Altersarmut: Wie Petra von weniger als 800 Euro Rente lebt

Armut im Alter trifft in Deutschland vor allem Frauen. Auch Petra hat fast 30 Jahre gearbeitet, doch ihre Rente reicht kaum zum Leben.

Altersarmut-Rente-Frauen

Altersarmut ist in Deutschland weiblich. Symbolfoto: Unsplash | CC0

Petra* dauert das ganze Prozedere zu lange. Unruhig sitzt sie auf der Bank im Hof der Armenküche in Düsseldorf. Zu Hause muss sie noch den Boden in der Küche verlegen und den Fernseher reparieren, voraussichtlich kein The Walking Dead heute Abend. Die Armenküche ist ein gemeinnütziger Verein. Bedürftige Menschen bekommen für 50 Cent eine warme Mahlzeit, Hilfe von Sozialarbeiter*innen, Gemeinschaft. Viele sitzen nach dem Essen noch zusammen, manche reden, andere schweigen. Petra muss warten, bis alle weg sind. Sie arbeitet hier und reinigt nach Schluss den Außenbereich. Dafür bekommt sie ihre Mahlzeit kostenlos.

Die 74-Jährige sitzt auf der Bank und schaut mahnend in die Runde. Sie trägt kurze, graue Haare und herbe Gesichtszüge, ein kariertes Hemd und eine ausgebeulte Jeans. Petra lacht selten, ihre Stimme ist tief. Aber wenn sie aus ihrem Leben erzählt, dann schwelgt sie in Erinnerungen, gestikuliert beim Sprechen und erinnert sich an Glücksmomente wie den Kauf des kleinen Hauses, das sie eine Zeit lang mit ihrem Mann bewohnte. Petra hat immer gearbeitet, sagt sie, eine Tochter großgezogen, das Haus ausgebaut, eine Wohnung saniert. Der Job lief nebenher. Auch in ihrer jetzigen Wohnung renoviert sie vieles selbst – weil sie es kann, aber auch, weil sie muss. Das Geld ist knapp.

„Viele schämen sich, obwohl man sich nicht schämen braucht“

Petra ist 1945 geboren. Wie viele Frauen dieser Generation ist sie heute von Altersarmut betroffen. Es ist ein Tabuthema, schambehaftet. Laut der Deutschen Rentenversicherung erhalten Frauen in den westdeutschen Bundesländern durchschnittlich nur 647 Euro Rente, Männer hingegen 1.130 Euro monatlich. Insgesamt bekommen in Deutschland laut dem Statistischen Bundesamt 559.419 Menschen im Rentenalter Grundsicherung. Davon sind 323.183 Frauen, also etwa 58 Prozent (Stand: Dezember 2018).

Grundsicherung können in Deutschland Menschen erhalten, die entweder das Regelrentenalter erreicht haben oder die mindestens 18 Jahre alt und dauerhaft erwerbsgemindert sind, also aufgrund einer Krankheit oder einer Behinderung nicht täglich mindestens drei Stunden arbeiten können. Wie viel Grundsicherung gezahlt wird, hängt von den Einkommensverhältnissen ab – gegebenenfalls auch von denen des*der Ehepartner*in. Grundsätzlich gilt: Wer ein Einkommen unter 865 Euro im Monat hat, kann einen Antrag stellen.

Als Petra vor neun Jahren mit 65 in Rente ging, bekam sie 686 Euro. Mittlerweile seien es etwa 100 Euro mehr. Sieben Monate fehlen ihr, um 30 Beitragsjahre vorweisen zu können. Und die braucht man nach den Plänen der Bundesregierung als Durchschnittsverdiener*in, um eine Rente über der Grundsicherung zu erreichen. Für Menschen, die Teilzeit gearbeitet haben oder länger ohne Arbeit waren, wird das immer schwieriger. Petra hat ihr Leben lang in der Teeküche eines Kindergartens gearbeitet. Kurz vor ihrem Eintritt in die Rente brach sie sich den Arm. Es folgten ein Krankenhausaufenthalt und eine längere Krankschreibung. Sieben Monate, die ihr für die Rente fehlen. Die zehn Nägel und die Platte, die merke sie heute noch, sagt sie.

Seit dem Tod ihres Mannes lebt Petra allein. Unterstützung von ihrer erwachsenen Tochter möchte sie nicht, obwohl die beiden sich gut verstehen. Die Hemmschwelle, eine Einrichtung wie die Armenküche in Düsseldorf aufzusuchen, ist hoch: „Viele schämen sich, obwohl man sich nicht schämen braucht. Wenn man arm ist, ist man arm“, sagt Petra. Dabei ging es ihr am Anfang ähnlich. Vor neun Jahren gab es ein Sommerfest auf dem Burgplatz in der Düsseldorfer Altstadt, Petra sah das große Tor zur Armenküche offen stehen. Sie war unsicher, ob sie hineingehen sollte, bis sie eine freundliche Mitarbeiterin hineinbat. Seitdem kommt sie regelmäßig.

Petras Mann beginnt zu trinken, häuft Schulden an

Mittlerweile sind die meisten Leute in der Armenküche gegangen. Petra hebt den schweren, beschlagenen Deckel einer alten Holztruhe und nimmt Eimer und Besen heraus. Sie verschwindet im Haus und kehrt kurze Zeit später mit dem vollen Eimer zurück. Das Wasser flutet in dunklen Bahnen den Boden, die 74-Jährige schrubbt in gleichmäßigen Bewegungen die Steinplatten. Konzentriert und zügig verrichtet sie ihre Arbeit, leert den Abfall, brummt streng „Füße hoch!“ zu den Übriggeblieben, die widerwillig Platz machen. Petra verstaut Besen und Eimer wieder in der Truhe und lässt sich auf der Bank nieder.

Fast 30 Jahre war sie verheiratet, erzählt sie. Von außen betrachtet eine Bilderbuchehe mit Kind, Haus und Garten. Ihr Ehemann kaufte einen Kiosk – ein Büdchen, wie Petra sagt – und entwickelte zunehmend ein Alkoholproblem. Er verlor die Kontrolle über die Einnahmen, häufte Schulden an. Also übernahm Petra neben ihrer regulären Stelle im Kindergarten auch den Betrieb des kleinen Ladens. Sie begann, die Schulden abzuzahlen und kümmerte sich um die gemeinsame Tochter. Sie dachte: „Es wird schon besser werden.“ Es wurde nicht besser.

„Mein Mann hat die Lebensversicherung gekündigt, damit die Schulden beglichen und sich ’n neues Büdchen genommen. Davon wusste ich nichts.“ Sie blickt auf die weitläufige Fläche hinter dem Tor auf der anderen Seite des kleinen Hinterhofs, macht eine Pause, überlegt. Dann erzählt sie davon, wie ihr Mann gewalttätig wurde, gegenüber ihr und ihrer Tochter. „Wir mussten das Haus verkaufen, weil ich das ja nicht halten konnte mit meinem bisschen Geld.“ Petra ist danach weggezogen, in eine kleine Wohnung, zusammen mit ihrer Tochter. Ihr Mann ist an seiner Alkoholkrankheit gestorben. Er ist seit mehr als 20 Jahren tot.

Die Zeit danach war alles andere als leicht. Petra sammelte Flaschen, um den Kredit, den sie aufgenommen hatte, abbezahlen zu können. „Das hat mich viel Kraft gekostet.“ Heute habe sie es geschafft. Da sei die neue Wohnung, die sie sich gerade zurechtmache, ihre Tochter, der es gut gehe. Petra ist zufrieden. Sie sieht sich als Stehaufmännchen, ist stolz darauf, sich immer treu geblieben zu sein, ehrlich, direkt, trotz aller Ungerechtigkeiten, die ihr widerfahren sind. Rückblickend sagt sie: „Ich würde vieles anders machen: Mehr einzahlen, damit es mir jetzt besser ginge. Was soll ich sagen: Es hätte besser sein können.“ Sie zuckt mit den Schultern.

Petra hat sich in Düsseldorf ein Netzwerk aufgebaut, weiß, wo sie hingehen kann, um Unterstützung zu bekommen. Heute hat sie keine Scheu mehr, Hilfe anzunehmen. Nur die Sache mit dem Fernseher, die nervt. Bei ihrer Tochter kann sie The Walking Dead nicht gucken. „Für die ist das nix!“, winkt sie ab. Vielleicht können die Nachbar*innen von unten mal nachsehen, was das Problem sein könnte? Es wird sich eine Lösung finden, sagt Petra. Wie immer.


*Der Name der Protagonistin wurde auf ihren Wunsch geändert. Der echte Name ist der Redaktion bekannt.

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