Affären, Familiendramen, und ach ja, der Mars: Die Netflix-Serie „Away“ verhebt sich am Themenmix

Netflix schickt in Away Oscar-Gewinnerin Hilary Swank als Kommandantin auf die erste Marsmission. Die zehnteilige Serie nimmt dabei aber zu viel Gepäck mit. Eine Kritik

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In Away spielt die Mars-Mission bald nur noch eine Nebenrolle, aber auch bei den zwischenmenschlichen Dramen geht es wenig in die Tiefe. Foto: © Diyah Pera / Netflix

Emma Green (Hilary Swank) soll eine geschichtsträchtige Mission anführen: den ersten Flug von Menschen zum Mars. Drei Jahre lang wird es die Astronautin mit ihrem vierköpfigen Team auf engem Raum aushalten müssen. Dass das kein großes Fest wird, macht die Netflix-Serie Away gleich zu Beginn klar.

Schon vor dem Start von einer Mondbasis aus kommt es zu einem Unfall an Bord. Weil Emma darauf ihrer Meinung nach nicht gut genug reagiert, wollen die Kolleg*innen Misha Popov (Mark Ivanir) und Lu Wang (Vivian Wu) ihre Kommandantin direkt absetzen. Zu allem Überfluss bahnen sich auch auf der Erde Probleme an: Emmas Mann Matt (Josh Charles) erleidet einen Schlaganfall und ist zunächst nicht ansprechbar. Teenagertochter Alexis (Talitha Eliana Bateman) wird derweil von Melissa (Monique Gabriela Curnen) betreut, die ebenfalls selbst mit an Bord der Mission gehen wollte, sich aber wegen der Geburt ihrer an Trisomie 21 erkrankten Tochter dagegen entschied.

So würde die Kommandantin also eigentlich auch auf der Erde gebraucht. Trotzdem bricht sie zum Mars auf.

Die Figuren in Away wirken zu Beginn arg stereotyp

Für die Hauptrolle konnte der Streamingdienst die zweifache Oscar-Preisträgerin Hilary Swank (Boys don’t cry, 2000, Million Dollar Baby, 2005) gewinnen. Der übrige Cast ist weniger bekannt, aber stark. Allerdings fällt es schwer, die Figuren zu mögen. Zu viele Stereotype finden sich unter den Mitgliedern. Russe Misha Popov wird als harter Hund gezeichnet, der die größte Erfahrung im All und auch deshalb Probleme damit hat, sich einer Frau unterzuordnen. Die chinesische Biologin Lu Wang tritt wortkarg und kühl auf, sie will mit ihrem Einsatz ihrem Heimatland viel Ehre einbringen. Dann wären da noch der überforderte Schwarze Wissenschaftler und Space-Neuling Dr. Kwesi Weisberg-Abban (Ato Essandoh) sowie der emotionale Inder und Mediziner Ram Ayra (Ray Panthaki). Die vermeintlich bunte Truppe wirkt in ihrer klaren Rollenverteilung äußerst grau.

Aber natürlich ist Away ein My cleverer: Serienmacher Andrew Hinderaker, der zuvor auch an der Horrorserie Penny Dreadful mitschrieb, wird diese klischeehaften Ersteindrücke nicht so stehen lassen. Zu Beginn wird in jeder Folge die Hintergrundgeschichte eines Crewmitglieds beleuchtet – und natürlich sind alle Charaktere wegen schlimmer und schwerer Schicksalsschläge so, wie sie sind. Da ist von Scheidung über tote Familienmitglieder bis hin zu versteckten gleichgeschlechtlichen Affären alles dabei. Als Zuschauer*in fällt es dennoch schwer, einen Bezug zu den Figuren herzustellen – dafür passiert in Away einfach zu viel durcheinander in zu kurzer Zeit.

Zum Mars oder zur Erde: Wo willst du hin?

An Bord gibt es zudem ständig die Mission gefährdende Probleme, und sehr schnell wird die Serie zum Schlachtfeld für großes Familiendrama, Kompetenzgerangel und Coming-of-Age-Geschichten. Andrew Hinderaker und seine Autor*innen packen allerdings keines dieser Motive ganz und richtig an. So ist Green etwa pausenlos in Videoanrufen mit der Erde und ihrer Familie verbunden, während sie simultan eine neue Krise an Bord managt. Wie sich ein so enormes Zeit- und Energiepensum aufbringen lässt, ist bald nur noch schwer nachzuvollziehen.

Kein pun intended, aber es fehlt Away an den entscheidenden Stellen an Erdung. Wegen der überfrachteten Handlung kommen weder Dramen- noch Science-Fiction-Freund*innen richtig auf ihre Kosten. Dabei haben einige Episoden sehr anrührende Szenen in petto, deren kraftvolle Wirkung der stark spielenden Besetzung zu verdanken ist. Die Qualität schwankt hier aber von Folge zu Folge, die Gewichtung ist häufig nicht vernünftig austariert: Manches Schicksal wird banal abgehandelt, zu viele Themenkomplexe der Vollständigkeit halber nur in einem Nebensatz angerissen.

Eine bessere Sci-Fi-Familiengeschichte lieferte bereits die erste Staffel der Serie Lost in Space (ebenfalls eine Netflix-Produktion). Und inszenatorisch haben Space-Hits wie Gravity, Interstellar oder auch Ad Astra Freund*innen der Weltraumerkundung deutlich mehr zu bieten. Vor dieselbe Frage gestellt wie Emma Green in der Handlung – zum Mars oder nicht? –, ist am Ende nur zu sagen: Bleib‘ zu Hause oder flieg‘ ins All, aber wenn, dann jeweils ganz oder gar nicht.

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