An diesem Ort in der Wüste Israels arbeiten Studierende an der Rettung der Welt

In der Wüste Israels forschen Studierende aus aller Welt an aktuellen Umweltproblemen und lernen dabei, wie ein friedliches Miteinander im Nahen Osten funktionieren kann.

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Im Arava-Institut versuchen Studierende aus aller Welt Lösungen für politische und klimatische Probleme der Menschheit zu finden. Foto: Björn Rohwer, Hannah Lesch, Tobias Zuttmann

Kilometerweit sieht man nichts als graues Ödland und schroffe Felsen – im Hintergrund die Berge Jordaniens. Nur vereinzelt sprenkeln grüne Oasen die karge Landschaft der Arava-Wüste. Ketura ist eine dieser fruchtbaren Inseln. Das Dorf liegt 200 Kilometer südlich von Jerusalem – 50 Kilometer von der nächsten Stadt entfernt. „Wir leben am Ende der Welt. Hier spürt man die Spannungen nicht so wie im Zentrum Israels“, sagt Michael Cohen. Der grauhaarige Rabbi trägt eine liebevoll verzierte Kippa und spricht enthusiastisch über seine Arbeit in Ketura. Er lebt hier seit 24 Jahren und lehrt an einer landesweit einmaligen Forschungseinrichtung: dem Arava Institute for Environmental Studies.

Im Institut kommen jedes Jahr 60 Studierende aus der ganzen Welt zusammen, um gemeinsam zu forschen und Lösungen für die ökologischen Probleme unserer Zeit zu finden. Aus der ganzen Welt ist dabei wörtlich zu verstehen: Neben Studierenden aus Israel lernen hier junge Menschen aus Europa und den USA, aber auch aus Palästina und Jordanien.

Im Arava-Institut wird mit Vorurteilen aufgeräumt

„Du lernst so viele andere Kulturen kennen – du siehst andere Blickwinkel, lernst zu diskutieren und für deine Positionen einzustehen“, erzählt der Palästinenser Amer Dejani. Er machte 2018 seinen Abschluss am Arava-Institut und arbeitete dabei mit Kommiliton*innen aller Religionsgruppen zusammen. Studierende können während ihres Aufenthaltes am Institut zwischen Kursen in den Bereichen Wassermanagement, Erneuerbare Energien, Ökologische Landwirtschaft und Umweltpolitik wählen. Außerdem belegen sie sozialwissenschaftliche Fächer zu den Themen Frieden und Gesellschaft.

„Unsere Studierenden sind sehr mutig. Insbesondere den Jordaniern wird abgeraten, zu uns zu kommen. Ihre Familien und Freunde erzählen ihnen, dass die Israelis ihnen in der Nacht ein Messer in den Rücken rammen werden“, erklärt Cohen. Die Begegnung in den Forschungsgruppen sei wichtig, um mit Vorurteilen und Vorbehalten aufzuräumen. Und neue Freundschaften entstehen laut dem Rabbi nicht nur im Institut: „Am Wochenende bringen die jordanischen Studierenden ihre Kommilitonen dann mit nach Hause und die Familien sind total begeistert von den jungen Israelis.“

Die Natur kennt keine Grenzen

Das Arava-Institut wurde 1996 im Zuge des Oslo-Abkommens gegründet, das versuchte, für Frieden zwischen Israel und Palästina zu sorgen. Michael Cohen war damals einer der ersten Professor*innen. „Wenn die Wolken Richtung Osten fliegen, dann stoppen sie da drüben nicht am Grenzzaun“, sagt Cohen und deutet auf die wenige Kilometer entfernten Berge Jordaniens. „Niemand will ihren Pass sehen, sie fliegen einfach weiter“, so erklärt Cohen das Motto des Instituts: „Die Natur kennt keine Grenzen“.

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Das Arava-Institut liegt fernab von allem. Die Berge in der Ferne gehören zu Jordanien. Foto: Björn Rohwer, Hannah Lesch, Tobias Zuttmann

Heute sind keine Wolken am Himmel zu sehen, die Sonne knallt auf die vielen Solarzellen und anderen Forschungsprojekte, die die internationalen Studierenden des Instituts hier mitten in der Wüste aufgebaut haben. Die hochmoderne Technik prägt das Bild des umliegenden Kibbuz. So nennt man die Dorfstruktur von Ketura, in der alle Mitglieder die gleichen Rechte haben und alle Entscheidungen zusammen treffen. In einem Kibbuz gibt es keinen Privatbesitz, Geld spielt keine Rolle. „Wir haben 162 Mitglieder und besitzen 15 Autos. Das reicht vollkommen aus. Man stelle sich unseren ökologischen Fußabdruck vor, wenn wir 150 Autos hätten“, sagt Cohen.

Gemeinsam Lösungen finden

Mitten im Kibbuz, vor einem der Gebäude des Instituts, steht Cohen im Schatten eines Baumes und gestikuliert energisch vor einer Gruppe von rund 20 Studierenden. Normalerweise unterrichtet er Umweltbewusste Führung, doch heute hält er als Vertretung die Vorlesung Friedensfördernde Führung. Das Fach wurde Anfang der 2000er eingeführt, nachdem sich die Spannungen zwischen Israel und Palästina während der Zweiten Intifada zu einem gewaltsamen Konflikt entwickelt hatten.

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Michael Cohen unterrichtet eine Gruppe von Studierenden. Foto: Björn Rohwer, Hannah Lesch, Tobias Zuttmann

„Wir wollten einen sicheren Raum einführen, wo die Studierenden über wirklich alles reden können. Sie verlassen die Vorlesung oft verletzt, weinend und wütend, aber eine Stunde später essen sie gemeinsam Abendbrot und lachen zusammen“, sagt Cohen. Amer hat diesen Prozess selbst erlebt: „Klar hatten wir auch politische Streitereien. Aber am Ende geht es hier genau darum – dass wir darüber sprechen und Lösungen finden.“ Nach seinem Abschluss kehrte Amer zurück an das Institut und entscheidet heute als wissenschaftlicher Mitarbeiter mit, welche Bewerber*innen angenommen werden und welche nicht. Dabei hat er eine klare Richtlinie: „Wer die Welt nicht zu einem besseren Ort machen möchte, der ist hier falsch.“