Stalking am Arbeitsplatz hat nichts mit Flirten zu tun

Nachdem eine Kassiererin den Arbeitsplatz gewechselt hatte, suchte ein Mann alle Filialen der Stadt ab, um sie zu finden. Viele finden das romantisch, dabei handelt es sich um Stalking. Ein Kommentar

Nachdem eine Kassiererin den Arbeitsplatz gewechselt hatte, suchte ein Mann alle Filialen der Stadt ab, um sie zu finden. Viele finden das romantisch, dabei handelt es sich um Stalking. Ein Kommentar

Es ist nicht süß, sondern creepy, wenn du die Barista immer so verliebt anstarrst. Foto: Krists Luhaers / Unsplash | CC0

Jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit holst du deinen Kaffee bei ihr – und bekommst jedes Mal schwitzige Hände, wenn du sie siehst. Du magst ihr Lächeln und bist dir sicher, dass die Milchschaumherzen in deinem Cappuccino to go etwas bedeuten müssen. Also zwinkerst du ihr zu, gibst Extra-Trinkgeld und hast immer wieder ein Kompliment für sie übrig. Für dich ist klar: Das ist sie, die große Liebe, fernab von Tinder. Wie romantisch.

Doch was aus Sicht des*r Kund*in wie ein netter Flirt scheint, ist für Verkäufer*innen oft mit Stress und mitunter sogar Ängsten verbunden. Denn was als oberflächliche Verknalltheit in eine*n Verkäufer*in beginnt, endet nicht selten in starken Grenzüberschreitungen. Freundliche Zurückweisungen werden nicht akzeptiert, Kolleg*innen werden um die Telefonnummer angebettelt oder mit der Frage belästigt, wann sie Feierabend haben. Vermeintlich verliebte Kund*innen lungern nach Ladenschluss vor dem Geschäft herum, um Verkäufer*innen auf ihrem Heimweg aufzulauern.

Am Arbeitsplatz belästigt

Betroffene sind den penetranten Flirtversuchen meist schutzlos ausgeliefert. Denn wer am Arbeitsplatz von Kund*innen belästigt wird, kann unangenehmen Situationen nicht einfach entfliehen. Er*sie ist dazu angehalten, besonders freundlich und zuvorkommend zu sein. Und selbst wenn Desinteresse klar geäußert wird, kommen viele Kund*innen regelmäßig wieder – und versuchen erneut ihr Glück. Wo gilt, dass die Kundschaft König*in ist, entsteht ein Machtgefälle zwischen Verkäufer*innen und Kund*innen, das nicht selten auch räumlich ersichtlich ist: Die eine Person sitzt an der Kasse und muss zur anderen aufschauen.

Besonders perfide wird es, wenn aufdringliches Verhalten und Stalking als romantische Gesten verklärt werden. So veröffentlichte beispielsweise die Twitternutzerin @_Gespielin_ einen Tweet, indem sie stolz davon berichtet, wie sie einem Bekannten dabei half, alle Lidl-Filialen der Stadt nach einer bestimmten Verkäuferin zu durchsuchen, in die er verliebt sei. Sie selbst habe ihn bei der Suche nach der Frau unterstützt, da sie an die Liebe glaube.

Wer wirklich glaubt, dass es romantisch ist, einer Person nachzustellen und verzweifelt zu versuchen, ihren Arbeitsplatz ausfindig zu machen, verwechselt Stalking mit Liebe. Aufdringlichkeit hat nichts mit Romantik zu tun, genauso wenig, wie es von großen Gefühlen zeugt, eine Person besonders hartnäckig zu umwerben oder Zurückweisungen nicht zu akzeptieren. Das ist nicht romantisch, sonders respektlos und übergriffig.

Professionelle Freundlichkeit ist kein Flirt

So empfindet es auch der Berliner Buchhändler Linus, der wie viele Mitarbeiter*innen im Einzelhandel bereits Erfahrungen mit sogenannten Flirtversuchen gemacht hat. Ihm wurden Nummern zugesteckt, Kund*innen streichelten ihm aus Dank für gute Beratung den Rücken oder erkundigten sich nach seinen Arbeitszeiten. Linus beobachtet ein starkes Ungleichgewicht zwischen Verkäufer*innen und Kund*innen.  Oft werde seine Freundlichkeit umgedeutet und missverstanden, erzählt er. Dabei mache er nur seinen Job. „Wenn Kund*innen glauben, dass ich aufgrund meiner Nettigkeit ein besonderes Interesse an ihnen habe oder anfangen für mich zu schwärmen, weil ich so freundlich bin, liegt da einfach ein Missverständnis vor.“

Auf den Tweet von @_Gespielin_ angesprochen erklärt Linus, ihn habe vor allem schockiert, dass die Nutzerin von Liebe sprechen würde. „Dieser Mann weiß wahrscheinlich nichts über das Leben dieser Verkäuferin, aber er glaubt, sie zu lieben, weil sie in seinem Supermarkt an der Kasse sitzt und ihn freundlich anlächelt.“ Linus beobachtet besorgt die Art, wie über das Flirtverhalten, insbesondere von Männern, berichtet wird. Anstatt klar über das Anerkennen der Grenzen des Gegenübers zu sprechen, würde darüber diskutiert, wie viele Abfuhren man von einer Frau in Kauf nehmen müsste, bis man sie endlich rumgekriegt habe. Auch über die Netflix-Serie You – Du wirst mich lieben, die von einem stalkenden Buchhändler handelt, kann Linus nur den Kopf schütteln. „Es ist ganz wichtig, immer wieder deutlich zu machen, wie gefährlich es ist, so etwas wie Hartnäckigkeit, Übergriffigkeit und Grenzüberschreitungen zu romantisieren und mit Liebe zu verwechseln.“