Am südlichsten Zipfel Neuköllns: So sieht das Leben zwischen Gropiusstadt und Blumenviertel aus

Dragqueen Jurassica Parka liebt Berlin. In dem Stadtteil, in dem sie groß geworden ist, würde sie aber auf keinen Fall zurückziehen. Eine Tour durchs spießige Rudow

Farmer on the outskirts of Berlin
Südlich von Rudow endet Berlin. Foto: Sören Stache/ZB via Picture Alliance

„Also, hast du schon gesehen, wie der Wagen von Dittmanns aussieht?“ Meine Mutter steht in ihrer Küche und rührt in einem großen Topf. Es gibt Königsberger Klopse. „Nee, was’n?“ frage ich und öffne eine Flasche Wein. „Na, der war bestimmt wochenlang nicht mehr in der Waschanlage, der sieht aus!“

Aha. Ich trinke eine großen Schluck, ein Prost auf die Winzer dieser Republik. Ich bin im Haus meiner Eltern. In Rudow. Nie gehört? Das ist der südlichste Zipfel Neuköllns, kurz vor der Stadtgrenze. Mit Neukölln, so wie man es aus der Presse kennt – Bars, Hipster, Drogen – hat Rudow wenig gemeinsam. Hier gibt es keine Clankriminalität, hier wird das Clanvermögen in Einfamilienhäuser investiert. Vor der Tür stehen Säulen und davor ein Panamera.

Rudow hat einen alten Stadtkern mit Dorfkirche und Wirtshaus aus dem 14. Jahrhundert. Es gibt eine Disco, ein Woolworth, eine U7-Station. Endstation Rudow. Hört sich an wie eine Melodram mit Tom Hanks in der Hauptrolle, ist aber nur ein Bahnhof.

Unweit befindet sich eine Hochhaussiedlung, die Gropiusstadt. In den 1950er Jahren des letzten Jahrhunderts hochgezogen, fast 20.000 Wohnungen. Christiane F. ist hier groß geworden. Wohin das führte, ist ja hinlänglich bekannt. Davon will man aber im Blumenviertel nicht viel wissen. Dort wohnen meine Eltern. Alle Straßennamen sind nach Pflanzen benannt. Windenweg, Glockenblumenweg, Arnikaweg. Nebenan ist das Geflügelviertel: Putenweg, Geflügelsteig, Möwenweg. Kein Witz! Meine blöde Patentante wohnte im Putenweg, der Name passte zur Person, das hat mich immer sehr erheitert.

In Rudow wird Gras gemäht, Unkraut gejätet, Stauden gewässert

Meine Mutter rührt weiter, ich sehe durch das Küchenfenster in den Vorgarten. Vorgärten sind eine sehr deutsche Erfindung. Im Vorgarten hält sich nie jemand auf, dafür gibt es ja einen richtigen Garten hinterm Haus. Aber der Vorgarten muss ordentlich aussehen. Gras wird gemäht, Unkraut gejätet, Stauden gewässert. Eine dekorativer Pflug aus einem Trödelladen schmückt das Blumenbeet, das wurde unlängst neu angelegt. Lavendel und Gräser. Ich sehe meinen Vater ständig daran arbeiten.

Gegenüber bewegt sich die Gardine. Da wohnen Dittmanns. Frau Dittmann steht eigentlich immer hinter der Gardine, es gibt ja so viel zu sehen hier im Blumenviertel. Der Philipp von nebenan kam letzte Woche betrunken nach Hause, Schulfete. Der Besuch von Grünbergs hat seinen SUV schon wieder falsch rum geparkt, und der Wagen hat auch eine fürchterliche Farbe, die haben ja sowieso keinen Geschmack, ein bisschen primitiv sind die ja schon.

Frau Dittmann hat eine praktische Kurzhaarfrisur, vorne mit einer kecken roten Strähne. Ihr Mann macht irgendwas im Vorgarten. Ich bin mir sicher, dass er Frau Dittmann gerne in der Tiefkühltruhe aufbewahren würde. Der Wahnsinn wohnt hinter einer Küchengardine. Hier haben die Männer ihren Rückzugsort in der Garage, da ist nichts dekoriert, da riecht es nach Benzin und Testosteron.

Wahrscheinlich bin ich zu schwul für Rudow

„Du, die Stefanie hat übrigens ihr drittes Kind bekommen“, Mutter reißt mich aus meinen Gedanken. „Ach, die war schwanger?“ „Na, weißt du doch! Die ist doch mit dem Oliver verheiratet, der mit dem roten Opel Corsa, der steht doch immer da drüben.“ Mit Stefanie habe ich früher gespielt. Stefanie studierte nach dem Abi BWL, zog aus Rudow weg, hatte dann eine On-Off-Beziehung mit dem Oliver, dann Heirat und Rückzug nach Rudow. Jetzt bewohnen sie eine Doppelhaushälfte im Doppelhaus ihrer Eltern. Doppelhaushälfte, auch sehr deutsch. Und haben ein drittes Kind gemacht, um die Beziehung am Laufen zu halten.

Horror! So sehr ich meine Eltern liebe: Niemals, niemals würde ich es aushalten, in einem Haus mit meinen Eltern zu wohnen. In Rudow. Bin ich asozial? Wahrscheinlich einfach nur zu schwul. Apropos! In unserer Straße sind drei Kinder Homos geworden. Der Peter, die Kathrin und ich. Wir sind alle schnellstmöglich aus Rudow geflüchtet. Aber irgendwas muss im Wasser sein, so viele Homos kommen aus dem Süden Berlins! Komischerweise auch die Hälfte der Berliner Drags. Rudow ist allerdings ein rechter Hotspot. Nazikundgebungen finden hier öfter mal statt. Ja, gerade hier! Hinter dekorierten Fensterbänken fühlt man sich doch sehr bedroht. Von Geflüchteten oder dem Moslem an sich. Dabei ist hier die Welt so in Ordnung, dass es schon fast wehtut.

Mutter gießt die Kartoffeln ab und ich mir einen Schnaps ein. Es ist 11 Uhr. Als Deutschland noch eine geteilte Republik war, wohnte man in Rudow eigentlich direkt am Todesstreifen. Ich bin ein Westberliner Kind, ich bin damit groß geworden. Am Sonntag sind wir mit dem Fahrrad zur Mauer gefahren, da gab es einen Aussichtsturm, da konnte man „rüber in den Osten“ gucken. Das war für mich normal, heute betrachtet ist das alles sehr absurd.

Rudow ist jetzt keine südliche Sackgasse mehr, sondern ist nah dran am neuen BER. Ihr wisst schon, dieser Flughafen, der tatsächlich eröffnete. Viele Airporthotels mussten wieder schließen, keine Kundschaft. Na, das wird ja hoffentlich bald anders.

„So, Schatz. Essen ist fertig, holst du mal deinen Vater rein?“ Er steht am Gartenzaun und unterhält sich mit Rainer, dem Nachbarn von hinten links. Der dreckige Wagen von Dittmanns scheint auch hier das Thema des Tages zu sein. Allerdings ereignet sich gerade das nächste Highlight. Wir beobachten gemeinsam hochkonzentriert die Anlieferung von Dittmanns neuer Kühltruhe.

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