Alleine unter Akademiker*innen: Wie es sich anfühlt, wenn alle um dich herum studieren

Die ganze Familie war an der Uni und die besten Freund*innen reden nur noch über Creditpoints. Junge Leute erzählen, warum sie sich dennoch gegen das Studieren entschieden haben.

Alleine unter Akademiker*innen: Wie es sich anfühlt, wenn alle um dich herum studieren

Ist der Ruf der Ausbildung zu schlecht? Wir haben mit jungen Menschen gesprochen, die sich gegen den akademischen Weg enstchieden haben. Collage: ze.tt

Studieren ist nicht für alle etwas. Dennoch wird der gesellschaftliche Druck immer größer, einen Hochschulabschluss zu erhalten. Alleine in den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Studierenden in Deutschland um eine knappe Million gestiegen, was einem 46 prozentigem Anstieg entspricht. Ein Studium beginnen vor allem die jungen Menschen, die bereits aus einem akademischen Umfeld stammen – nämlich 79 Prozent. Nicht alle sind mit ihrer Wahl zufrieden, fast ein Drittel aller Studierenden bricht wieder ab. Neben der finanziellen Situation spielen beim Abbruch auch der zu hohe Leistungsdruck oder nicht genug Freude am Studium eine Rolle.

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Dabei gibt es neben dem akademischen Weg auch die Möglichkeit, eine Ausbildung oder Lehre zu machen und dadurch direkt in den Berufsalltag zu starten. Jedes Jahr bleiben dennoch Hunderttausende Lehrstellen unbesetzt. Ist der Ruf der Ausbildung zu schlecht? Wir haben mit jungen Menschen gesprochen, die aus einem akademisch geprägten Umfeld kommen und sich dennoch für einen anderen Weg entschieden haben.

Leo Nabrotzky, 22, Ausbildung zum Bäcker

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Foto: Privat

„Als ich vor zwei Jahren eine Lehre zum Bäcker begann, reagierten einige in meinem Umfeld ziemlich überrascht. Immerhin hatte ich gerade mein Abitur absolviert und hätte sofort mit dem Studium beginnen können. Der Großteil meiner Freund*innen hat zu studieren angefangen. Mir war es aber wichtig, erst einmal etwas Praktisches zu machen. Außerdem hatte ich Vorbehalte gegenüber dem Unialltag: Lernstress, theoretisch aufgebauter Unterricht und die Zweifel, ob die vermittelten Inhalte überhaupt mit dem zu tun haben, was man später machen möchte – das wollte ich für mich nicht. Von meinen Freund*innen und Verwandten habe ich für meinen Mut, nicht den klassischen Weg zu gehen, viel Zuspruch und Anerkennung erhalten. Auch wenn ich mit einem Handwerksberuf gegenüber meinem sehr akademisch geprägtem Umfeld eine Art Sonderstellung habe, fühle ich mich nicht benachteiligt. Ich habe mit 22 bereits meine Ausbildung abgeschlossen und bin damit viel weiter als manch andere*r in meinem Alter. An meiner handwerklichen Ausbildung gefällt mir besonders gut, dass ich am Ende des Arbeitstages sehe, was ich geschaffen habe. Und da sich der Beruf des*r Bäcker*in stetig weiterentwickelt, sehe ich für mich auch gute Weiterbildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten. Meine Ausbildung habe ich im Betrieb meines Großvaters und meines Onkels gemacht – vielleicht werde ich ihn einmal übernehmen!“

An meiner handwerklichen Ausbildung gefällt mir besonders gut, dass ich am Ende des Arbeitstages sehe, was ich geschaffen habe“ – Leo

Hannah Wanke, 21, Ausbildung zur Gestalterin für visuelles Marketing

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Foto: Privat

„Nach meinem Abitur war ich für ein Jahr im Ausland und mir sicher: Danach weiß ich, was ich studieren möchte! Tatsächlich war ich nach meiner Rückkehr noch planloser. Ich habe deshalb erst mal angefangen, in einem Klamottengeschäft zu arbeiten. Dort bin ich zum ersten Mal mit meinem jetzigen Ausbildungsberuf in Kontakt gekommen. Ich habe meiner Kollegin, die dort als Visual zuständig war, oft geholfen und ihre Tätigkeitsfelder haben mir viel Spaß gemacht. Ich habe mich dann darüber informiert und festgestellt, dass die wenigsten, die im visuellen Marketing arbeiten, eine Ausbildung dafür gemacht haben. Für mich hat die Ausbildung aber mehr Sinn gemacht. Ob ich danach studieren möchte oder nicht, das kann ich noch nicht sagen. In meiner Ausbildung fehlt mir manchmal der intellektuelle Anspruch, auf der anderen Seite macht es mir wirklich Spaß und ich sehe auch ohne Studium gute Aufstiegschancen in dem Unternehmen, in dem ich nun arbeite. Aber wenn ich mit meinen Freund*innen unterwegs bin, die studieren, denke ich oft, dass ich das auch noch machen möchte; denn ihr Leben klingt außerhalb der Prüfungsphasen viel entspannter als meine 40-Stunden-Woche. Während sie oft auch innerhalb der Woche abends unterwegs sind, muss ich zu Hause bleiben. Am nächsten Morgen beginnt um sieben Uhr meine Schicht. Ich mache die Ausbildung aber auf jeden Fall zu Ende – so sammle ich viele Arbeitserfahrungen und kann auch schon Geld sparen. Das ist ein großer Vorteil gegenüber des Studiums.“

Romy Möller, 29, Ausbildung zur Coachin

Kein_Studium_LehreRomyMöller
Foto: Vivid Silence Photos

„Ich komme aus einem reinen Lehrer*innen-Haushalt. Viele in meiner Familie, wie auch beide meiner Eltern, arbeiten als Lehrkräfte. Nachdem ich erst ein duales BWL-Studium bei IBM begonnen und nach einem Jahr abgebrochen hatte, habe ich mich deshalb ebenfalls zunächst dafür entschieden. Ich habe das Lehramtsstudium und Referendariat auch durchgezogen, obwohl ich immer wieder ans Aufhören gedacht hatte. Der Beruf der Lehrerin hat mir zwar Spaß gemacht, aber nicht ganz erfüllt. Ich wollte gerne Menschen voranbringen – doch für die individuelle Förderung meiner Schüler*innen blieb durch den strengen Lehrplan und die hohen Anforderungen an Schulen keine Zeit. All die Dinge, die ich ausprobierte, hatten eins gemeinsam: Mir hat die konkrete Arbeit mit den Menschen gefehlt. Mittlerweile habe ich mich als Coachin ausbilden lassen und in Teilzeit selbstständig gemacht. Nur wenige in meinem Umfeld haben mich in meinen Entscheidungen voll und ganz unterstützt. Mir haben die kritischen Stimmen aber geholfen, da ich mich durch ihre Zweifel erneut selbst hinterfragt und in meiner Entscheidung gestärkt habe. Viele lassen sich zu stark von ihrem Umfeld beeinflussen – wer von Akademiker*innen umgeben ist, bekommt häufig gesagt, es ebenfalls so machen zu müssen, um ,das Beste aus sich rauszuholen‘. Ich kann nur jeder*m raten: Findet eure Leidenschaft und fragt euch, wie ihr leben wollt. Das ist wichtiger als ein vermeintlicher Status in der Gesellschaft. Wenn man irgendwann das Bedürfnis hat zu studieren, kann man es ja immer noch machen.“

Findet eure Leidenschaft und fragt euch, wie ihr leben wollt. Das ist wichtiger als ein vermeintlicher Status in der Gesellschaft“ – Romy

Georg Ackermann, 23, Ausbildung zum Mediengestalter

Kein_Studium_LehreGeorgAckermann
Privat

„Ich wollte nach dem Abitur erst studieren und habe dann aber schnell gemerkt, dass ich erst mal die Praxis eines Berufs kennenlernen möchte – falls ich dann später doch noch ein Studium beginnen sollte. Ich war schon immer eher pragmatisch veranlagt, außerdem hätte mir der persönliche Umgang im Studium gefehlt. Dennoch muss ich gestehen, dem Weg der Ausbildung erst etwas skeptisch gegenüber gestanden zu haben. Zu studieren, das erschien zunächst wie der nächste logische Schritt. Meine Mutter hat mir aber auch die Möglichkeit einer Ausbildung nahegelegt und mir dahingehend sehr in meiner Entscheidung geholfen. Neben meiner Familie stehen meine Freund*innen voll hinter mir, viele haben sogar ebenfalls eine Ausbildung angefangen. Ich habe jetzt schon einen richtigen Arbeitsalltag, übernehme eigene Projekte im Unternehmen und verdiene mein eigenes Geld. Ich finde, dass das genauso viel Respekt verdient wie ein Studium. Wenn im Umfeld alle einen akademischen Weg eingeschlagen haben, fühlt man sich vielleicht verpflichtet, es ebenfalls so zu machen. Ich glaube allerdings, dass da nichts Gutes bei rauskommt, denn dann wird man nicht glücklich. Wenn man nicht studieren möchte, dann muss man es auch nicht. In Gesprächen mit Vorgesetzten habe ich oft mitbekommen, dass sie Arbeitserfahrungen mindestens so hoch einschätzen wie einen Hochschulabschluss. Man sollte das einfach als eine Art besonderer Challenge begreifen – selbst herauszufinden, was man machen möchte und wie man da hinkommt.“

Jerrit Pfitzner, 23, Ausbildung zum Servicetechniker

Kein_Studium_LehreJerritPfitzner
Foto: Privat

„Ich hatte schon zwei Jahre vor dem Abitur keine Lust mehr die Schulbank zu drücken. Ich wusste  bereits vor meinem Schulabschluss, dass ich zumindest nicht direkt weiterstudieren würde. Ich hatte Lust, mich auf ein Thema zu spezialisieren und praktisch zu arbeiten. Ich habe mich dann zum Servicetechniker in der chinesischen Außenstelle eines Unternehmens ausbilden lassen. Andere gehen nach Australien um auf Obstplantagen zu arbeiten, ich bin ins Ausland gegangen, um mich in ein Berufsfeld einzuarbeiten. Aufgrund dessen haben mich meine Eltern auch bei meiner Entscheidung unterstützt, eine Ausbildung zu machen – auch wenn sie sich wünschen, dass ich später noch studiere. Leider sind die Gehälter von Akademiker*innen deutlich besser. Deswegen entscheiden sich vermutlich auch so viele für ein Studium; um die Chance zu nutzen, die gerade Kinder aus studierten Haushalten offenstehen. Eine Ausbildung ist aber meiner Meinung nach immer eine gute Möglichkeit festzustellen, ob ein bestimmter Beruf wirklich etwas für einen ist. Gerade wenn man anschließend noch ein Studium anhängen möchte, hat man dann einen klaren Vorteil denen gegenüber, die frisch in das Thema einsteigen. Wenn ich mit Studierenden spreche, die aus dem gleichen Gebiet kommen wie ich, stelle ich immer wieder fest wie viel wert meine Arbeitserfahrungen sind. Mittlerweile habe ich auch Lust aufs Studieren bekommen. Mein Wissen, meine erarbeiteten finanziellen Rücklagen und meine Selbstständigkeit aus der Zeit der Ausbildung werden mir da sicherlich weiterhelfen.“