Adbusting: Dieser Künstler löst Schönheitsideale auf – wortwörtlich

Der Künstler Vermibus nutzt Chemikalien, um Werbeplakate zu entstellen. Auf diese Weise rebelliert er gegen die Macht der Medienindustrie, Schönheitsideale zu diktieren.

Zombies, Dämonen, Geister – die Kunst von Vermibus ruft viele Assoziationen hervor. Manche wenden den Blick ab, weil sie die schwarzen Augen bedrohlich und die entstellten Gesichtszüge beklemmend finden. Mit seinen Werken enthüllt der spanische Künstler den Schwindel der Modeindustrie, die Konsument*innen mit Photoshop und Co. verführt. „Ich bin Künstler und ich bin Aktivist“, beschreibt der Künstler sich selbst. Er findet, dass Schönheit fernab von Laufstegen definiert werden sollte – und akzeptiert nicht, dass öffentliche Räume von Kaufaufforderungen geprägt werden.

„Ich bin Künstler und ich bin Aktivist“

Adbusting – das heißt so viel wie „Werbung zerschlagen“ und bezeichnet eine Bewegung von Menschen, die Reklamen im öffentlichen Raum überkleben, verfremden, parodisieren. Damit wehren sie sich gegen visuelle Umweltverschmutzung und konsumzentrierte Propaganda. Wir leben in einer Welt, in der Menschen in Großstädten jeden Tag durchschnittlich 3.000 Werbetafeln sehen. Wobei nicht die Zahl erschreckend ist, sondern vielmehr die Selbstverständlichkeit, mit der diese Manipulation hingenommen wird.

Der spanische Künstler Vermibus entfremdet Werbeplakate. Foto: Rui Camilo

Bevor er sich Vermibus nannte, war er bei einer Modefirma als Fotograf engagiert und lichtete Cocktail trinkende Menschen auf exklusiven Events ab. Veröffentlicht wurden nur die Aufnahmen, welche die passende Geschichte erzählten. „Meine Aufgabe war es, die Fotos am nächsten Morgen nachzubearbeiten und die Menschen, die nicht zu der Ästhetik des Events passten, herauszuschneiden“, erinnert sich Vermibus. Denn eine Veranstaltung sei nur so attraktiv wie ihre Besucher*innen – das fanden zumindest seine Chef*innen.

„Sie wollten nur große, gutaussehende, starke Menschen, die auf keinen Fall zu unterschiedlich sein sollten. Selbst ich als Fotograf musste diesen Standards entsprechen.“ Obwohl er selbst nur hinter der Kamera stand, spürte er die ausgrenzende Gewalt dieser Maxime. Sein Vertrag wurde nicht verlängert und Vermibus zog, angetrieben von dem Wunsch etwas zu ändern, nach Berlin.

Geprägt durch diese Erfahrung, arbeitet er inzwischen daran, die in Werbefotografien transportierten Schönheitsideale aufzulösen. Und das im wahrsten Sinne des Wortes: Mit Atemmaske und Schutzhandschuhen ausgestattet, trägt Vermibus Lösungsmittel auf Plakate auf, die er zuvor mit selbst geschliffenen Schlüsseln aus Werbevitrinen entnommen hat. Sobald sich die Farben vom Untergrund lösen und verschwimmen, schafft er mit Spachteln, Bürsten und Pinseln neue Konturen: Markennamen verblassen, Umrisse werden unscharf, Gesichter laufen regelrecht aus.

Ist Vermibus mit einem Plakat fertig, kann man nicht mehr von Werbung sprechen. Die grotesken Gestalten sind weder glamourös noch begehrenswert und rufen ganz bestimmt kein Verlangen nach Konsum hervor. „Die Werbung wird zur Anti-Werbung. Auf diese Weise widerspreche ich dem Ausgangsbild“, betont Vermibus. Er entmenschlicht das Model, dem zuvor sowieso schon durch Make-up, Inszenierung und Nachbearbeitung jeglicher Charakter abgesprochen wurde. „Den Gegner mit den eigenen Waffen schlagen“, so brachte es schon Kalle Lasn, Begründer der Adbusting-Bewegung, auf den Punkt.

„Schönheit kann alles dazwischen sein“

Wenn der spanische Künstler sein Werk zurück in die Vitrine hängt, erleuchten die LEDs nun ein Plakat, dem die Imposanz eines Ölgemäldes innewohnt – und das zugleich das Gefühl auslöst, dass irgendetwas nicht stimmt. „Auf der einen Seite gibt es Schönheit, wie sie uns in der Werbung verkauft wird. Und dann gibt es meine Kunst. Sie offenbart das andere Extrem“, erklärt er. Passant*innen werden plötzlich an der Stelle, an der zuvor Kate Moss auf weißen Laken kniete, von schwarzen Augen mit durchdringlichem Blick angestarrt.

Dabei geht es Vermibus weniger um die Frage, ob weiße Zähne, strahlende Haut oder gestählte Waschbrettbäuche nun schön sind oder nicht: „Es geht mir darum, dass die Modeindustrie uns diktiert, wie wir zu leben, auszusehen und uns zu verhalten haben.“ Wer vor einem seiner Bilder steht, soll darüber nachdenken, dass Schönheit mehr sein kann als „weiße, schlanke, heterosexuelle Menschen.“ Mit seiner Kunst widersetzt er sich diesem Narrativ. „Erst dann fällt auf, dass es einen Freiraum dazwischen gibt: Schönheit kann das sein, was in der Werbung definiert wird. Schönheit können meine Bilder sein. Und Schönheit kann alles dazwischen sein.“