5 Gründe, warum ihr „Wir“ sehen solltet

Wir selbst sind unser größter Feind. Mit psychologischen Kniffen und hervorragendem Cast hält uns der Get Out-Nachfolger den Spiegel vor. Eine Kritik

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Wir selbst sind unser größter Feind. Foto: Universal Pictures

Nordkalifornien. Das Autoradio pumpt den Hip-Hop-Track I Got 5 on It aus den Boxen. Mutter Adelaide Wilson (Lupita Nyong’o) und ihr Mann Gabe (Winston Duke) fahren kopfnickend mit ihren Kindern Jason (Evan Alex) und Zora (Shahadi Wright-Joseph) in den Urlaub. In einem Ferienhaus will die Familie den Sommer genießen. Doch als vier fremde Doppelgänger*innen in der Einfahrt der Wilsons für Ärger sorgen, wird Adelaide von ihrer Kindheit eingeholt: Zum zweiten Mal in ihrem Leben trifft sie auf ihr Ebenbild.

Vier Afroamerikaner*innen bilden das Zentrum von Wir. Das ist erfrischend und doch geht es dem Regisseur um mehr als Rassismus. Im Film wird sowohl der Schwarze als auch der weiße Mittelstand mit seiner Gemütlichkeit konfrontiert. Für euch haben wir fünf Punkte herausgefiltert, die Wir unverzichtbar machen.

1. Der Zerfall des Anderen

Zombies, Monsterhaie und Hinterwäldler*innen. Ein guter Horrorfilm zeigt uns, wovor wir Angst haben sollen. Ein sehr guter Horrorfilm hinterfragt, weshalb wir diese Kreaturen überhaupt erst konstruieren. Das Schreckliche steckt doch viel mehr in uns selbst, unserem Alltag und den Automatismen, die wir für richtig halten.

Nein, das sind nicht die Nachbar*innen.

Wir verzichtet auf Fabelwesen und setzt der Familie Wilson stattdessen vier Klone ins Wohnzimmer. Ausgerüstet mit goldenen Scheren und roten Overalls, sehen die Doppelgänger*innen nicht nur fieser aus als ihre Originale, sondern sinnen auch noch auf Rache. Denn ihr Dasein trug sich im Gegensatz zum Leben der Wilsons eben nicht im amerikanischen Bürgertum zu.

Familienvater Gabe vermutet zunächst nichts Schlimmes, immerhin könnten es ja streitwillige Nachbar*innen sein. Doch es handelt sich nicht um einen Nachbarschaftsstreit. Gabe selbst und seine Familie, die ihren Wohlstand nicht hinterfragen, sind das eigentliche Problem.

Nachdem Regisseur Jordan Peele in Get Out auf den strukturellen Rassismus der USA gezeigt hat, schafft er es hier, die Exotisierung des Anderen zu dekonstruieren. Dabei entwirft er amerikanische Lebensrealität(en), die sich nicht auschließlich über ihre Hautfarbe definieren. Ein Hinweis darauf ist der Originaltitel US, der auch als Länderkürzel und Kritik am amerikanischen Traum gelesen werden kann.

2. Das Spiel mit sich selbst

Lupita Nyong’o gelingt es in Wir, eine Mutter zu spielen, die ihre schützende Hand stets über die Familie hält, obgleich sie mit ihrer Vergangenheit ringt. Nyong’o kommuniziert ihr Schauspiel dabei viel über die Augen. In Wir schwankt ihr Blick stets zwischen Zufriedenheit, Misstrauen, nur um dann plötzlich wieder boshaft zu erstarren.

Denn du erlaubst dir, an ein paar sehr hässliche Orte zu gehen.

In einem Interview mit der Plattform Rotten Tomatoes sprach die Schauspielerin über den Dreh: „Es war anstrengend. Du musstest dich auf zwei Rollen vorbereiten. Gleichzeitig war es sehr befreiend. In die dunklere Seite einer Person tauchen zu können, hat etwas Erlösendes und Therapeutisches zugleich. Denn du erlaubst dir, an ein paar sehr hässliche Orte zu gehen.“

Um sich in ihre Rolle einzufinden, sah sich Lupita mitunter A Tale of Two Sisters und Funny Games U.S  an. Im Spielfilm von Michael Haneke wird eine Familie von zwei Collage-Jungen aus der Nachbarschaft gefoltert.

3. Der Look

Die Welt in Wir ist blau getüncht und wird von Rot als Signalfarbe gebrochen. Peele schafft es mit diesem Look sogar einen belebten Badestrand bei Tageslicht wie einen unheilvollen Tatort wirken zu lassen. Allein das hypnotische Einblenden kreisender Möwen sorgt hier für Gänsehaut, wenn man sich auf Lupita Nyong’o konzentriert, wie sie sich an Ereignisse aus ihrer Jugend erinnert.

Ein Mädchen im Spiegelkabinett, eine Familie in der Einfahrt, ein Junge im Flammenmeer. Mit wenigen Filmschnitten brennen sich die Bilder wie Gemälde in den Kopf. Dabei wirkt die Action nie übereifrig, sondern klug choreografiert. Dass dann auch noch Alltagsgegenstände (Scheren und Spiegel) wie schon in Get Out (Teeservice) zu Horrorinstrumenten verkommen, liegt nicht zuletzt an der musikalischen Untermalung.

4. Der Titelsong

„Das ist ein echter Klassiker […] es geht nicht um Drogen, der Song ist dope“, antwortet Gabe seinem Sohn auf die Frage, worum es in dem Song I Got 5 on It ginge. Dass der Track Marihuana-Konsum feiert, scheint er dem Kind dabei vorzuenthalten. So wie alles Banale in der Welt der Wilsons, wird auch dieses Gespräch später verzerrt. Refrain und Rhythmus des Titelsongs verlangsamen über die 121 Minuten Spielzeit des Films ihr Tempo. Die Streichinstrumente überhöhen die Akzente des Beats zusätzlich.

5. Der Humor

Bei allem Schrecken schafft es Jordan Peele, eine Prise Witz in die Stechereien, Explosionen und Gruselhäuser zu streuen. Das Geschehen scheint so unwirklich zu sein, dass die Charaktere sich nur noch mit Galgenhumor zu helfen wissen. So zählen die Wilsons (die Echten oder Unechten, sei an dieser Stelle nicht verraten) in einer Szene, wie viele sogenannte Kills sie im Verlauf der Geschichte gelandet haben. Der*die Gewinner*in darf sich dann anschließend an das Steuer des Fluchtwagens setzen.