Ältere Menschen erzählen, was sie in ihrer Jugend gern anders entschieden hätten

Was würdest du heute anders machen? Sechs ältere Menschen erzählen von nicht-geschriebenen Doktorarbeiten, kleinen Brüsten und fehlendem Selbstbewusstsein.

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Was wäre wenn? Foto: Tiago Muraro / Unsplash | CC0

Wir haben ältere Menschen gefragt, in welchen Situationen sie sich anders entscheiden würden, wenn sie noch einmal in ihre Jugend zurückreisen würden. Das sind ihre Antworten:

Lila, 66 Jahre

LILA
Foto: Dana Hajek / privat

„Ich war früher sehr schüchtern und traute mich nicht recht vor anderen Menschen zu sprechen. Es war eine Eigenschaft, für die mich meine Eltern lobten: Ich wäre so höflich und zurückhaltend, daher erschien ich wie eine zufriedene Jugendliche. Eigentlich war ich das aber nicht. Ich hatte durchaus viel zu sagen – und zwar mindestens genauso viele Dinge, die mich störten wie umgekehrt. Ich erinnere mich an einen Moment in der Schule, als mein Philosophie-Lehrer der Klasse eine Frage stellte. Meine Gesicht lief rot an, meine Hände schwitzten und meine Stimme versagte. So murmelte ich die Antwort leise vor mich her. Eine Chance, die eine Klassenkameradin direkt nutzte und lautstark verkündete, was ich nicht laut genug über die Lippen brachte. Das hab ich nie vergessen! Rückblickend hätte ich früher für meine Bedürfnisse einstehen müssen und – wenn es sowas gegeben hätte – wären auch Yoga oder eine Entspannungstherapie hilfreich gewesen. In jeden Fall hätte es mir geholfen, zu verstehen, dass am Ende alles halb so schlimm ist.“

René, 71 Jahre

Jean
Foto: Dana Hajek / privat

„Ich hätte nach meinem Abitur studieren können. Damals dachte ich da überhaupt nicht dran. Das Geld hat auch so gereicht. Natürlich hab ich mich manchmal deswegen mit anderen verglichen, aber wusste immer, dass ich einfach normal, weder eine Rakete, noch eine Niete bin. Deswegen habe ich trotzdem alles gut geschafft. Ich war nur sehr naiv und unschuldig in der Zeit, heiratete eine Frau, die war wunderschön, aber nicht gerade das Beste für mich. Ich wollte immer eine glückliche Familie mit vielen Kindern. Am Ende machte sie sich ein schönes Leben, während ich hart arbeitete – da hätte auf jeden Fall etwas anders machen können. Was soll’s. Die Jugend war trotzdem die schönste Zeit meines Lebens.“

Willi, 73 Jahre

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Foto: Dana Hajek / privat

„Wenn ich noch einmal über meine Studienzeit nachdenke, hätte ich meine Prioritäten vielleicht anders setzen müssen. Zum Beispiel bekam ich Fördergelder, mit denen ich eine Doktorarbeit in Philosophie hätte schreiben können. Stattdessen plante ich andere politische Aktivitäten, die sich in dem Moment richtig anfühlten. Das waren tolle Projekte, keine Frage! Im Nachhinein wäre da aber natürlich auch genug Platz für eine Doktorarbeit gewesen. Das Thema lag mir und machte mir Spaß. Es schien nur sehr komplex, fast schon überfordernd, weswegen ich mich nicht so recht dazu aufraffen konnte – und wollte. Mir fehlte die lange Sicht. Zwei Jahre an einem akademischen Thema arbeiten? Das erschien mir damals wie eine halbe Ewigkeit. Auf ein ganzes Leben hochgerechnet, ist es natürlich nicht viel. Heute könnte ich das viel besser abschätzen.“

Nicole, 72 Jahre

Nicole
Foto: Dana Hajek / privat

„Als ich jung war hatte ich eine rosarote Brille auf. Für mich war alles schön und toll. Das lag auch daran, dass meine Eltern genug Geld hatten und ich ein sorgenfreies und wohl behütetes Leben auf dem Land genoss. Wenn ich zurückblicke, hätte ich natürlich schon früher auf die Gedanken kommen können, dass die Realität ein bisschen anders aussieht. Aber ich hab einfach das gemacht und gedacht, was meine Eltern mir gesagt haben. Noch einmal würde ich das nicht mitmachen! Ich wollte ausbrechen! Aber so wie das Leben spielt, traf ich im Mai 1968 meinen zukünftigen Mann, ein linksaktivistischer Musiker, der auf den Barrikaden kämpfte. Und der absolute Alptraum meiner Eltern. Mit dieser Begegnung habe ich eine neue Welt entdeckt – das hat mich am Ende weniger egoistisch und weltoffener gemacht. Wie kurze Momente doch dein komplettes Leben umkrempeln können.“

Herbert, 80 Jahre

Herbert
Foto: Dana Hajek / privat

„Wenn ich zurückblicke, tut es mir leid, dass ich als junger Bengel meiner Mutter das Leben schwer gemacht habe. Ich wurde mitten im Krieg geboren, als jüngster meiner sechs Geschwister. Weil ich als Nesthäkchen – so weit es damals ging – verwöhnt wurde, entwickelte ich mich zu einem kleinen Meckerer. Dies und das passte mir nicht. Vom Strümpfe stopfen, Hosen flicken, Stullen schmieren – meine Mutter konnte es mir einfach nicht recht machen. Ich hab erst später realisiert, was der Krieg für meine Mutter bedeutete, eine Zeit, in der sie so vieles verlor – meinen Vater sowie meine zwei Brüder. Ich finde es bewundernswert, wie sie es trotzdem ohne Hilfe schaffte, uns Jahr für Jahr über die Runden zu bringen. Das ist nahezu unvorstellbar heute!“

Doro, 75 Jahre

Doro
Foto: Dana Hajek / privat

„Ich war sehr unselbstbewusst als Jugendliche. Das war auch meiner Lebenssituation geschuldet, weil meine Familie sehr arm war und ich mich nur in einem vorgegebenen Rahmen weiterentwickeln konnte. Mit 17 Jahren musste ich auf eigenen Beinen stehen – da blieb wenig Zeit, um über mich selbst nachzudenken. Auf das Gymnasium gehen? Das ging damals nicht einfach so, du brauchtest die entsprechende Kleidung. Und die hatten wir nicht. Es hat gedauert, bis ich mich davon frei strampeln konnte. Ich hatte auch eine Freundin, die mit 13 Jahren schon Brust bekommen hat. Und ich? Ach, flach wie ein Brett. Dafür sieht das, was damals platt war, jetzt wunderbar aus und bei den anderen hängt’s bis zum Bauchnabel. Von daher kommt jeder irgendwann zum Zug, der eine früher, der andere später!“