Alle Frauen weg? Wie die Corona-Krise zum Backlash für Gleichberechtigung wird

Die Pandemie verdeutlicht an vielen Stellen, dass wir in puncto Geschlechtergerechtigkeit doch noch nicht so weit sind wie gedacht.

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Während der Corona-Krise lässt sich eine Retraditionalisierung von Geschlechterrollen beobachten. Foto: Ksenia Makagonova / Unsplash | CC0

Dass die Corona-Krise wie ein Brennglas wirkt, kann man derzeit oft lesen. Die Krise und unser Umgang mit ihr wirft Licht auf Umstände und Probleme, die sich durch sie verstärken. Den Zustand von Gesundheitssystemen zum Beispiel, unsere Definition von Systemrelevanz und auch den Stand der Gleichberechtigung. In der Krise wird vieles roher, schlimmer, drängender, so die Befürchtung.

Vieles war aber auch vorher schon schlimm.

„Wie das Virus plötzlich unsere Luft klarer macht und den Himmel blauer, so werden auch unsere wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Realitäten offenbarer“, schreibt Julia Jäkel, die Vorsitzende der Geschäftsführung des Verlagshauses Gruner + Jahr, in DIE ZEIT. „Wir Frauen sind so viel weniger weit, als wir es dachten.“

Plötzlich, in der Krise, sind alle Frauen weg.

Julia Jäkel in DIE ZEIT

Während sich die Natur gerade ein kleines bisschen erholen kann, müssen sich Frauen also fragen, ob der ganze schöne Fortschritt der vergangenen Jahrzehnte ein Trugschluss war. „Die Corona-Krise, bei der es um Leben und Tod, um ganze Existenzen von Familien und Unternehmen geht, macht offensichtlich, wer in Deutschland wirklich, wirklich entscheidet“, schreibt Julia Jäkel und berichtet davon, wie in ihrem Unternehmen seit Beginn der Krise die Führungszirkel weniger weiblich besetzt sind: „Plötzlich, in der Krise, sind alle Frauen weg.“

Aber wo sind die Frauen denn hin?

Die eine Antwort, die auch Jäkel gibt, ist erstmal wenig überraschend: im Homeoffice. Doch dort, zu Hause, sind viele Frauen eben nicht hauptsächlich mit Lehrplänen, Konferenzen oder Verkaufstabellen beschäftigt, also dem Office-Teil, sondern mit dem, was ihnen die traditionelle Rollenverteilung schon immer abverlangt hat: unbezahlter Care-Arbeit. Diese Arbeit leisten Frauen in heterosexuellen Konstellationen deutlich mehr als ihre Partner, auch schon vor Corona.

„Alle Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass Hausarbeit in den Kernbereichen nach wie vor überwiegend von Frauen verrichtet wird. Dies gilt auch für neuere Untersuchungen, für Familien, in denen die Frau teilzeit- oder vollzeiterwerbstätig ist, selbst für Dual-Career-Familien […] und auch für Familien mit einer Arbeitsteilung, die sie selbst für egalitär halten“, schreiben die Familiensoziolog*innen Cornelia Koppetsch und Günter Burkart.

Die Bundesregierung gibt an: „Der Gender-Care-Gap beträgt 52,4 Prozent. Das bedeutet, Frauen verwenden durchschnittlich täglich 52,4 Prozent mehr Zeit für unbezahlte Sorgearbeit als Männer. Umgerechnet sind das 87 Minuten Unterschied.“

Außerdem auf ze.tt: Warum Frauen 4,5 Stunden am Tag arbeiten, ohne Geld dafür zu bekommen

Doch wenn Schulen und Kindertagesstätten die Kinderbetreuung tagsüber nicht mehr übernehmen können, so wie in der Corona-Krise, geht dieser Gap noch weiter auseinander. Die fehlenden Frauen in Jäkels Führungsrunden, aber auch die fehlenden Frauen anderswo, sind also zwar im Homeoffice, aber dort noch mehr als sonst unbezahlt eingebunden.

Darauf deuten auch Untersuchungen vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie hin. So hat die Arbeitszeitforscherin Yvonne Lott Anfang des Jahres eine Studie zu den unterschiedlichen Erfahrungen im Homeoffice vorgestellt. „Mütter investieren pro Arbeitswoche knapp drei Stunden mehr in Kinderbetreuung, wenn sie im Homeoffice arbeiten“, heißt es dort. Frauen würden im Schnitt auf 21 Stunden Kinderbetreuung kommen, Männer auf 13 Stunden. Runtergebrochen heißt das: Wenn Eltern im Homeoffice arbeiten, geht das zum Nachteil der Frauen.

Wir erleben eine „entsetzliche Retraditionalisierung“

Jutta Allmendinger, die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, führt weiter aus: „Wir wissen, dass für Frauen, die lange zu Hause sind, die noch mehr mit ihrer Arbeitszeit zurückgehen, das im Arbeitsmarkt kaum noch zu kompensieren ist – was die Rente betrifft, was Karrierechancen betrifft.“ Frauen würden, so Allmendinger weiter, eine „entsetzliche Retraditionalisierung erfahren.“

Dazu geben auch Erkenntnisse aus Zeiten anderer Krankheitsausbrüche Hinweise. Julia Smith erforscht Gesundheitspolitik an der kanadischen Simon Fraser University. Sie berichtet in der New York Times: „Die Einkommen aller sind vom Ebola-Ausbruch in Westafrika in Mitleidenschaft gezogen worden, aber Männer haben schneller wieder ihr vorheriges Gehalt bekommen als Frauen.“ Keine guten Aussichten.

Das gilt auch für die Arbeitslosenzahlen. So ist in den USA die Arbeitslosenquote von Frauen von Februar bis April deutlich gestiegen – von 3,1 Prozent auf 15 Prozent. Für Schwarze und hispanischoamerikanische Frauen gingen die Zahlen noch weiter nach oben, auf 16,4 und 20,2 Prozent. Der Grund dafür? Laut Diane Lim, Expertin vom Penn Wharton Budget Modell, einer US-amerikanischen Forschungsinitiative, liegt das daran, dass die Wirtschaftszweige, die am meisten von Corona betroffen sind – Gastronomie, Bildung, aber auch manche Teile der Gesundheitsindustrie – zu einem Großteil von (nicht-weißen) Frauen getragen werden. Also nochmal: keine guten Aussichten.

Dieses verstärkte Ungleichgewicht wirkt sich nicht nur auf die Gehälter von Frauen aus, sondern – wie Jutta Allmendinger schreibt – auch auf die Karrierechancen von Frauen. Zum Beispiel in der Wissenschaft. So vermelden Herausgeber*innen wissenschaftlicher Fachmagazine zurückgehende Einreichungen von Frauen. Denn eine weitere Konsequenz der häuslichen Mehrarbeit sind auch fehlende intellektuelle und kreative Ressourcen. Wer deutlich mehr Zeit mit der Versorgung von Kindern verbringt, hat weniger Muße sich beispielsweise mit Wissenschaftsphilosophie zu beschäftigen. So hat Elizabeth Hannon, die stellvertretende Herausgeberin des British Journal for the Philosophy of Science, auf Twitter geschrieben: „Kaum Einreichungen von Frauen im letzten Monat. So etwas habe ich noch nie erlebt.“

Sicher, ein Monat und ein Beispiel sind noch kein Beweis für einen längerfristigen, stabilen Trend. Aber es sind Hinweise. Zumal es, wie Caroline Kitchener in The Lily schreibt, auch von etlichen anderen Magazinen ähnliche Rückmeldungen gibt: Die Einreichungen von Männern hätten sich zum Teil verdoppelt, während die Einreichungen von Frauen als alleinige Autorinnen eines Beitrags zurückgegangen seien.

Es geht ums große Ganze

„Plötzlich, in der Krise, sind alle Frauen weg.“ Weg aus Videokonferenzen, weg aus Fachmagazinen. Das mag überraschend erscheinen, wenn man fest an den linearen Fortschritt feministischer Gleichstellungsbemühungen glaubte, aber bei aller Freude über Errungenschaften zeigen Studien seit Jahren: Es ist noch so viel zu tun. Und wer dachte, dass wir mit den Grundforderungen durch seien und uns jetzt der feministischen Kür widmen könnten, der*die sollte spätestens jetzt erkennen: Es geht – immer noch – ums große Ganze.

Das lässt sich auch daran erkennen, wie aktuell zwei Klassiker der feministischen Theorie wieder erscheinen. Denn dass Frauen Zeit, Geld und Raum brauchen, um sich zu entfalten, haben schon Virginia Woolf und Simone de Beauvoir eindrücklich formuliert. De Beauvoir beschrieb es in Das andere Geschlecht und in einem Spiegel-Interview 1976 so: „Mutterschaft ist heute eine wahre Sklaverei. Väter und Gesellschaft lassen die Frauen mit der Verantwortung für die Kinder ziemlich allein. Die Frauen sind es, die aussetzen, wenn ein Kleinkind da ist. Frauen nehmen Urlaub, wenn das Kind die Masern hat.“

Diese Sätze könnten auch jetzt wieder in einem Interview fallen. Vielleicht noch mit dem Zusatz: „Frauen übernehmen, wenn eine Pandemie herrscht.“ Und auch der Titel von Woolfs Werk kann fast als Plädoyer für unsere heutige Zeit gelten. Was brauchen Frauen? – „Ein Zimmer für sich allein.“

Wo Frauen fehlen, fehlen auch ihre Interessen.

Viele Frauen sind verschwunden, viele waren nie da

Zurück zu Jäkels Diagnose, die Frauen seien in der Krise verschwunden. Der muss leider eine weitere Diagnose an die Seite gestellt werden: Einige sind verschwunden, aber viele waren gar nicht da. Frauen in Führungspositionen sind immer noch massiv unterrepräsentiert. Das sieht derzeit wieder sehr deutlich, wer die Nachrichten verfolgt: „All die Chefs wissenschaftlicher, medizinischer oder virologischer Institute sind größtenteils Männer, die meisten Chefärzte von Kliniken und Pflegeeinrichtungen sind ebenso Männer wie der übergroße Teil der Ökonomen und Politiker. All das ist bekannt. Man weiß das aus allen möglichen statistischen Erhebungen und Faktenanalysen,“ schreibt Jana Hensel auf ZEIT Online.

Welche Folgen das haben kann, ließ sich ganz konkret an den Empfehlungen der Nationalen Akademie der Wissenschaften, kurz Leopoldina, zur Corona-Krise beobachten. Der Expert*innenrat bestand aus 24 Männern, zwei Frauen, Durchschnittsalter über 60. Jutta Allmendinger schrieb dazu: „Beides spiegelt wider, was die Ad-hoc-Empfehlung ausspart. Warum werden das familiäre Wohl und das Wohlergehen der Frauen eigentlich gar nicht adressiert?“

Wo Frauen fehlen, fehlen auch ihre Interessen. Und dass „ihre Interessen“ hier Familienpolitik meint, ist tragisch. Sie geht uns schließlich alle gleichermaßen an.

Wie ernst die Lage ist? Es brennt

Halten wir fest: Gefahr der Retraditionalisierung verbunden mit wirtschaftlichen Einbußen, verminderte Karrierechancen, drohende Altersarmut und weniger Repräsentanz. Was noch fehlt? Gefahr für Leib und Leben. Denn nicht nur, dass die Corona-Krise und die Ausgangsbeschränkungen in vielen Ländern die Fälle von häuslicher Gewalt immens in die Höhe getrieben haben, Frauen sind auch diejenigen, die dem Virus oft am häufigsten ausgesetzt sind, denn sie machen die große Mehrzahl der Alten- und Krankenpflegekräfte aus: „Sie sind direkt im Weg des Virus“, wie 

Wo Frauen fehlen, fehlen auch diejenigen, die sich für ihr Wohl einsetzen, daher werden solcherlei Gender-Aspekte auch in der Forschung nicht berücksichtigt. So hat Caroline Criado Perez aufgeschlüsselt, dass sich nur ein Prozent aller 29 Millionen wissenschaftlichen Aufsätze, die während der Zika- und Ebola-Ausbrüche publiziert wurden, mit Genderfragen beschäftigt haben. Clare Wenham, Expertin für globale Gesundheitspolitik an der London School of Economics, hat noch keine einzige entsprechende Studie zu Gender-Aspekten der Corona-Krise gefunden. Sie arbeitet jetzt selbst an dem Thema.

Noch einmal zurück zum Bild am Anfang dieses Textes. Wenn die Energiedichte von Licht so stark gebündelt wird, dass brennbares Material von einer Lupe entzündet werden kann, spricht man von einem Brennglas. Was ich sagen will: Es brennt.

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