Amelotatismus: Das Begehren nach Menschen mit körperlicher Behinderung

Anna* fühlt sich von Männern mit Behinderung angezogen. Stefanie*, die eine körperliche Behinderung hat, war mit Männern zusammen, die genau das begehrten. Eine Geschichte von zwei Frauen auf der Suche nach sexueller Erfüllung

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Im heutigen Sprachgebrauch bezeichnet Amelotatismus die sexuelle Vorliebe für Menschen mit ganz unterschiedlichen Arten von körperlicher Behinderung. Symbolfoto: Dainis Graveris / Unsplash | CC0

*Auf Wunsch der Protagonistinnen dieses Beitrags wurden ihre Namen geändert.

Annas erste Beziehungen scheiterten immer wieder am Sex. „Ich fand das einfach nicht so spannend“, erzählt sie. Weil es ihrem Umfeld anders erging, begann sie in sich zu horchen, was ihr in ihren Beziehungen sexuell gefehlt hatte. „Dann habe ich an meine ersten sexuellen Fantasien zurückgedacht und festgestellt: Da haben eigentlich immer Männer mit Behinderung eine Rolle gespielt“, sagt Anna. Mit etwa 20 Jahren wurde ihr bewusst: Damit sie sich zu einem Mann sexuell hingezogen fühlen kann, muss er eine Körperbehinderung haben. „Ich habe so eine körperliche Reaktion darauf, der ich mich nur schwer entziehen kann.“

Mit ihrem Begehren ist Anna nicht allein: Amelotatismus nennt man die sexuelle Vorliebe für behinderte Menschen. Ursprünglich leitet sich der Begriff aus dem Griechischen ab und bedeutet die Zuneigung zu Menschen mit fehlenden Gliedmaßen. Im heutigen Sprachgebrauch bezeichnet Amelotatismus allerdings die sexuelle Vorliebe für Menschen mit ganz unterschiedlichen Arten von körperlichen Behinderungen.

Stefanie wollte die Erfahrung machen, gerade wegen ihrer Behinderung begehrt zu werden

Stefanies erste Beziehung ging in die Brüche, weil ihr damaliger Freund nicht mit ihr schlafen wollte. Er sagte Stefanie zwar immer: „Ich liebe dein Wesen.“ Aber Sex haben wollte er nie. „Das Problem war, dass er mich zwar ganz toll fand, aber sexuell gesehen nicht wirklich mit meiner Behinderung zurechtkam“, sagt Stefanie. Sie lebt seit ihrer Geburt mit einer Körperbehinderung.

Etwa im selben Alter wie Anna erfuhr auch Stefanie von der Existenz des Amelotatismus. Zunächst war sie skeptisch. „Ich fand das erst einmal sehr, sehr seltsam“, erzählt Stefanie. Aber im Alter von etwa 22 Jahren begegnete sie einem jungen Mann mit Querschnittslähmung, welcher der Meinung war: „Amelos und Amelinen – das ist doch das Beste, was uns passieren kann.“ Als Amelos und Amelinen werden umgangssprachlich Menschen bezeichnet, welche die sexuelle Neigung des Amelotatismus aufweisen.

Nachdem sie wegen ihrer Behinderung sexuell abgelehnt worden war, wollte Stefanie unbedingt die Erfahrung machen, gerade wegen ihrer Behinderung begehrt zu werden: „Ich habe mir damals gedacht: Jetzt hole ich mir das Gegenprogramm. Ich will jetzt eine positive Erfahrung im Bett machen, die mich irgendwie wieder ein bisschen aufbaut.“ So ging Stefanie online auf die Suche nach Männern mit einer sexuellen Vorliebe für behinderte Frauen und damit auf die Suche danach, begehrt zu werden.

Manche Amelotatist*innen verhalten sich aufdringlich und übergriffig

„Für mich war es kein Zuckerschlecken meine sexuelle Neigung zu akzeptieren“, erinnert sich Anna. „Zumal man, wenn man das jetzt googelt, erst einmal ganz viele Dinge findet, mit denen man sich nicht identifizieren möchte.“ Anna entdeckte Berichte über männliche Amelotatisten, die sich aufdringlich und übergriffig verhalten. Zum Beispiel stieß sie auf den Blogbeitrag Die fabelhafte Welt der Amelos, in dem die Autorin Amelie Ebner, die seit einem Unfall mit Querschnittslähmung lebt, von den belästigenden Nachrichten berichtet, die sie online von Amelotatisten erhält.

Für mich bedeutet Amelotatismus eine andere Wahrnehmung von Schönheit.

Stefanie

„Es gibt natürlich die Aufdringlichen, die Ekligen und die, die beim Chatten nicht aufhören, auch wenn man sagt: Ich will nicht. Ich habe kein Interesse. Die, die es immer wieder versuchen“, berichtet Stefanie von ähnlichen Erfahrung. Aber sie plädiert dafür, zwischen sexueller Belästigung im Netz und der sexuellen Neigung des Amelotatismus zu differenzieren: „Erstens sind bei weitem nicht alle Amelotatisten, auf die ich getroffen bin, so. Und zweitens gibt es solche Männer auch woanders.“ Stefanie ist der Meinung: „Es kommt halt immer darauf an, wie man mit seiner Neigung umgeht.“

An Amelotatismus an sich kann Stefanie nichts Verwerfliches finden – im Gegenteil: „Für mich bedeutet Amelotatismus eine andere Wahrnehmung von Schönheit“, sagt sie und fragt: „Was ist denn daran bitte verwerflich? Es ist ja nur etwas Verwerfliches, wenn man Behinderung selbst als krankhaft und falsch wahrnimmt und davon ausgeht: Das darf man nicht gut finden.“

Ihren ersten Sex hatte Stefanie mit einem Amelotatisten. Und von da an war jeder nichtbehinderte Mann, mit dem sie schlief, ein Mann mit dieser sexuellen Neigung. Für sie waren das durchweg schöne sexuelle Erfahrungen, bei denen sie sich besonders angenommen gefühlt hat: „Ich konnte mich selber attraktiv fühlen, weil ich das so gespiegelt bekam.“ Nach anfänglicher Skepsis sagt Stefanie heute: „Der Sex zwischen einem*r Amelotatist*in und einem Menschen mit Behinderung kann eine totale Win-win-Situation sein.“

Amelotatist*innen wünschen sich mehr Akzeptanz ihrer sexuellen Neigung

Auch Anna ist mit Rückblick auf ihre bisherigen sexuellen Begegnungen mit behinderten Männern überzeugt: „Wir haben uns gegenseitig viel zu geben.“ Mittlerweile kann Anna im privaten Umfeld selbstbewusst zu ihrer Neigung stehen und sagen: „Ich finde Männer mit Körperbehinderung ästhetisch. Und ich werde sie immer viel ästhetischer finden als alle nichtbehinderten Männer, die vor mir stehen.“

Bei diesem Prozess der Selbstannahme haben Anna vor allem behinderte Menschen geholfen, die – wie Stefanie – ihre Neigung nicht verurteilten, sondern in ihr vielmehr positive Aspekte sahen. Anna erinnert sich glücklich: „Der erste Mann mit Behinderung, dem gegenüber ich mich geoutet habe, war gleich total begeistert.“ Im Rückblick sagt sie: „Das war der größte Punkt, der mir geholfen hat – dass es Menschen mit Behinderung gab, die mich mit meiner Neigung angenommen haben.“

Sowohl Amelotatist*innen als auch behinderte Menschen machen in ihrem Leben die Erfahrung, von der Norm abzuweichen – die einen in ihrem Begehren, die anderen durch ihre Körperlichkeit. Das ist etwas, das sie verbindet und füreinander gegenseitig anziehend machen kann. So hat es zumindest Stefanie erlebt. „Dass diese Menschen auch das Gefühl kennen, von der Norm abzuweichen, macht sie für mich attraktiv und interessant“, sagt sie. „Vor allem, wenn sie in der Lage sind, dazu zu zu stehen und das zu reflektieren.“

Anna wünscht sich eine größere gesellschaftliche Akzeptanz für ihre von der Norm abweichende sexuelle Neigung und dass sie irgendwann keine Sprüche mehr hören muss wie: „Das ist ja krank. Da musst du mal zur Therapie gehen.“ Denn schließlich lasse sich ihre sexuelle Neigung nicht verändern und sei ein Teil von ihr: „Man kann zwar versuchen, Menschen ohne Behinderung attraktiv zu finden, aber es wird auf lange Sicht einfach nicht funktionieren. Man wird halt nicht glücklich damit.“

Sind Amelotatist*innen das Beste, was behinderten Mensch passieren kann?

Stefanie betont, dass es für behinderte Menschen natürlich möglich sei, auf jemanden zu treffen, der*die einen auch ohne diese spezielle Neigung attraktiv findet. „Das fände ich vielleicht sogar noch ein bisschen schöner“, sagt sie, schränkt jedoch ein: „Aber das ist eher selten, dass man auf Menschen trifft, die so entspannt sind mit allem.“

Ihr ist ein solcher Mensch noch nicht begegnet. Alle ihre bisherigen Partner waren auch behindert oder eben Amelotatisten. Und vor diesem Hintergrund sagt sie: „Wer sich als Mensch mit Behinderung dem Amelotatismus verschließt, bringt sich um die Möglichkeit von echt schönen Erfahrungen.“

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