„Als Hebamme kann ich aktuell nicht empfehlen, Kinder zu bekommen“

Jessica arbeitet seit zwölf Jahren in ihrem Traumberuf: Hebamme. Doch die Arbeitsbedingungen werden immer schwieriger. Ein Protokoll

"Es gibt Tage, an denen ich denke: Dass heute alles gut gegangen ist, ist einfach nur Glück." Foto: Ida Becker / Collage: Elif Küçük / ze.tt

Ich wusste schon in der Grundschule, dass ich Hebamme werden möchte. Meine Eltern haben ziemlich früh Kinder bekommen, zu meiner Grundschulzeit waren eigentlich immer Freund*innen meiner Eltern schwanger. Ich fand das sehr faszinierend, dass da ein Mensch im Bauch wächst. Dass man durch die Bauchdecke Kontakt aufnehmen kann zu diesem Menschen und wie dieser Mensch dann irgendwann geboren wird. Ich wollte nie etwas anderes werden als Hebamme, für mich gab es nie eine Alternative.

Das ist auch heute noch so. Aber es wird schwieriger. Als Hebamme kann man nicht halbherzig arbeiten. Über die Jahre zehrt dieser emotional anstrengende Job an den Kräften. Ich erziehe meine Tochter allein und merke manchmal nach einer Schicht, dass ich bei der Arbeit all meine Empathie gelassen habe und zu meiner Tochter nicht mehr so verständnisvoll bin, wie ich es gern wäre. Manche Leute denken, dass man in dem Job abstumpft, aber das stimmt nicht. Das ist auch das Schöne an meinem Beruf. Aber der Schichtdienst und das Emotionale, das zehrt schon an den Kräften.

Ich arbeite immer zwölf Stunden, entweder von sechs bis 18 Uhr oder von 18 Uhr bis um sechs Uhr morgens. Das geht nur, weil meine Tochter auch mal bei meiner Mutter schlafen kann. Eine Zwölf-Stunden-Schicht klingt hart, aber so habe ich an anderen Tagen mehr Freizeit. Für die Gebärenden ist es so auch viel besser. Die Geburt einer Erstgebärenden dauert im Schnitt zehn bis zwölf Stunden. Mit unserem Schichtsystem ist die Chance groß, dass ich eine Geburt komplett begleiten kann. Seit zwölf Jahren arbeite ich in derselben Klinik. Acht Jahre war ich fest angestellt, bis schließlich auf das Belegsystem umgestellt wurde. Als Beleghebammen sind wir Freiberuflerinnen und rechnen direkt mit der Krankenkasse ab. Je mehr ich arbeite, desto höher ist mein Verdienst. Als Beleghebamme kann man mehr als Vollzeit arbeiten und so vom Beruf leben. Wenn ich angestellt wäre, könnte ich von einer Vollzeitstelle mein Leben in München nicht finanzieren. Meine Situation ist dennoch privilegiert, wir haben jährlich knapp 4.000 Geburten, die Kolleginnen an den kleinen Kliniken haben es viel schwerer. Sie haben nicht so viele Geburten und können dann eben auch keine Leistungen abrechnen.

Es gibt Tage, an denen ich denke: Dass heute alles gut gegangen ist, ist einfach nur Glück.

In der Geburtshilfe ist es aktuell so wie bei einem alten Auto. Eigentlich ist das Auto schon gar nicht mehr straßentauglich. Aber weil es die einzige Möglichkeit der Fortbewegung ist, steckt man all die Energie rein. Wahrscheinlich müsste das Auto einmal richtig zusammenbrechen, damit sich etwas ändert. Wir haben oft nicht genug Personal in der Wochenbettstation und können deshalb niemanden im Kreißsaal aufnehmen. Die Frauen müssen dann in eine andere Klinik verlegt werden, ich rufe also fünf bis sechs andere Kliniken an, denen es genauso geht. Am Ende finden wir immer einen Platz. Aber es gibt Tage, an denen ich denke: Dass heute alles gut gegangen ist, ist einfach nur Glück. Wobei gut gegangen dann eben auch nur bedeutet: Alle haben überlebt.

Glückssache Geburt

Ob die Frau aus der Geburt traumatisiert herausgeht, weil sie unter der Geburt die meiste Zeit allein war und die Hebamme nur ab und zu reinspringen konnte, zählt am Ende für die Statistik nicht. „Kind ist geboren, Mutter offenbar gesund“, damit ist die Sache scheinbar erledigt. Dahinter steckt aber viel mehr. Eine Frau, die von einer Geburtserfahrung traumatisiert ist, die vielleicht keine Nachsorgehebamme mehr findet, wie es ihr nach einigen Jahren geht, das taucht in keiner Statistik auf. Das fällt immer unter den Tisch, wie sich die schlechten Bedingungen unter der Geburt langfristig auswirken. Aktuell ist es Glückssache, wie eine Geburt betreut werden kann.

„Als Hebamme kann ich aktuell nicht empfehlen, Kinder zu bekommen“, habe ich letztens getwittert. Auf meine Tweets zur Situation in der Geburtshilfe gibt es viele Reaktionen. Ich finde es total wichtig, dass die Leute wissen, dass nicht alles gut ist in der Geburtsversorgung. Wenn wir nicht darauf aufmerksam machen und wenn wir nicht darüber sprechen, dann wird sich nichts ändern. Wir mussten mal den Kreißsaal schließen, weil wir keine Krankenschwestern auf der Wochenbettstation hatten. Wir hätten also arbeiten können, konnten aber nicht und mussten Frauen nach Hause oder in andere Kliniken schicken. Ich bin auch großer Fan von ambulanten Geburten, aber da kommt dann das nächste Problem dazu: Viele Frauen finden gar keine Hebamme mehr für die Wochenbettbetreuung und auch keinen Kinderarzt. Sie finden schlicht niemanden und sind dann oft darauf angewiesen, dass die Betreuung noch im Krankenhaus stattfindet.

Hebammen, Haftpflicht & Hilfe
Alle Frauen in Deutschland haben das Recht auf Hebammenhilfe – von der Feststellung der Schwangerschaft bis zum Ende der Stillzeit. Eine Hebamme zu finden, die Schwangere und Mütter mit ihren Familien bei Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett betreut, ist nicht mehr immer und überall in Deutschland möglich. Personalengpässe in Kliniken sind an der Tagesordnung. Dazu haben sich die Haftpflichtversicherungsprämien für Hebammen von 2002 bis 2017 mehr als verzehnfacht.

Den Hebammenmangel sichtbar macht die Aktion „Lieber Jens“. Hebammen rufen dazu auf, dem Bundesgesundheitsminister Jens Spahn Postkarten zu schicken, „um mit viel Post auf die unhaltbaren Zustände in Deutschland aufmerksam zu machen“.

Das Problem ist seit vielen Jahren absehbar. Bei uns im Krankenhaus fing es ganz langsam an, erst mit einer Frau, die wir wegschicken musste. Mittlerweile habe ich darin schon so etwas wie Routine. Ich weiß noch genau, wie das am Anfang war. Da wollte ich am liebsten selber weinen. Wie soll ich der Schwangeren jetzt sagen, dass ich keine Zeit für sie habe? Ich konnte mich ja in sie reinversetzen. Sie hat Schmerzen, sie hat Ängste und ich bin die Person, die helfen soll. Sie kommt in den Kreißsaal und denkt, jetzt kann ich mich fallen lassen – und dann bekommt sie genau das Gegenteil zu hören. Heute weiß ich, wie ich mit dieser Situation umgehen kann. Wir kümmern uns um eine Alternative, rufen einen Krankenwagen. Aber es ist nach wie vor eine unschöne Situation.

Aufwertung sozialer Berufe

Ich wünsche mir, in den Kreißsaal zu kommen und eine Schwangere mit ihrer Geburt zu betreuen. Ohne viel Bürokratie, ohne Zeitdruck. Dass ich weiß, dass alle Frauen im Kreißsaal gut betreut sind, auch wenn sie anschließend auf die Wochenbettstation kommen. Was sich dafür ändern muss, ist ziemlich klar. Soziale Berufe müssen attraktiver werden. Ich finde das fast paradox, dass so viel überlegt wird, was sich eigentlich ändern muss, weil es so auf der Hand liegt. Ich lebe in München, hier kann sich einfach niemand leisten, Krankenschwester zu sein. Von einer Vollzeitstelle als Krankenschwester kann sich niemand in München eine Wohnung leisten. Zudem bräuchte es bessere Kinderbetreuung, damit es möglich ist, im Schichtdienst zu arbeiten.

Viele meiner Kolleginnen hören auf, als Hebammen zu arbeiten, viele studieren dann Medizin. Obwohl ihre Leidenschaft im Hebammenberuf liegt, entscheiden sie sich für das Studium. Einfach, weil man als Ärztin vom Gehalt leben kann. Ich habe auch mal drei Semester Medizin studiert. Für mich kommt ein Jobwechsel allerdings nicht in Frage. Ich bin Hebamme und ich möchte Frauen unter der Geburt betreuen. Es war mein Traumjob und es bleibt mein Traumjob, trotz der immer schlechter werdenden Bedingungen.