Ärger über genderneutrale Lebkuchen-Person: Stellt euch doch bitte nicht so an

In England verkauft eine Bäckerei statt Ginger Men nun Ginger Persons. Darauf gab es wütende Reaktionen. Warum die Bäckerei richtig gehandelt hat und niemand mit Tradition kommen sollte, erklärt unser Autor. Ein Kommentar

In England verkauft eine Bäckerei genderneutrale Lebkuchen-Personen. Warum das wichtig ist, erklärt unser Autor. Ein Kommentar

Es ist und bleibt ein Gebäck. Illustration: Gerlinde Schrön / ze.tt

Eine kleine Familienbäckerei in Yorck, England, verkauft keine Lebkuchenmänner: Statt der männlichen Variante entschied sich Thomas The Baker für die genderneutrale und verkauft Ginger Persons, also Lebkuchen-Personen. Einer Kundin scheint das nicht zu schmecken. Sie postet ein Foto von dem Gebäck auf Facebook: „Es passiert. Es passiert wirklich. Es ist 2018. Haltet die Welt an, ich will aussteigen“, schreibt sie dazu.

It's happening. it's actually happening. It's 2018 😭🙈 Stop the earth, I wanna get off.

Gepostet von Demii-Leigh Heffron MainAccount am Sonntag, 21. Oktober 2018

Ihr Post wurde bisher über 13.500-mal geteilt, User*innen kommentieren darunter, pflichten ihr bei: „Dieses Land dreht total durch mit der ganzen politischen Korrektheit!“, andere vermuten gar einen Fake. Auf Twitter reagiert die Bäckerei und erklärt, dass die Ginger Persons bereits seit 1983 so heißen. Die Geschäftsführer*innen in Yorck hätten sich damals für diese Bezeichnung entschieden und es seitdem auch nicht mehr geändert.

Habt ihr keine anderen Probleme?

Worüber sprechen wir hier eigentlich? Aus Ginger Man wurde Ginger Person. An der Rezeptur oder am Aussehen der weihnachtlichen Gebäckstücke hat sich nichts geändert – es ist und bleibt ein ziemlich süßes, würziges Teigstück. Doch offenbar scheint allein die Tatsache, dass die Bäckerei sich für einen geschlechtsneutralen Namen entschied, viele Leute sehr wütend gemacht zu haben. Die Bäckerei hat zwar kein flammendes Bekenntnis für Genderneutralität oder für Gleichberechtigung in der Sprache gehalten, doch allein, dass sie trotz des vielen negativen Feedbacks nicht von der Benutzung der geschlechtsneutralen Bezeichnung abrückt, ist ein wichtiges Zeichen.

Außerdem auf ze.tt: „Wie kann das schön sein? Das ist doch keine Frau“ – wie eine Fotografin mit Stereotypen bricht

Denn Sprache kann verändern, Sprache kann ein Bewusstsein schaffen und schärfen, Sprache kann einen Unterschied machen: Lebkuchenmänner, Schoko-Weihnachtsmänner oder Printen-Schneemänner. Fällt was auf? Warum sind das eigentlich alles Männer? Warum sind das keine Lebkuchenfrauen? Schoko-Weihnachts-Transmenschen? Nicht-binäre Printen-Schneepersonen? Warum meinen, denken wir all das in der Sprache häufig nicht mit? Männer sind doch überall mehr als genug vertreten: in der Politik, den Chef*innenetagen und den Spitzen der Gehaltstabellen. Es ist an der Zeit, mithilfe von Sprache und Bildern zu versuchen, mehr Vielfalt in unsere Welt zu bringen – und wenn es erst mal nur die Gebäckauslage ist.

Kommt mir jetzt nicht mit Tradition

Manch eine*n nerven diese sprachlichen Veränderungen vielleicht, weil sie erst mal nicht so gängig sind, ungewohnt wirken, den altbekannten Sprachgebrauch stören und ins Wanken bringen, aber das ist nur eine Frage der Gewöhnung. Wenn wir anfangen, Menschen mithilfe von Sprache zu integrieren, sie direkt anzusprechen statt mit zu meinen, sie nicht länger aufgrund ihres Geschlechts oder ähnlichen Attributen auszuschließen, führt das früher oder später zu einer faireren Sprache.

Und bitte, tut mir einen Gefallen: Kommt mir jetzt nicht mit Tradition. Kommt mir jetzt nicht damit, dass eure Großeltern schon Lebkuchenmänner gebacken haben, dass Schoko-Weihnachtsmänner schon immer männlich waren und dass das auch so bleiben soll, weil das halt schon immer so ist. Weil das halt schon immer so ist, ist für mich ein Argument, das mir in etwa so auf den Magen schlägt wie roher (Lebkuchen-)Teig. Nur weil etwas schon immer so ist und funktioniert, bedeutet es nicht, dass es nicht falsch sein kann, dass es bestimmte Personengruppen ausgrenzt.

Was spricht also gegen Ginger Persons? Dass man da jetzt ja gar nicht mehr weiß, ob man gerade in einen männlichen oder weiblichen Keks beißt? Dass weiße cis-Männer plötzlich nicht mehr ausreichend in den Keksregalen dieser Welt vertreten sind? Wo kommen wir denn da überhaupt hin, wenn wir anfangen, alte Traditionen (sprachlich) zu überdenken, zu überholen, anzupassen? Nicht dass dann kleine Jungen in pinken Strampelanzügen durch die Kitas krabbeln, mit Puppen spielen und sich schminken wollen! Oder dass junge Mädchen womöglich mit Autos spielen, Pilotinnen werden wollen und Hosen viel besser als Röcke finden? Ich jedenfalls finde, wir brauchen viel mehr Schoko-Weihnachts-Personen, Lebkuchen-Personen und Co – für eine gerechtere Sprache, die alle meint.