AfD wegbassen: Berlin feierte ein gigantisches Fest gegen Rechts

Die AfD wollte in der Hauptstadt Stimmung machen. Zehntausende verhinderten das. Sie setzten der Partei ein Fest der Offenheit entgegen. Ein Kommentar

Die rechtspopulistische Alternative für Deutschland (AfD) rief am Sonntag zu einer Großdemonstration in Berlin auf, auch Bärgida, das Berliner Pendant von Pegida, nahm Teil. Laut eigenen Angaben sollte es eine der größten Demos werden, die es je gegeben hat. Das Motto lautete: „Zukunft Deutschland“. Die AfD spricht von 8.000 Teilnehmenden, laut Polizei versammelten sich dagegen etwa 5.000 Menschen.

In der Hauptstadt formierte sich seit Wochen ein riesiger Gegenprotest. Zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule hielten sich laut Polizei 25.000 Menschen auf. Es gab 13 angemeldete Gegendemonstrationen, viele kleine, große, kreative, zu Wasser, auf dem Land. Laut Zählungen des Orgabündnisses versammelten sich in Berlin insgesamt 70.000 Menschen und feierten ein großes Fest der Offenheit.

Der AfD wurde klargemacht, wo sie steht – im Abseits

Auf der Straße des 17. Juni, die von der Siegessäule bis zum Brandenburger Tor führt, organisierte die Berliner Club- und Partyszene einen Umzug mit vielen bunt geschmückten Wagen, aus denen jeweils laute Musik dröhnte. Zwei weitere Demorouten führten durch Berlin zum Brandenburger Tor – auch dort gab es viel Musik, Glitzer und tanzende Menschen.

Insgesamt zogen 32 Wagen durch die mit Menschen vollgestopften Straßen. Einige Teilnehmende sprachen von einer zweiten Love Parade, ein Vergleich, der nicht abwegig ist: Die Stimmung war ebenso ausgelassen, überall tanzten Menschen mehrere Stunden.

Weitere Demos gab es auf der Spree, vor dem Reichstagsgebäude, und an vielen Orten in Berlin-Mitte. Die AfD war auf ihrer geplanten Marschroute vom Hauptbahnhof zum Kundgebungsort am Brandenburger Tor nie ungestört. So standen überall entlang der Absperrungen, die die AfD-Demo schützen sollte, protestierende Gegen-Demonstrant*innen. Sie riefen Sprüche wie „Ganz Berlin hasst die AfD“.

Die Polizei meldete, die Demonstrationen seien größtenteils friedlich verlaufen. Ein direktes Aufeinandertreffen von AfD-Anhänger*innen und Gegendemonstrant*innen soll es nur an der Friedrichstraße gegeben haben. Die AfD-Demo konnte stattfinden.

Menschlichkeit sticht tumben Nationalstolz und Abgrenzung

Die AfD konnte ihr Programm und die geplanten Redebeiträge zwar durchführen; musste aber am Sonntag selbst die Erfahrung machen, was es bedeutet, keinen Raum zu haben. Genau das ist es, was sie seit Jahren anderen Menschen aktiv abzusprechen versucht: Raum, anders zu sein.

Der abgesperrte Veranstaltungsbereich der AfD war nahezu komplett von Aktivist*innen umkreist. Das wurde Teilnehmenden offenbar zu bunt: Nach den Kundgebungen seien einige fast schon „geflüchtet“, berichtete ein Polizist ze.tt vor Ort. An den Bahnhöfen wurden sie von lauten Sprechchören begleitet, bis sie in ihre Bahnen steigen konnten. Selten war das Engagement der Menschen gegen Rechts so leidenschaftlich zu spüren.

Hass wird nie eine Meinung sein

Auch internationale Medien berichteten von der AfD-Demo und den lauten Gegenprotesten. Berlin konnte als deutsche Hauptstadt zeigen, dass hier Offenheit Abgrenzung vorgezogen wird.

Die AfD wird die Vorkommnisse von nutzen, um sich wie so oft als Opfer zu inszenieren. Schon jetzt ist in den Kommentarspalten zu lesen, ihre Grundrechte seien mit Füßen getreten worden, alle hätten doch ihr Recht auf ihre Meinung.

[Außerdem auf ze.tt: AfD wegbassen: Warum Feiern und Tanzen immer auch politisch ist]

Aber: Hass war nie eine Meinung, Hass ist keine Meinung, Hass wird nie eine Meinung sein. Denn Hass ist weder reflektiert noch konstruktiv. Meinungen schon.

Die Menschen in Berlin zeigten der AfD eindrucksvoll, wie sie sich ihre Zukunft Deutschlands vorstellen: bunt, liebevoll, offen. Das ist etwas, worauf man wirklich stolz sein kann.


Transparenzhinweis: In einer früheren Version des Textes hieß es, dass 70.000 Gegendemonstrant*innen gegen die AfD-Kundgebung protestiert hätten – diese Zahl bezieht sich auf die Angaben des Orgabündnisses; die Polizei spricht von etwa 25.000 Teilnehmenden. Ebenfalls hieß es, dass sich bei der AfD-Kundgebung etwa 5.000 Menschen versammelt hätten. Diese Zahl entspricht den Angaben der Polizei; die AfD selbst zählte 8.000 Teilnehmer*innen.  In einer früheren Version hieß es zudem, die AfD hätte zusammen mit Pegida zu der Großdemonstration aufgerufen. Es handelte sich jedoch um eine Teilnahme des Berliner Pegida-Pendants Bärgida.

Wir haben die aktuelle Version des Textes um diese zusätzlichen Informationen ergänzt.