Als Frauen aus Ost und West nach der Wende aufeinandertrafen

Die einen galten als Muttis, die anderen als Emanzen. Wie unterschiedlich waren die Lebensrealitäten von Frauen in Ost und West?

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Im wiedervereinigten Deutschland verloren ostdeutsche Frauen einige ihrer Rechte. Foto: Sean Gallup / Getty Images, Collage: ze.tt

Der erste Ost-West-Frauenkongress sollte ein Forum für gemeinsame feministische Strategien und Aktionen werden. Frauenrechte sollten im Prozess der Wiedervereinigung nicht untergehen. Doch dann tobte im April 1990 an der Westberliner TU ein bösartiger Streit – zwischen Frauen aus der Bundesrepublik und der ehemaligen DDR, die hier zu einem ihrer ersten Treffen zusammengekommen waren. So schildern es die beiden Journalistinnen Gislinde Schwarz und Ulrike Helwerth – die eine in Ostdeutschland, die andere in Westdeutschland aufgewachsen – in ihrem Buch Von Muttis und Emanzen – Feministinnen in Ost- und Westdeutschland.

Der Titel trifft, warum es beim ersten gesamtdeutschen Frauenkongress nicht so richtig harmonisch zuging. Beide Seiten hatten nach 40 Jahren getrennter Geschichte ihre Vorbehalte. Die Ostfrauen galten als naive Muttis, die Westfrauen als arrogante Emanzen. Die einen waren die, die zwar Vollzeit arbeiteten, aber zusätzlich noch Kindererziehung und Haushalt überwiegend allein stemmten. Die anderen waren die, die Gleichberechtigung vor allem aus Büchern kannten und auf der Straße forderten, aber in einer Beziehung steckten, in der der Ehemann oft der Alleinverdiener war. Schwarz und Helwerth interviewten für ihr Buch 30 Frauen aus Ost und West. Einige ihrer Zitate durchziehen diesen Text.

Der Paragraf 218 ist ein westdeutscher Paragraf

Welche unterschiedlichen Lebensrealitäten Frauen in Ost und West hatten, zeigte sich zuletzt in der Debatte um die Paragrafen 218 und 219a. Im Bundestag ergriff dazu Ende Februar diesen Jahres die brandenburgische Abgeordnete Anke Domscheit-Berg (Die Linke) das Wort: 30 Jahre lang hätten ostdeutsche Frauen ein Recht auf körperliche Selbstbestimmung gehabt und jetzt mute man ihnen seit ebenfalls fast 30 Jahren zu, dieses Recht nicht mehr zu haben. „Wir fühlen uns zurückversetzt in die Steinzeit.“

Es stimmt: Der Paragraf 218 ist ein westdeutscher Paragraf. Als 1990 mit dem Einigungsvertrag beschlossen wurde, dass das westdeutsche Grundgesetz fortan auch in den ostdeutschen Bundesländern Anwendung finden sollte, wurde damit auch das Recht auf Schwangerschaftsabbrüche für die ostdeutschen Frauen massiv eingeschränkt. In der DDR waren Schwangerschaftsabbrüche legal. 1972 hatte die DDR-Volkskammer beschlossen, dass eine Frau das Recht habe, innerhalb von zwölf Wochen nach Beginn einer Schwangerschaft über deren Abbruch zu entscheiden. Bis dato bestimmte darüber eine Kommission. Auch die kostenlose Ausgabe von Verhütungsmitteln wie der Pille regelte das Gesetz.

Feminismus aus wirtschaftlicher Notwendigkeit

Die DDR-Führung wollte den ostdeutschen Frauen damit kein feministisches Geschenk machen. Frauen wurden schlicht als Arbeitskräfte gebraucht. Feminismus aus wirtschaftlicher Notwendigkeit, sozusagen. Bereits in den 60ern brachte die SED deshalb eine Sozialpolitik auf den Weg, die es Frauen erleichterte, Beruf und Familie zu vereinbaren. So wurden kostenfreie Kitaplätze und Ganztagsbetreuung in Kindergärten und Schulen geschaffen. Der Wiedereinstieg in den Beruf nach einer Schwangerschaft wurde ermöglicht. Und Frauen konnten sich im Rahmen einer regelrechten Qualifizierungsoffensive weiterbilden, auch in technischen Berufen.

Wenn ich mich nicht selbst ernähren kann, dann bin ich auch nicht emanzipiert.

Sybille, aus Erfurt

Ich glaube, dass wir einen ganz anderen Freiheitsbegriff haben, der sich auf eine Vorstellung von Differenzen bezieht und der nicht nur im ökonomischen oder im Versorgungsbereich liegt.

Germaine, aus Frankfurt am Main

Dass viele ostdeutsche Frauen berufstätig waren, hatte vor allem eine Folge: Sie waren finanziell unabhängiger und konnten mit einer eigenen Rente rechnen. Das prägte ihr Selbstverständnis. Ebenfalls vor diesem Hintergrund zu sehen: Zweidrittel aller Scheidungen in der DDR wurden von Frauen eingereicht und die DDR zählte zu ihrer Zeit zu den Ländern mit den weltweit höchsten Scheidungsquoten. In Westdeutschland blieb der Mann der Hauptverdiener, wenn nicht sogar Alleinverdiener der Familie. 51 Prozent der Frauen in der BRD waren 1989 berufstätig. Zum Vergleich: In der DDR waren es 91 Prozent.

In der BRD konnten Ehemänner bis 1977 den Job ihrer Frau kündigen

Frauen aus der DDR hatten in den 1990er-Jahren also einen gewissen Gleichstellungsvorsprung. Vieles war für sie selbstverständlicher, während Frauen in Westdeutschland lange – und zum Teil erfolglos – dieselben Rechte einforderten. So konnte in der BRD der Ehemann bis 1977 den Arbeitsvertrag seiner Ehefrau kündigen, wenn er der Meinung war, dass sie ihren Pflichten im Haushalt nicht ausreichend nachkam. Überhaupt musste er einer Arbeitsaufnahme im Vorfeld zustimmen. Wer sich trotz Kindern beruflich verwirklichen wollte, sah sich dem Vorwurf ausgesetzt, eine Rabenmutter zu sein.

Es gibt in der ehemaligen DDR Sachen, für die wir jahrelang gekämpft haben und die wir bis heute nicht erreicht haben. Ihr kriegt Frauenbewegung in mancher Hinsicht von oben.

Nora, aus Westberlin

Wie heute noch lag das Einkommen ostdeutscher Frauen jedoch deutlich unter dem von Männern. Rund ein Drittel verdienten sie weniger, trotz des seit der DDR-Gründung geltenden Grundsatzes Gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Außerdem arbeiteten viele der Frauen noch die sogenannte zweite Schicht. Nach der Arbeit mussten die Kinder aus dem Hort oder der Schule abgeholt, Abendessen gekocht und der Haushalt gemacht werden. Aufwendige Arbeit in Zeiten, in denen es noch keine vollautomatisierten Waschmaschinen gab. Das Babyjahr oder der monatliche Haushaltstag standen nur berufstätigen Frauen, aber nicht ihren Männern zu – was die überholte Rollenzuschreibung verfestigte.

Die politische Führungsriege? Männlich!

Während politisch gewollt war, dass ostdeutsche Frauen in den Arbeitsmarkt integriert wurden, blieben die oberen Riegen der Politik und Wirtschaft wie in Westdeutschland männlich besetzt. Darauf verwies auch Bundeskanzlerin Angela Merkel in einem Interview mit DIE ZEIT: „Eine wirkliche Gleichberechtigung gab es auch in der DDR nicht. Dass nie ein Vollmitglied des Politbüros weiblich war, dass es keine Kombinatsleiterin gab, das zeigte doch, dass dort, wo die wichtigen Entscheidungen getroffen wurden, Männer saßen.“ Und diese Personen seien die prägenden Rollenmodelle gewesen, so Merkel. Frauen in Führungspositionen habe es hingegen kaum gegeben.

Was mir auch immer gefehlt hat, war die Identifikationsfigur. Egal, was ich gelesen habe und wo ich gelesen habe, es waren immer Männer, Männer, Männer.

Sybille, aus Erfurt

Das meine ich mit dieser sozialen Verdammnis der Frau. Ob die Frauen nun wollen oder nicht, sie kümmern sich dann halt einfach um die Kinder.

Bascha, aus Westberlin

Die Frage, welche Rolle die Frau in der Gesellschaft hatte, war in der DDR eine soziale Frage – und damit für die Regierung durch den Sozialismus gelöst. Eine öffentliche und gesellschaftliche Diskussion darüber, was Gleichberechtigung bedeuten sollte, fehlte weitestgehend, während in Westdeutschland seit 1968 die Frauenbewegung erstarkte. Das führte zu einer weiteren Streitfrage zwischen Frauen aus Ost und West: Mit Männern zusammenarbeiten, oder nicht? Mit Mühe und Not wurde zum Abschluss des Kongresses im Frühjahr 1990 eine Resolution verabschiedet, die das Thema Quotierung und den Kampf gegen den Paragrafen 218 anriss. Einige Teilnehmerinnen hatten die Veranstaltung da schon verlassen.

Vermutlich wäre es, wie so oft, eine Kombination aus den Erfahrungen beider Seiten gewesen, die der Frauenbewegung im wiedervereinigten Deutschland von Beginn an den richtigen Impuls gegeben hätte. Auf der einen Seite wichtige Strukturen wie flächendeckende und bezahlbare Kinderbetreuung oder das gesetzlich verankerte Recht auf körperliche Selbstbestimmung. Auf der anderen Seite das Bewusstsein für subtilere Formen der Gleichberechtigung wie eine gerechtere Verteilung von Sorgearbeit, das Thematisieren weiblicher Sexualität oder gendergerechte Sprache. Und dazu würde dann auch gehören, dass man sich von degradierenden Bezeichnungen füreinander wie Muttis und Emanzen verabschiedet.


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