Als Transmann auf einem Mädchengymnasium: „Ich hatte Angst, von der Schule zu fliegen“

Der 19-jährige Elliott hat gerade eine Hormontherapie begonnen, um sein Geschlecht anzugleichen – während er sein Abitur auf einer katholischen Schule nur für Mädchen macht.

elliott-trans-mädchengymnasium-2
Lange hat sich Elliott niemandem anvertraut. Foto: Larissa Niesen

Stolz wie sonst was sei er gewesen, als er seine ersten Boxershorts gekauft hat, sagt Elliott und lacht ein bisschen verlegen. Er ist 19 und schreibt dieses Jahr sein Abitur. Dass es bis zu den Boxershorts ein langer Weg war, liegt daran, dass Elliott bis vor Kurzem noch Aileen genannt wurde. Elliott ist trans. Seitdem er das zeigt, hat sich vieles in seinem Leben verändert. Außer einer Sache: Elliott geht nach wie vor auf ein katholisches Mädchengymnasium.

Mit etwa neun Jahren habe er zum ersten Mal das Gefühl gehabt, dass ihn etwas störe, sagt Elliott. „Da hatte ich natürlich noch keine Ahnung. Aber es war ein erstes Gefühl da, dass alles irgendwie nicht passt. Ich habe das aber erstmal unterdrückt.“ Elliott fährt sich durch die kurzen bunten Haare. In der neunten Klasse hat er sie sich abschneiden lassen. Er trägt einen weiten Kapuzenpullover mit dem Logo des Musikduos Twenty One Pilots und Ringe in Ohren, Nase und Unterlippe. Lange habe er verzweifelt nach einer Schublade für sich gesucht, sagt er. Mit 13 beschäftigt er sich dann zunehmend mit der LGBTQIA-Community. So sei er zu dem Schluss gekommen, dass der Begriff trans am besten zu ihm passe.

Lange vertraut sich Elliott niemandem an

Das Gefühl, vermeintlich falsch zu sein, habe sich auf dem Mädchengymnasium verstärkt, sagt Elliott. Jeden Tag ausschließlich von Mädchen umgeben zu sein, zeigt ihm noch deutlicher, dass er sich nicht zugehörig fühlt. Dass er auf eine Mädchenschule geht, war der Wunsch seiner Mutter.

„Ich habe mich lange niemandem anvertraut, weil ich Angst hatte, von der Schule zu fliegen“, sagt der 19-Jährige. Immer wieder überlegt er, die Schule zu wechseln. Aber die Angst vor einem Neubeginn ist größer als das Unwohlsein im vertrauten Umfeld. „In dieser Zeit ging es mir insgesamt ziemlich dreckig“, sagt Elliott rückblickend. „Ich hatte niemanden, mit dem*der ich reden konnte, weil ich keine richtigen Freund*innen hatte. Ich war damit ziemlich allein.“

In der Oberstufe verbessert sich die Situation. Elliott findet neue Freund*innen. Schließlich outet er sich vor zwei Jahren zum ersten Mal. Seine Freund*innen sind auch die ersten, die er bittet, ihn Elliott zu nennen.

Eine Lehrerin weigert sich, seinen neuen Namen zu verwenden

Vor den Herbstferien vertraut sich Elliott zum ersten Mal einer Lehrerin an. „Sie war sehr einfühlsam und hat mir zugehört. Sie versucht auch, meinen neuen Namen durchzuziehen.“ Manchmal klappe das nicht. „Ich erwarte von niemanden, dass das einfach so geht“, sagt Elliott. Bei ihm selbst sei das schließlich auch nicht von einem Tag auf den anderen passiert.

Diese Lehrerin ist der Anstoß. Elliott wird zuversichtlicher, geht nach und nach auf all seine Lehrer*innen zu und bittet sie, ihn nicht mehr mit Aileen anzusprechen. Jahrelang sei es ihm schwer gefallen, zur Schule zu gehen. „Aber ab da war dann immerhin mein alter Name weg. Das macht es mir um einiges leichter, morgens aufzustehen. Ich muss mich nicht mehr verstecken.“

Probleme gibt es nur mit einer Lehrerin, die ihn nicht bei seinem neuen Namen nennen will. Elliott hatte sie zunächst im Schulfoyer angesprochen, als er sie in einer Pause zufällig dort traf. „Sie hat gesagt, sie könne ja schließlich auch nicht auf Wunsch irgendwen beim Spitznamen nennen.“ Erst müsse er sich vor dem gesamten Kurs erklären. Doch das kommt für Elliott nicht infrage.

Ich muss mich nicht mehr verstecken.

Elliott

Stattdessen outet er sich in der WhatsApp-Gruppe seiner Stufe. Doch seine Lehrerin benutzt daraufhin seinen amtlichen Namen weiter. In einem zweiten Gespräch habe sie regelrecht auf ihn eingeredet, sagt Elliott. „Ich weiß gar nicht mehr, was sie genau gesagt hat, ab der Hälfte des Gesprächs stand ich nur noch heulend da. Es hat ziemlich wehgetan, das weiß ich noch.“

Die Lehrerin spricht gegenüber ze.tt hingegen von einem besonnenen Gespräch, in dem sie lediglich versucht habe, Elliott zu erklären, dass ein anderer Name aus institutionellen Gründen nicht möglich sei. „Ich wollte, dass das offiziell geklärt wird und nicht zwischen Tür und Angel“, sagt sie. „Das Verhältnis zwischen Schüler*in und Lehrer*in ist schließlich kein privates, sondern ein amtliches.“ Sie habe Elliotts Entscheidung niemals bewerten wollen, sondern den bürokratischen Weg vorgezogen – auch um klar zu machen, dass sie sein Anliegen ernst nehme.

Elliotts Vater reagierte positiv auf das Outing des Sohnes – seine Mutter weniger

Erst nachdem Elliott ein Schreiben seiner Therapeutin mitbringt, in dem es heißt, dass sein neuer Name ein wichtiger Teil seiner Entwicklung sei, willigt die Lehrerin schließlich ein. Allerdings berichtet sie der Oberstufenleitung von Elliotts Fall. Kurz darauf wird er von der Schulleiterin zu einem persönlichen Gespräch gebeten.

„Sie war freundlich und hat mir erklärt, dass man mich auf dem Papier nicht anders führen kann ohne eine amtliche Namensänderung. Das hab‘ ich sowieso noch vor. Das war nichts Neues“, sagt Elliott.

Aber seine Hoffnungen sind in anderer Hinsicht enttäuscht worden. Der 19-Jährige hatte sich Regeln erwartet. Irgendetwas, an dem sich Menschen in ähnlichen Situationen wie er in Zukunft festhalten könnten. Damit so etwas wie ein neuer Name keine Debatte mehr auslöst und niemand mehr Angst vor einem Schulverweis haben muss.

„Ich darf bleiben. Aber sonst muss ich die Dinge alleine regeln, von oben kommt nichts“, sagt Elliott. „Stattdessen hat man mir noch empfohlen, mit der Hormontherapie erst nach dem Abitur anzufangen, damit mich das nicht ablenkt. Das fand ich ganz schön übergriffig.“ Er glaubt, dass Regeln irgendwann unausweichlich werden. „Immer mehr finden den Mut, zu sich zu stehen.“ Er sei auch nicht der einzige Transmann auf seiner Schule, sagt Elliott. Das wisse nur bloß kaum jemand, weil es noch kein Outing gab.

Elliotts Outing vor seinen Eltern ist erst ein Jahr her. In Briefen erklärte er die Situation. Sein Vater habe sehr positiv reagiert und spricht ihn nun mit seinem neuen Namen an. Seine Mutter und sein Stiefvater täten sich eher schwer. „Meine Mutter hat mir in einem Brief geantwortet“, erzählt Elliott. „Ich glaube, sie hat es nicht ganz ernst genommen. Niemand auf dieser Seite meiner Familie hat mich nach einem neuen Namen gefragt oder andere Pronomen verwendet.“ Das habe sich bis heute nicht geändert. Korrigiert er das? „Das bringt nichts“, sagt Elliott.

Elliott lässt sein biologisches Geschlecht angleichen

Anfang November 2019 bekommt Elliott dann den ersten Shot seiner Hormontherapie. Die Hormone werden nach und nach für eine Umverteilung des Körperfetts sorgen, für Bartwuchs, einen Abbruch der Menstruation und eine tiefere Stimme. Sein ganzes Leben lang wird Elliott die Hormone nehmen müssen. Angst macht ihm das aber nicht mehr. „Nur als ich beim Arzt war, hatte ich einen kurzen Moment, in dem ich dachte: Will ich das wirklich?“ Aber seit jenem Tag fühlt er sich besser. Vielleicht sei es auch nur die Gewissheit, dass sich jetzt endlich etwas ändert. Bemerkt er sonst schon etwas? „Ich habe mehr Hunger“, sagt Elliott und grinst.

Elliott ist der Unterschied zwischen Sex und Gender, also dem biologischen und dem sozialen Geschlecht, sehr wichtig. Gender ist dabei das Geschlecht, dem sich eine Person selbst zugehörig fühlt. Wenn es nicht mit dem biologischen Geschlecht übereinstimmt, kann man das biologische Geschlecht angleichen lassen – so wie Elliott mit der Hormontherapie. „Gender ist eben im Kopf“, sagt der 19-Jährige. „Und wie man das ausdrückt, bleibt jeder*m selbst überlassen.“

Doch Stereotype erschweren das noch immer, das merkt auch Elliott. Manchmal stünde er vor dem Spiegel und mache sich Sorgen, „nicht männlich genug“ auszusehen – obwohl er weiß, dass auch dieser Begriff mit vielen Klischees belastet ist.

Wenn jemand weiß, wie es mir damit geht und trotzdem beim alten Namen bleibt, finde ich das extrem respektlos und verletzend.

Elliott

Doch das Schlimmste, was man ihm antun könne, sei, seinen Wunsch nach einem anderen Namen und neuen Pronomen nicht ernst zu nehmen, sagt Elliott. „Wenn jemand weiß, wie es mir damit geht und trotzdem beim alten Namen bleibt, finde ich das extrem respektlos und verletzend.“ Das Ganze sei eben nicht einfach ein Gefühl, sondern verbunden mit einer Menge innerer Unruhe und Schmerz. „Wenn mich jemand mit meinem alten Namen angesprochen hat, hat sich das angefühlt wie erstochen werden.“

Elliott will nach dem Abitur Linguistik studieren und ausziehen. Er freut sich darauf, die Schule hinter sich lassen zu können und damit ein Kapitel abzuschließen. Was würde er anderen raten, denen es so geht wie ihm vor einigen Jahren? „Konzentriert euch auf euch selbst. Findet raus, was mit euch los ist und steht dazu. Wenn man nur auf andere hört, das hab ich selbst gemerkt, dann wird das nichts.“

Die Kommentarfunktion ist ausschließlich unseren Leser*innen von ze.tt gr.een vorbehalten.

Noch keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Dein Kommentar ist nur für andere Abonnenten sichtbar. Du erscheinst mit deinem bei Steady hinterlegten Namen und Profilbild. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Es kann ein paar Minuten dauern, bis dein Kommentar erscheint.