kein Ergebnis geben wird, hat sich dieses Gefühl in eine Ohnmacht verwandelt, die einfach im Raum steht.

Viele meiner Freunde sind hingefahren, einfach, weil es so ein riesiges Event war.

Julian Brimmers

Wart ihr damals bei der Loveparade in Duisburg selbst vor Ort?

Julian: Nein, ich wollte eigentlich hingehen, war dann aber doch nicht da. Ich weiß noch, dass ich von Köln aus am Niederrhein auf Heimatbesuch war. Woran es schlussendlich gelegen hat, dass ich nicht gefahren bin, weiß ich nicht mehr genau. Aber viele meiner Freunde sind hingefahren, einfach, weil es so ein riesiges Event war. Es hat zwar niemand geglaubt, man könne dieses originäre Rave-Gefühl der Berliner Loveparades im Ruhrgebiet aufleben lassen – aber Events dieser Größe gab es einfach nicht in Duisburg. Das war ein Kuriosum.

Viola: So hat es auch Gabi Müller, die Mutter eines Verstorbenen, beschrieben. Ihr Sohn ist nicht dort hingefahren, weil er sonst so ein krasser Raver gewesen wäre, sondern weil es so ein einmaliges Event war. Er wollte das unbedingt mal erlebt haben im Ruhrgebiet.

Julian: Als Hintergrund ist vielleicht wichtig zu sagen, dass es vorher schon zwei Loveparades im Ruhrgebiet gab. Im Jahr vor Duisburg ist sie allerdings in Bochum abgesagt worden, wegen Sicherheitsbedenken. Deswegen hat da auch so ein Gefühl vorgeherrscht, das könne jetzt das letzte Mal sein, dass so etwas in der Gegend hier passiert.

Was ist mit den Leuten vor Ort passiert, die ihr kanntet?

Julian: Ich erinnere mich noch daran, dass ich bei meinen Eltern zu Besuch war und wir die ganze Zeit versucht haben, Leute zu erreichen, die vor Ort waren. Das hat nicht geklappt und auf SMS gab es auch keine Antworten. Man hatte nur mitbekommen, dass da anscheinend irgendwelche Raver von der Treppe gefallen seien. Dieses Narrativ, dass da ein Partyunfall passiert sei, wurde ja anfangs durchaus so befüttert. Medial hieß es da erst, einige Leute seien übermütig geworden und über Absperrungen geklettert. Bis herauskam, dass es auch wegen Planungsproblemen dazu gekommen ist, hat es lange gedauert.

Wen habt ihr als Protagonist*innen für die Doku ausgewählt?

Viola: Wir haben mit sehr vielen Betroffenen und Hinterbliebenen geredet. Da kommen auch nicht alle direkt im Podcast vor – wir haben für die Recherche noch mit viel mehr Leuten geredet. Von den Betroffenen haben wir mit Gabi Müller gesprochen, die ihren Sohn bei der Katastrophe verloren hat. Außerdem mit der Journalistin und Autorin Andrea Hanna Hünninger, die gleichzeitig betroffen ist und eine sehr interessante Perspektive auf das Thema hat. Wir haben überhaupt mit einigen Journalist*innen gesprochen, die sich viel mit der Katastrophe auseinandergesetzt haben.

Eine davon ist Zübeyde Sürgit, die auch den Prozess beobachtet hat. Es gibt eine Folge, in der wir uns mit dem Traumabegriff beschäftigen – hierfür haben wir uns mit Psycholog*innen unterhalten. Eine von ihnen, Sibylle Jatzko, ist auch Katastrophenbetreuerin. Der Experte Dr. Dr. Daniel Wagner hat uns über posttraumatische Belastungsstörungen sowie Angststörungen aufgeklärt. Wir haben mit Jürgen Gerlach gesprochen, der hat das offizielle Gutachten für den Prozess geschrieben. Und natürlich haben wir auch mit Dr. Motte, dem Gründer der Loveparade geredet sowie mit Musikjournalist*innen, die damals dabei waren.

Selbst wenn juristisch keine Schuld besteht, bleibt ja die Frage, wie man als Verantwortlicher damit umgeht.

Julian Brimmers

Was ist mit den Angeklagten, habt ihr mit denen gesprochen?

Viola: Nein, die wollten sich nicht äußern. Das waren vier Personen von der Veranstaltungsfirma und sechs vom Bauamt der Stadt Duisburg, die da angeklagt wurden. Wir haben aber mit mehreren Anwält*innen gesprochen, sowohl von den Nebenkläger*innen als auch von den Angeklagten. Die haben uns ein Bild davon vermittelt, wie es war, als die Angeklagten auf die Nebenkläger*innen, also die Hinterbliebenen, gestoßen sind während des Prozesses. Wir versuchen, das dann im Podcast nachzuzeichnen.

Wir können natürlich nicht für alle sprechen, aber bei denjenigen, mit denen wir gesprochen haben, war der Tenor in etwa der gleiche. Da hieß es bei allen, da säßen eher Sündenböcke. Denn da gibt es noch Chefs, sowohl von der Veranstaltungsfirma, als auch von der Stadt, über die wir sprechen sollten. Wir schauen uns an, was deren Rolle war, warum die nicht angeklagt wurden, wie stark sie involviert und wie die einzelnen Reaktionen waren.

Julian: Im Zuge dessen setzen wir uns auch noch mal mit dem Schuldbegriff und der Bedeutung von Verantwortung in diesem Prozess auseinander. Selbst wenn juristisch keine Schuld besteht, bleibt ja die Frage, wie man als Verantwortlicher damit umgeht. Auch zu zeigen, was das wiederum für die Betroffenen heißt, wenn Menschen, die sowas veranstalten, nicht auch die Verantwortung dafür übernehmen.

Haben sich die Verantwortlichen je entschuldigt?

Viola: Es haben sich Leute entschuldigt. Adolf Sauerland, der damalige Oberbürgermeister von Duisburg beispielsweise. Der hat aber ein Jahr dafür gebraucht. Auch der Loveparade-Veranstalter Rainer Schaller hat sich entschuldigt und auch moralische Verantwortung übernommen. Genau das schauen wir uns im Detail an: Wer hat Verantwortung übernommen, wer nicht und wenn, an welchem Punkt. Auch wie sich die jeweiligen Personen dann vor Gericht verhalten haben, wird eine Rolle im Podcast spielen. Es ging schon auch vielen Betroffenen darum, zu erfahren, was an dem Tag genau passiert ist. Die meisten Leute konnten sich vor Gericht nicht mehr erinnern, was besonders tragisch für die Hinterbliebenen war und was den Verantwortlichen immer wieder vorgeworfen wird.

Im Zuge des ganzen Unglücks ist immer von einem multikausalen Geschehen die Rede, aber da sind halt auch schon im Vorfeld Dinge schiefgelaufen.

Viola Funk

Was war für euch die wichtigste Erkenntnis bei der Recherche?

Viola: Mir war es wichtig, zu verstehen, was da überhaupt wirklich passiert ist. Das ist sehr komplex und wir haben versucht, das runter zu brechen, darzustellen und verständlich zu machen. Im Zuge der ganzen Katastrophe ist immer von einem multikausalen Geschehen die Rede, aber da sind halt auch schon im Vorfeld Dinge schiefgelaufen. Das nachzuvollziehen, was da wann passiert ist und wie es dazu kommen konnte, war eine sehr interessante Erkenntnis. Die Loveparade 2010 war für mich so ein What-the-Fuck-Moment, weil man davor davon ausging, dass sowas in Deutschland nicht passieren würde. Hier gibt es doch für alles Regelungen. Da habe ich doch eigentlich die Zuversicht, dass wenn ich auf eine Veranstaltung gehe, ich da nicht sterben werde, sondern für meine Sicherheit gesorgt wird.

Julian: Man war ja selber auch schon in Situationen auf Festivals, in denen man in extremem Gedränge ist und das vielleicht eher lustig findet. Man hatte da wahrscheinlich nie den Gedanken, hier könnte etwas schiefgehen. Das war auch etwas, das die Betroffenen erzählt haben, dieses Gefühl von „Hier wird jetzt nicht noch was Schlimmeres passieren“. Plötzlich hat man dann aber die ersten Leute wirklich umfallen sehen und dann ist das einfach immer weiter eskaliert. Das aus allen möglichen Perspektiven mal aufzuarbeiten, war auf jeden Fall super wichtig.

Und was Viola anfangs angesprochen hat; diese Katastrophe nach der Katastrophe. Denn nicht nur ist Deutschland bekanntermaßen ein Land, in dem alles sehr geplant und geordnet zugeht, sondern auch ein Land mit einer bürokratischen Justiz. Die hat auch unfassbare Vorteile und trägt sehr viel zur Gewaltenteilung bei. Aber dass die dann auch dazu führen kann, dass Dinge verjähren und man Leute gar nicht mehr anklagen kann, dass der Schuldbegriff im internationalen Vergleich ein sehr spezieller ist und in dem Fall auch ein umständlicherer, als er der Sache zuträglich wäre. Das war für mich überhaupt nicht klar. Was das für die Betroffenen heißt, das wollten wir herausarbeiten.

Also war es euch vor allem wichtig, den Betroffenen eine Stimme zu geben?

Viola: Ja, definitiv. Und eben auch, den ganzen juristischen Kram für Laien verständlich zu machen. Da kamen so viele Dokumente und Akten zusammen – das ist halt einer der aufwendigsten Prozesse, die es jemals gab seit der Nachkriegszeit. Wir sprechen in der Prozessfolge ja auch mit der Journalistin Zübeyde Sürgit, die den Prozess beobachtet hat.  Sie war damals Studentin und hat ein paar Hundert Meter entfernt von der Loveparade in einer Bar gearbeitet. Sie hat vor allem deshalb den Prozess beobachtet, weil es ihr wichtig war, was da passiert, so zu erklären, dass es Leute verstehen, die keine Jurist*innen sind. Das war auch unser Anliegen im Podcast: Diese ganzen komplizierten Sachverhalte so runter zu brechen, dass man verstehen und nachvollziehen kann, was in diesen letzten zehn Jahren passiert ist.

Julian: Ein spannender Moment im Podcast ist vor allem, wenn man merkt, wie dieser Tag das Leben von all diesen Leuten beeinflusst hat. Die Duisburger Studentin und Kellnerin, die dann durch die Abwahl von Sauerland zur Journalistin wird und zur Prozessbeobachterin. Gabi Müller, die ihren Sohn verliert bei dieser Katastrophe und dann nach und nach von einer eher stillen, trauernden Person zur Aktivistin und zum Sprachrohr für viele Leute wird. Wie dieser Moment ihr ganzes Leben transformiert hat, hat man bei vielen der Leute gesehen, mit denen wir gesprochen haben.

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