Andere Menschen mit Tomaten zu bewerfen, ist wunderschön

Der Tomatenwurf ist ein beliebtes Ausdrucksmittel für politischen Protest. Und er macht Spaß, wie diese Fotos vom Tomatina-Fest in Kolumbien zeigen. Eine Glosse

Die Tomate eignet sich aufgrund ihrer Aerodynamik optimal als Wurfgeschoss. Sie liegt nicht nur aufgrund ihre Rundheit und Glätte gut in der Hand, ihr Gewicht ermöglicht auch eine relativ weite Flugbahn. Und das wahre Highlight kommt am Ende des Wurfs: der Aufprall. Dabei zerschellt die Tomate, die Haut reißt auf, die Innereien quellen hervor und bescheren dem Zielobjekt eine ziemliche Sauerei.

Der Tomatenwurf gilt als verantwortlich für große politische Umbrücke: zum Beispiel die Frauenbewegung. Am 13. September 1968 warf die Studentin Sigrid Rüger auf eine Versammlung des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS) Suppentomaten auf Hans-Jürgen Krahl, eine der führenden Persönlichkeiten des SDS. Zuvor hatten die Mitglieder über die veralteten Geschlechterrollen innerhalb der Bewegung gestritten, die Frauen fühlten sich ungehört und unbeachtet. Der Tomatenwurf gilt als konstituierender Moment der aufkeimenden Frauenbewegung.

Während der Tomatenwurf in Deutschland überwiegend ein Ausdruck politischen Grolls darstellt, wird er in anderen Ländern geradezu zelebriert. Zum Beispiel in Kolumbien: Sutamarchán ist eine kolumbianische Stadt mit etwa 6.000 Einwohner*innen. Einmal im Jahr taucht diese Stadt in weltweit in den Medien auf und Besucher*innen reisen extra an, um ein besonderes Ereignis mitzuerleben: die Tomatina.

Sutamarchán befindet sich in Boyacá, einer Provinz im Nordosten Kolumbiens. Die Landwirtschaft zählt dort zu einer der wichtigsten Wirtschaftssäulen. Rund um Sutamarchán werden Kartoffeln, Zwiebeln, Mais, Gerste und Trauben angebaut. Und eben: Tomaten. Seit Juni 2014 veranstaltet die Stadt die größte Tomatenschlacht Südamerikas. Tausende nehmen jährlich Teil, um sich gegenseitig mit Tomaten zu beschmeißen, die etwa aufgrund von Überreife nicht geeignet sind für den Konsum. Fotos von rotgetränkten Straßen, Haaren und T-Shirts wandern alljährlich durch die Zeitungen.

Es lebe die Tomate!

Die Tomatina ist ein Fest zu Ehren der Landwirtschaft, das jeden Jahr zum Ende der Erntezeit stattfindet. Landwirt*innen liefern riesige Mengen an nicht konsumierbaren Tomaten in die Stadt, die sich vor Beginn der Schlacht in riesigen Bergen türmen. Auf Los stürmen die Menschen zu den Tomatentürmen und beschmeißen sich gegenseitig mit dem matschigen Gemüse.

Geklaut ist die Idee aus Spanien: Dort finden sich Anhänger*innen des gepflegten Tomatenwerfens seits den 1940er-Jahren zusammen. Die erste Tomatina fand in der Stadt Buñol statt, wo sie bis heute jeden August stattfinden. Das Fest rangiert dort irgendwo zwischen Holi-Festival und Mayfest in Kreuzberg. 2004 traten 38.000 Menschen zum Tomatenwurf an, 125.000 Wurfgeschosse standen dafür bereit. Seit 2013 gibt es ein Ticketsystem. Die Teilnehmendenzahl wurde damit auf 20.000 Menschen beschränkt – davon etwa 5.000 reservierte Freikarten für Einheimische, die übrigen Karten werden verkauft.

Ein Tomatenwurffest hat Deutschland bislang nicht zu bieten – vermutlich ein Grund, warum Deutschland in Sachen Tourismus nicht mit der südlichen Hemisphäre mithalten kann. Von 1998 bis 2013 gab es immerhin jedes Jahr eine Gemüseschlacht in Berlin: Die Schlacht wurde alljährlich als Demonstration angemeldet und fand an der Grenze zwischen den in Ost- und West-Berlin geteilten Bezirken Kreuzberg und Friedrichshain statt: der Oberbaumbrücke. Protestiert wurde dabei jedes Jahr eher gegen eine Verwaltungstat: Durch eine Reform sind Kreuzberg und Friedrichshain zum Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg fusioniert worden.

Als Wurfgeschoss war alles zugelassen, was matschig ist, glibbert, wabbelt und stinkt. Neben Gemüse kamen auch Obst, edle Matjesfilets (frisch), Windeln (auch frisch) und Spreewasser (Wasser in Anführungszeichen) zum Einsatz. Die meisten Siege errungen übrigens die Friedrichshainer*innen.