“Wir sollten aufhören, die Wiedervereinigung als große Erfolgsgeschichte zu verkaufen”

Sie sind nach 1990 geboren und haben die Wende nicht erlebt. Sechs ostdeutsche Nachwendekinder erzählen, was sie über die Einheit, sich hartnäckig haltende Ossi-Vorurteile und westdeutsche Privilegien denken. Sechs Protokolle

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Warum fühlen sich junge Ostdeutsche 30 Jahre nach der Wiedervereinigung noch als explizit ostdeutsch? Fotos: © Thomas Victor

In Deutschland gibt es mittlerweile eine ganze Generation, die den Fall der Berliner Mauer und die deutsch-deutsche Wiedervereinigung nicht miterlebt hat. Sie sind nach 1990 geboren und kennen die DDR nur aus Geschichten oder Schulbüchern. Ist 30 Jahre nach der Wiedervereinigung die erste Generation der Einheit herangewachsen?

Wir haben sechs Nachwendekinder, die sich in Ostdeutschland politisch engagieren, gefragt: Ist Ostdeutschsein für euch noch eine wichtige Kategorie? Welche Einstellungen teilt ihr mit gleichaltrigen Westdeutschen? Und findet ihr, die Wiedervereinigung ist 30 Jahre nach der Wende vollendet?

Jakob Springfeld, 2002 in Zwickau in Sachsen geboren. Hat dort Fridays for Future aufgebaut und engagiert sich gegen rechte Strukturen in seiner Stadt.

Jakob Springfeld. Foto: © Martin Neuhof

Ich würde mich nicht als ostdeutsch bezeichnen. Mein Onkel ist nach der Wende in den Westen gegangen. In meiner Zwickauer Familie war er immer „der Wessi“. Dadurch habe ich das erste Mal wahrgenommen, dass Ost und West existierende Kategorien sind. Mit dem Sohn meines Onkels verstehe ich mich total gut, wir haben uns nie als „der Ossi“ oder “der Wessi” betrachtet.

Stattdessen fühle ich mich in erster Linie als Zwickauer, als Klimaaktivist und Antifaschist. Diese beiden Themen, der Rechtsruck und der Klimawandel, verbinden mich mit Gleichaltrigen in ganz Deutschland – da würde ich sagen, sind wir wiedervereinigt. Bei Fridays for Future ist die Spaltung in Ost und West kein großes Thema. Ja, die bekannten Gesichter der Bewegung kommen aus Westdeutschland, Luisa Neubauer zum Beispiel. Aber in unseren Konferenzen werden keine Unterschiede gemacht.

Als Klimaaktivist*in in kleineren Städten in Ostdeutschland kommt man nicht daran vorbei, Probleme mit Nazis zu haben. In Zwickau kommen Rechtsextreme auf Klimademos und bedrohen Aktivist*innen. Für uns Zwickauer Fridays-for-Future-Aktivist*innen gehören Klimaaktivismus und Antifaschismus deshalb zusammen. Das unterscheidet uns vielleicht von westdeutschen Klimaaktivist*innen. Ich habe den Eindruck, in größeren, westdeutschen Städten bildet sich die antifaschistische Grundhaltung bei Klimaaktivist*innen eher über die Beobachtung, dass die AfD in Parlamenten sitzt und dort den Klimawandel leugnet.

Der Kampf gegen den Klimawandel vereinigt meine Generation.

Jakob Springfeld

Wenn ich an die Ost-West-Debatte denke, muss ich automatisch daran denken, dass dem Osten pauschal vorgeworfen wird, so rechts zu sein. Eine Aktivistin meinte beispielsweise mal zu mir: “Ah, Zwickau, da ist es bestimmt nicht leicht, sich zu engagieren.” Einerseits kann ich die Vorurteile verstehen: Ja, wir haben in Sachsen ein Problem mit Nazis. Aber wir haben in jedem sächsischen Kaff eine aktive Zivilgesellschaft, die sich dagegen einsetzt, sei es in Plauen, Döbeln oder Grimma. Das wird häufig nicht wahrgenommen. Außerdem gibt es rechtes Gedankengut nicht nur in Ostdeutschland.

Ich bin gerade für mein Studium von Zwickau nach Halle umgezogen – nach Westdeutschland zu ziehen, war für mich keine Option, weil ich in der Nähe von Zwickau bleiben wollte. Ich will die jungen Leute, die jetzt Fridays for Future auf die Beine stellen, weiter unterstützen. Ich bin einer von den Leuten, die Fridays for Future in Zwickau aufgezogen haben – viele von uns sind jetzt für das Studium weggezogen. Aber ich will danach wieder zurück. Wenn alle coolen Leute aus ostdeutschen Kleinstädten wegziehen, dann ändert sich da nie etwas. Außerdem ist es cool, dass es dort noch nicht alles gibt: Man hat die Möglichkeit, Neues aufzubauen.

Lilly Blaudszun, 2001 geboren und in Ludwigslust in Mecklenburg-Vorpommern aufgewachsen. Ist SPD-Mitglied und gilt als politische Influencerin.

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Lilly Blaudszun. Foto: © Privat

Wäre ich meine Mutter, hätte ich mir gewünscht, dass mein Kind sich 2020 nicht mehr als ostdeutsch definieren muss – weil es keine Rolle mehr spielt und es keine Unterschiede und Ungleichheiten mehr zwischen Ost und West gibt. Aber die gibt es noch. Deshalb finde ich es wichtig, dass junge Ostdeutsche sich auch als ostdeutsch definieren.

Ich bin mit vielen Dingen aufgewachsen, die als typisch ostdeutsch gelten – zum Beispiel mit der Oma, die Jägerschnitzel macht. Aber erst mit 15 oder 16 habe ich gemerkt, dass das etwas speziell Ostdeutsches ist. Da habe ich damit angefangen, mich bewusster mit Menschen aus den westdeutschen Bundesländern auszutauschen. Ich habe erlebt, dass man sehr schnell mit Aussagen wie „Der Osten besteht doch nur aus Nazis“ konfrontiert wurde. Da geriet ich automatisch in eine Verteidigungshaltung, weil das ein falsches Klischee ist. Das hat meine Selbstwahrnehmung als Ostdeutsche verstärkt.

Gleichzeitig habe ich meine Eltern und Großeltern gezielt nach ihren Wendeerfahrungen befragt. Meine Oma hat mir beispielsweise erzählt, wie wichtig der solidarische Zusammenhalt während der DDR war. Ich glaube, diesen Zusammenhalt gibt es bis heute und er ist etwas, das mich als Ostdeutsche geprägt hat.

Für eine wirkliche Wiedervereinigung braucht es mehr kritisches Bewusstsein für westdeutsche Privilegien.

Lilly Blaudszun

Die Wiedervereinigung ist für mich etwas, das leider immer noch nicht vollendet ist. Das betrifft nicht nur ungleiche Löhne oder Renten, sondern auch, dass wir immer noch in einer westdeutschen Dominanzgesellschaft leben oder dass Ostdeutsche in entscheidenden Positionen nach wie vor unterrepräsentiert sind. Es hat bis zum Jahr 2020 gedauert, bis mit Ines Härtel die erste ostdeutsche Verfassungsrichterin ernannt wurde. Die Wiedervereinigung passiert also auch heute noch jeden Tag, es ist ein anhaltender Prozess.

Für eine wirkliche Wiedervereinigung braucht es mehr kritisches Bewusstsein für westdeutsche Privilegien. Ich habe den Eindruck, dass viele junge Westdeutsche nicht viel über die Wende und die ganzen Umbrüche und deren Auswirkungen wissen. Zu Beginn meines Studiums habe ich beispielsweise eine Kommilitonin aus Baden-Württemberg kennengelernt – in der ersten Woche haben wir total viel darüber gesprochen, weil das in ihrer Schullaufbahn kaum besprochen wurde.

Meine Generation ist die erste seit der friedlichen Revolution, die dieselben Startvoraussetzungen wie gleichaltrige Westdeutsche hat. Ich kann genauso Bundesverfassungsrichterin werden wie Westdeutsche. Mir ist es wichtig, dass wir dann, wenn wir wichtige Positionen übernehmen, das nicht nur als Lilly machen, sondern als Lilly mit ostdeutscher Biografie. Wir müssen anderen jungen Ostdeutschen etwas weitergeben – ihnen den Mut mitgeben, dass sie alles machen und werden können, was sie wollen. Die Ernennung von Ines Härtel als Bundesverfassungsrichterin hat mich und meine Kommiliton*innen an der Viadrina-Universität in Frankfurt (Oder) beispielsweise total inspiriert. Vorbilder wie sie brauchen wir und müssen wir selbst sein.

Dennis Chiponda, 1991 in Senftenberg in Brandenburg geboren. Lebt heute in Leipzig, wo er mit der Plattform Leipzig spricht Bürger*innen zusammenbringt.

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Dennis Chiponda. Foto: © Thomas Victor

Ich habe oft darüber nachgedacht, was es für mein Leben bedeutet hätte, wenn es die DDR noch geben würde. Meine Mutter ist Polin, mein Vater kam aus Mosambik in die DDR. Sie sind Teil einer migrantischen Generation, die noch sehr versucht hat, sich zu assimilieren: nicht auffallen, „bessere Deutsche“ sein. Und sie haben auch versucht, mich so zu erziehen, was nicht so gut geklappt hat: Ich war aufmüpfig und habe ein große Klappe. Ich wäre wahrscheinlich in der DDR in ein Erziehungslager gekommen. Ich hätte mich wahrscheinlich auch nicht politisch engagiert, nie im Ausland gelebt und einen ganz anderen Beruf gelernt.

Immer wieder heißt es ja von manchen Westdeutschen: „Hört auf zu jammern, ihr habt doch den Soli von uns bekommen und es ist doch jetzt auch mal gut.“ Aber viele dieser Leute waren noch nie im Osten und wissen gar nicht, wie es hier aussieht. Sie kennen nur Dresden, Leipzig oder Potsdam. Wenn ich mir anschaue, dass bei mir zu Hause in Brandenburg auf dem Land der Bus nur einmal die Stunde fährt, dass diskutiert wird, ob Krankenhäuser oder Schulen geschlossen werden und es für die Jugend dort eigentlich keine Perspektive gibt, stellt sich natürlich die Frage: Warum sollte ich bleiben? Die jungen Leute, die die Zukunft gestalten müssten, gehen weg. Und unsere Elterngeneration sieht zu, wie ihr Landstrich ausblutet.

Ich bin Teil des Ostens. Da komme ich her. Ich bin Ossi.

Dennis Chiponda

Für mich hat Ost und West lange keine Rolle gespielt. Nur manchmal bekam ich bei meinen Eltern mit, wie sie darüber sprachen, dass sich um den Osten niemand kümmere. Aber wir sind nie gen Westen gefahren und so habe ich mich damit auch nie auseinandersetzt. Das kam erst, als ich angefangen habe, in Nürnberg zu studieren und dort gefragt wurde, wer woher kommt und bei Ostdeutschland nur zwei Personen aufgezeigt haben. Die entblößenden Blicke, die ich da bekommen habe, kannte ich bis dahin nur aus rassistischen Zusammenhängen. Es war komisch, dass ich plötzlich nicht „der Schwarze“ war, sondern eine andere, für mich neue Minderheit darstellte.

Ich hatte sehr lange das Gefühl, keine Heimat zu haben, weil ich so sehr darum kämpfen musste, in der Lausitz als Schwarze Person akzeptiert zu werden. Auf einmal war da ein neuer Identifikationspunkt: „Doch, ich bin Teil des Ostens. Da komme ich her. Ich bin Ossi.“

Das Ostdeutschsein ist für mich auch eine gewisse Flucht: Ich bin in Brandenburg nicht in einer Black Community groß geworden, weil viele in den Westen gezogen sind, wo sie mehr verdienen. Heute fühle ich mich manchmal sogar unwohl in diesen Kreisen; weil ich nicht weiß, wie ich mit meinen eigenen Leuten umgehen soll. Im Osten weiß ich das hingegen genau, ich kenne die Biografien dieser Menschen, ich verstehe sie.

Nhi Le, 1995 in Thüringen geboren. Lebt in Leipzig und arbeitet als Journalistin und Speakerin.

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Nhi Le. Foto: © Thomas Victor

Meine Mutter und mein Vater kamen zum Studieren und Arbeiten aus Vietnam in die DDR. Ihr Schicksal und das vieler Vietnames*innen im Osten ist untrennbar mit der DDR verbunden, oft als Vertragsarbeiter*innen. Das war aber nicht der nette, geschwisterliche Austausch, als der er verkauft wurde. Sie wurden abgeschottet, rassistisch angefeindet und ausgebeutet. Deshalb stört es mich, wenn heute gesagt wird: „Vietnames*innen bleiben ja auch gerne unter sich.“ Denn dieses Unter-sich-bleiben war gewollt.

Wenn darüber gesprochen wird, dass die Wiedervereinigung für Ostdeutsche einen krassen Umbruch in der Biografie bedeutete, gehen viele von der weißen Mehrheitsgesellschaft aus – statt mitzudenken, dass auch die DDR eine Gesellschaft war, in der es Einwanderung gab. Die Wiedervereinigung bedeutete eben auch für Migrant*innen und Vertragsarbeiter*innen große Unsicherheit. Viele sollten abgeschoben werden und vielen, die blieben, blieb oft nur die Selbstständigkeit. Deshalb gibt es zum Beispiel so viele Geschäfte von Vietnames*innen in Ostdeutschland.

Wir sollten aufhören, die Wiedervereinigung als große Erfolgsgeschichte zu verkaufen.

Nhi Le

Ich fand es lange super befremdlich, wenn Menschen in meinem Alter, die nach der Wende geboren sind, noch von Ossi und Wessi gesprochen haben. Obwohl ich in Thüringen aufgewachsen bin und wir auch in der Schule über die DDR gesprochen haben, war ein vereintes Deutschland für mich eine Selbstverständlichkeit. Mittlerweile merke ich, dass es immer noch Sinn ergibt, von Ostdeutschland zu sprechen. Geografisch, und weil es große strukturelle Unterschiede zu den westdeutschen Bundesländern gibt. Ich selbst stelle mich aber nie als Ostdeutsche vor. Mein Selbstverständnis ist Deutsche oder Vietdeutsche.

Zum Tag der Deutschen Einheit sollten wir von diesem romantisierenden Narrativ wegkommen und aufhören, die Wiedervereinigung als große Erfolgsgeschichte zu verkaufen. Einerseits wegen der biografischen Brüche, die alle betroffen haben. Andererseits, weil die Wiedervereinigung auch erstarkenden Nationalismus bedeutet hat. Das war ein wesentlicher Faktor bei den rassistischen Pogromen der 90er-Jahre. Diese Pogrome fanden nicht nur im Osten statt. Sie fanden 1991 in Hoyerswerda statt und 1992 in Rostock-Lichtenhagen, aber auch 1992 in Mölln und 1993 in Solingen. Unter dem Slogan „Endlich kommt zusammen, was zusammengehört“ wurde der Nationalismus einfach beiseite gewischt und vieles verklärt.

Ich wünsche mir deshalb, dass zu 30 Jahren Einheit nicht nur gejubelt wird, sondern Menschen sich auch fragen: Inwieweit hat die Wiedervereinigung beim Erstarken von Rassismus und Rechtsradikalismus eine Rolle gespielt?

Jessica Adi Mescheritzki, 1999 in Halle an der Saale in Sachsen-Anhalt geboren. Engagiert sich in der European Union of Jewish Students.

Jessica Mescheritzki. Foto: © Elif Küçük

Das erste Mal als ostdeutsch wahrgenommen habe ich mich als Jugendliche in bundesweiten Ferienlagern. Da habe ich erzählt, dass ich aus Halle komme. Und die Reaktion war häufig: „Halle? Kenne ich gar nicht?“ Und wenn ich erzählt habe, dass das etwa 30 Minuten von Leipzig entfernt ist, hieß es: „Aaah, im Osten.“ Diese Erfahrung habe ich häufiger gemacht: Dass viele gleichaltrige Westdeutsche Städte im Osten gar nicht kennen – aber andersrum voraussetzen, dass man jedes Kaff in NRW kennt.

Klar sind wir ein Staat und insofern wiedervereinigt. Aber wir sind keine Einheit, es gibt noch viele Unterschiede. In Halle gibt es beispielsweise nicht so viele Möglichkeiten, einen coolen Job zu finden. Deshalb bin ich weggezogen. Ich hab mich immer gefragt, warum meine Eltern nicht in den Westen gezogen sind, schließlich gibt es da die besseren Jobmöglichkeiten. Dabei kam raus: Sie hatten gar keine Wahl. Meine Eltern sind 1996 als sogenannte Kontingentflüchtlinge aus der Ukraine nach Deutschland gekommen. Sie haben die deutsche Wende nicht miterlebt, sondern den Zerfall der Sowjetunion. Die Entscheidung, nach Halle zu ziehen, haben deutsche Beamt*innen für sie getroffen. Die Wende war dementsprechend seltener Thema bei uns zu Hause.

Ich fühle mich in jüdischen Einrichtungen generell nicht sicher, egal, wo in Deutschland sie sind.

Jessica Adi Mescheritzki

Ich bin in der jüdischen Gemeinde in Halle aufgewachsen. Was Erfahrungen mit Antisemitismus angeht, habe ich nicht den Eindruck, dass es einen Unterschied zwischen Ost und West gibt. Es ist ein klassisches Vorurteil über Ostdeutschland. Die Leute hören „Halle“ und denken an den Anschlag und Nazis. Aber Antisemitismus ist ein bundesweites Problem. Ich fühle mich in jüdischen Einrichtungen generell nicht sicher, egal wo in Deutschland sie sind. Dass die Synagoge in Halle nach dem Anschlag jetzt Polizeischutz hat, ist schön, aber wird im Ernstfall auch nichts verhindern. Außerdem weiß ich ja nie, was für ein Mensch in der Uniform steckt. Leider hat die deutsche Polizei ein gewaltiges Rechtsextremismusproblem. Die berühmten „Einzelfälle“ gibt es nicht nur in ostdeutschen Gemeinden.

Anna Gorskih, 1992 in Tomsk (Russland) geboren und in Meißen in Sachsen aufgewachsen. Lebt in Leipzig und ist seit 2019 Abgeordnete der Linken im sächsischen Landtag.

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Anna Gorskih. Foto: © Thomas Victor

Die DDR und die Nachwendezeit waren für mich lange Zeit eine Blackbox. Ich bin erst mit 12 Jahren mit meiner Familie aus Russland nach Meißen in Sachsen gekommen und habe keine Verwandten, die die DDR selbst erlebt haben. Was mich aber mit meinen Mitschüler*innen verbunden hat, war die Erfahrung von Arbeitslosigkeit, sozialer Unsicherheit und Zukunftspessimismus; das gab es auch im Russland der 90er. Auch meine Großeltern verloren so ihre Arbeit und mussten umschulen.

Ich habe mich nie ausschließlich als Russin oder als Deutsche verstanden, meine Identität hat nicht zuletzt wegen meiner Migrationserfahrung eben mehrere Einflüsse. Erst im Studium 2012 in Leipzig, als ich zum ersten Mal Menschen aus Westdeutschland kennengelernt habe, wurde mir klar, dass vielleicht auch „ostdeutsch“ dazu gehört. Ich glaube, das erkennt man oft erst in Abgrenzung oder im Vergleich zu anderen.

Ich wünsche mir, dass es irgendwann egal ist, ob man in Ost oder West oder überhaupt in Deutschland geboren ist.

Anna Gorskih

Während sich die westdeutschen Kommiliton*innen über die günstigen Mieten in Leipzig freuten oder ihre Eltern kurzerhand eine Wohnung für sie kauften, dachte ich: Das können viele Ostdeutsche nicht. Meine Familie war lange arm, weil meine Eltern nicht sofort Arbeit in Deutschland fanden und ihre Bildungsabschlüsse nicht anerkannt wurden. Leipziger Mietpreise mögen für viele Westdeutsche günstig erscheinen, für mich und andere Ostdeutsche, deren Familien weniger verdienen als im Westen, ist das aber viel Geld. Von einer wirtschaftlichen Einheit sind wir weit entfernt. Der Osten ist immer noch Billiglohnland und das ist eine schreiende Ungerechtigkeit.

In einer Studie der Otto-Brenner-Stiftung von 2019 gaben ostdeutsche Jugendliche mehrheitlich an, dass es für sie immer noch eine Rolle spiele, ob man aus Ost oder West kommt. Sie schätzen die wirtschaftliche Lage ihrer Region als schlechter ein und sind weniger zuversichtlich, dort einen Job zu finden. Für mich zeigt das, dass junge Ostdeutsche oft nicht die gleiche Ausgangsposition wie gleichaltrige Westdeutsche haben – die wiederum sahen das mehrheitlich nicht so.

Die westdeutsche Perspektive ist eine Normperspektive, die auch immer als gesamtdeutsche Perspektive gedacht wird. Ich wünsche mir, dass es irgendwann egal ist, ob man in Ost oder West oder überhaupt in Deutschland geboren ist. Ich will, dass Menschen unabhängig ihrer Herkunft die gleichen Möglichkeiten haben.