100 Jahre Frauenwahlrecht: Der lange Weg von Frauen in die Politik

Vor 100 Jahren sprach Marie Juchacz als erste Frau im deutschen Parlament. Heute sind wir von der Gleichstellung in der Politik immer noch einen großen Schritt entfernt, sagt die Landtagsabgeordnete Aminata Touré. Sie kämpft weiter.

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Zwei Kämpferinnen für Repräsentation: Aminata Touré und Marie Juchacz. Illustration: Elif Kücük

Als sie ans Rednerpult tritt, schallt ihr Gelächter entgegen. „Meine Herren und Damen!“ sind die ersten Worte von Marie Juchacz. Sie ist damit am 19. Januar 1919 die erste Frau, die in einem deutschen Parlament spricht. Das löst „Heiterkeit“ aus, wie es im Reichstagsprotokoll vermerkt ist. Doch Marie Juchacz lässt sich davon nicht beirren. Die 40-jährige Politikerin spricht mit fester Stimme weiter: „Was diese Regierung getan hat, das war eine Selbstverständlichkeit: Sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist.“ Erst ein Vierteljahr zuvor war den Frauen in Deutschland das Wählen und Gewähltwerden erlaubt worden.

Am Rednerpult, das ab sofort auch zum Rednerinnenpult wird, steht eine politische Kämpferin und emanzipierte Frau. Geschieden, alleinerziehend und politisch engagiert, seitdem sie es durfte. Marie Juchacz tritt 1908 in die SPD ein. Vorher war es Frauen verboten, Mitglied in Vereinen oder Parteien zu sein.

Marie Juchacz lebt ein Patchwork-Leben. Damit sie arbeiten und sich politisch engagieren kann, teilt sie sich mit ihrer jüngeren Schwester die Sorgearbeiten auf. Geht die eine ihrem politischen Engagement nach, passt die andere auf die Kinder auf. Im Dezember 1919 gründet Marie Juchacz einen Verband, dem sie ihr ganzes Leben lang verbunden bleiben wird, die Arbeiterwohlfahrt.

Aminata Touré kämpft heute für Repräsentanz in Parlamenten

Da die Sozialdemokrat*innen 1919 mit Abstand die meisten Frauen stellen, darf eine SPD-Vertreterin zuerst ans Rednerinnenpult. Als Mitglied des Parteivorstands fällt die Wahl auf Marie Juchacz. Sie ist damit so etwas wie die erste Quotenfrau. „Durch die politische Gleichstellung ist nun meinem Geschlecht die Möglichkeit gegeben zur vollen Entfaltung seiner Kräfte“ sagt sie im Parlament. Doch der selbstbewusste Anspruch von Marie Juchacz auf gleiche Chancen von Frauen und Männern überall in der Gesellschaft ist bis heute nicht vollständig eingelöst.

Aminata Touré gehört heute, 100 Jahre später, zu einer Minderheit im schleswig-holsteinischen Landtag. Nur 30 Prozent der Abgeordneten dort sind weiblich. Damit hat der schleswig-holsteinische Landtag das gleiche Geschlechterverhältnis wie der Bundestag. Aktuell ist der Anteil weiblicher Abgeordneter im Bundestag mit rund 30 Prozent niedriger als vor über 20 Jahren. Wie Marie Juchacz kämpft auch Aminata Touré um Repräsentanz in Parlamenten.

Ihre Motivation erklärt Aminata Touré, die für die Grünen in Schleswig-Holstein für Migration, Frauen & Verbraucher*innenschutz zuständig ist, in einem Instagram-Video:

Wenn ich in einen Bus steige, sehe ich Schwarze Menschen, ich sehe viele Frauen, ich sehe Menschen, die offen homosexuell leben, ich sehe Menschen mit Behinderung (…) Genau diese Vielfalt wünsche ich mir in unseren Parlamenten. Es ist wichtig, diese unterschiedlichen Perspektiven in politische Entscheidungsprozesse einfließen zu lassen und sie sich selbst vertreten zu lassen. Denn erst dann entsprechen die politischen Entscheidungen den unterschiedlichen Bedarfen unserer Gesellschaft.

Aminata Touré

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Heute gehts in die Weihnachtspause. Zum Schluss einmal mein Wunsch für die Zukunft: „Wenn ich in den Bus steige sehe ich Schwarze Menschen, ich sehe viele Frauen, ich sehe Menschen, die offen homosexuell leben, ich sehe Menschen mit Behinderung und noch mehr – kurzum ich sehe viele unterschiedliche Menschen. Genau diese Vielfältigkeit wünsche ich mir in unseren Parlamenten. Es ist wichtig diese unterschiedlichen Perspektiven in politische Entscheidungsprozesse einfließen zu lassen und sie sich selbst vertreten zu lassen. Denn erst dann entsprechen die politischen Entscheidungen den unterschiedlichen Bedarfen unserer Gesellschaft. Denn in Parlamenten werden die wichtigen Entscheidungen für unsere Gesellschaft getroffen.“ . . Und im nächsten Jahr arbeiten wir weiter daran, dass die Vielfältigkeit unserer Gesellschaft sich auch in den gesellschaftspolitischen Debatten, Entscheidungen und Orten widerspiegelt! . . Wünsche euch schöne Feiertage! . . Video @my_urbanology

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Noch nie saßen ähnlich viele Frauen wie Männer in einem deutschen Parlament, weder auf Bundes- noch auf Landesebene. Im Deutschen Bundestag sind aktuell mit 30,9 Prozent so wenig Frauen vertreten wie zuletzt 1998. Auch in fast allen Landesparlamenten ist der Frauenanteil zurückgegangen. Die Zahlen bewegen sich aktuell zwischen 24,5 Prozent (Baden-Württemberg) und 40,6 Prozent (Thüringen). Nur zwei der 16 Bundesländer werden von einer Ministerpräsidentin regiert, Mecklenburg-Vorpommern von Manuela Schwesig und Rheinland-Pfalz von Malu Dreyer. Nur in jedem zehnten deutschen Rathaus arbeitet eine Bürgermeisterin.

Eine Quotierung funktioniert

Woran es liegt, dass nach wie vor so wenige Frauen in der Politik zu finden sind? „Die Strukturen sind von Männern gemacht“, sagt Aminata Touré. In einigen Parlamenten gibt es keine Wickeltische, Sitzungen finden spät abends statt. Vereinbarkeit ist ein Thema für Politiker – und oft noch mehr für Politikerinnen. „Das sendet ein fatales Signal an Mütter, die Politik machen wollen“ so Aminata Touré.

Die Frage ist also, wo die Veränderung ansetzen muss. Braucht es erst mehr Frauen in der Politik, damit sich die Rahmenbedingungen ändern, oder braucht es neue Strukturen, damit Frauen sich für die Politik entscheiden?

„Ich bin eine Quotenfrau“, sagte Annegret Kramp-Karrenbauer diese Woche während der Feierlichkeiten zu 100 Jahren Frauenwahlrecht bei einer Veranstaltung der parteinahen Konrad-Adenauer-Stiftung. Die neue CDU-Chefin wünschte sich in ihrer Rede mehr Selbstbewusstsein für eine Quotierung von politischem Personal. Für eine Quotierung streitet ebenfalls ein breites gleichstellungspolitisches Bündnis aus über 60 Organisationen unter dem #mehrFrauenindieParlamente.

Es ist nicht hinnehmbar, dass der Bundestag unter seinen Abgeordneten nur in geringem Maße die Vielfalt der Frauen in Deutschland widerspiegelt.

Beate Rudolf, Direktorin des Deutschen Instituts für Menschenrechte

Ziel des Bündnisses: Eine Wahlrechtsreform, die sicherstellt, dass Frauen und Männer je zur Hälfte in den Parlamenten vertreten sind – sowohl bei Listen- als auch bei Direktmandaten. Beispiele aus anderen Ländern zeigen, dass es funktionieren kann. So müssen in Frankreich die Listen zur Hälfte mit Frauen und Männern besetzt sein. Auf diese Weise stieg der Frauenanteil in der französischen Nationalversammlung im vergangenen Jahr auf 39 Prozent.

„Es ist nicht hinnehmbar, dass der Bundestag unter seinen Abgeordneten nur in geringem Maße die Vielfalt der Frauen in Deutschland widerspiegelt. Wir brauchen im Bundestag mehr Frauen mit Behinderungen, Frauen mit Migrationsgeschichte, alleinerziehende Frauen“, forderte diese Woche auch Professorin Beate Rudolf, die Direktorin des Deutschen Instituts für Menschenrechte.

Aminata Touré im schleswig-holsteinischen Landtag. Foto: Staatskanzlei Schleswig-Holstein

Für Aminata Touré geht es um mehr als eine Frauenquote. Dass Menschen vom demokratischen System ausgeschlossen werden, beschreibt sie als Demokratiedefizit. „Menschen, die nicht die deutsche Staatsbürgerschaft haben, aber schon lange in Deutschland leben, dürfen hier nicht wählen. Das kann sich hoffentlich irgendwann niemand mehr vorstellen – genau wie wir uns nicht vorstellen können, dass Frauen vor 100 Jahren nicht wählen durften.“