Anzeige

„Das Herausforderndste an allem ist, eine gute Chefin zu sein.“

Lisa Gradow ist 23 Jahre alt, kommt ursprünglich aus Frankfurt am Main und hat nach ihrem Jura- und Informatikstudium in München gemeinsam mit Freund*innen das Start-up usercentrics gegründet. Auf ze.tt hat sie bereits über ihre Erfahrungen im Job nach 30 Tagen und nach 60 Tagen berichtet. Hier erzählt sie uns, wie es ihr nach 100 Tagen als Mitgründerin und Chefin eines Start-ups geht.

Du warst ja wirklich im absoluten Tunnel-Modus, als wir das letzte Mal sprachen: Stress, Schlafmangel, Panikattacken ...

Ja, das stimmt. Aber so bin ich auch froh, dass ich durch dieses Tal wirklich einmal gegangen bin. Auch mit den Kund*innen. Jetzt habe ich das Gefühl wirklich jede Support-Anfrage und jeden Wunsch einmal gehört zu haben. Jetzt versteh ich unser Produkt von innen nach außen, ich versteh die Firma von innen nach außen ich versteh den kompletten Markt. Dafür war es gut, dass ich super hands-on dabei war und auch weiterhin bin.

Habt ihr euch inzwischen Hilfe geholt?

Ja, zum Glück konnten wir inzwischen 15 neue Mitarbeiter*innen einstellen. Aber auch das bringt echt viele neue Herausforderungen mit sich, mit denen ich gar nicht gerechnet hatte. Das Herausforderndste an allem ist, die Leute zu führen. Eine gute Chefin zu sein.

Wie meinst du das?

Ich hätte nicht erwartet, dass mich das am meisten fordert! Vor allem weil ich früher als Schülersprecherin oder auch bei meiner politischen Arbeit auch immer mal wieder Führungsaufgaben hatte. Aber es ist echt schwer, allen Leuten gerecht zu werden. Alle wollen sehr viel Zeit mit dir, brauchen vor allem viel Feedback. Man muss sich wirklich viel Zeit für die Mitarbeiter*innen nehmen und dabei ist man ohnehin schon so im Stress.
Das Herausforderndste an allem ist, die Leute zu führen. Eine gute Chefin zu sein."
Es ist ein Spagat: Wir brauchen wegen der vielen Arbeit ja relativ schnell viele Leute. Aber es ist ein Problem, wenn man zu viele neue Leute gleichzeitig onboarden – also in die Prozesse einführen – muss, dann kann es schnell ineffizient werden. Du musst denen allen Aufgaben geben, musst all deren Zeitpläne auf dem Schirm haben. Was machen die? Haben die die ganze Zeit was zu tun? Muss ich kontrollieren, was sie machen? Und am Ende des Tages, wenn was dabei rauskommt, was du gar nicht wolltest, liegt es meistens daran, dass du selbst einfach die Instruktionen falsch gegeben hast. Gerade weil die Kund*innen uns die Bude einrennen – was eine super Sache ist! – ist es wichtig, dass die Mitarbeiter*innen möglichst schnell selber was managen können. Sonst muss für immer und ewig alles über deinen Tisch. Dann bist du der Flaschenhals, durch den alles durch muss. Und das ist nicht skalierbar.

Sprichst du mit deinen Angestellten denn ganz offen darüber, wie stressig es ist?

Du musst mit deinen Mitarbeiter*innen in einen ganz anderen Modus. Selbst wenn du selber überfordert bist, kannst du das so den Mitarbeitern nicht kommunizieren. Die erwarten einfach Antworten von dir, du kannst nicht sagen, weiß ich nicht. Und du kannst übrigens auch selber nicht jammern.
Wenn ich so rede, dann gebe ich damit natürlich auch den Mitarbeiter*innen ein schlechtes Gefühl."
Ich habe einmal den Fehler gemacht – das war, als ganz frisch eine Mitarbeiterin angefangen hat und das war auch echt ne harte Woche – da hab ich vor ihr ein bisschen gejammert. Und am nächsten Tag dann hat sie plötzlich gesagt: „Boah, ich kotz so ab.“ Und ich dachte mir so: „Hallo? Du bist hier seit einer Woche!? Und du kotzt schon ab!?“ Aber dann wurde mir klar: Natürlich, die redet so, weil ich den Ton vorgegeben hab. Wenn ich so rede, dann gebe ich damit natürlich auch den Mitarbeiter*innen ein schlechtes Gefühl und irgendwie auch das Recht, sich zu beschweren. Da muss man ganz bewusst kommunizieren.

Kriegst du denn von irgendwo Hilfe, wenn du mal nicht weißt, wie man sich als Chefin verhält?

Also es gibt schon diese Themen, die aufkommen, wenn man zum ersten mal Chefin ist. Mischa, mein Mitgründer, hat mir dabei sehr geholfen. Er hat zuvor schon einmal ein Start-up gegründet und hatte zum Schluss 150 Mitarbeiter*innen, bevor er es verkauft hat. Und er hat einen sehr ermächtigenden Führungsstil. Er versucht wirklich, aus allen das Beste rauszuholen und jede*n so einzusetzen, dass er*sie einfach seine Stärken am besten nutzen kann. Auch in Feedbackgesprächen ist er toll, er sagt nie: „Du hast einen Fehler gemacht!“, sondern „Ja, das ist schief gelaufen, was können wir machen, damit das jetzt nicht mehr passiert.“ Diese positive Fehlerkultur versuchen wir auch in unserem Start-up zu etablieren.

Gibt es etwas, was du besonders toll an der Position als Chefin findest?

Ja, dass ich direkt daran beteiligt bin, was für ein Unternehmen wir sein wollen und sein werden. Wir wollen eine innovative Firma schaffen, in die man gern kommt und in der sich die Arbeit nicht nach Arbeit anfühlt. So etwas gibt es trotz der ganzen Start-up-Kultur kaum in Deutschland und noch seltener in München.
Wir wollen eine innovative Firma schaffen, in der sich die Arbeit nicht nach Arbeit anfühlt."
Eine unserer ersten Mitarbeiter*innen war zum Beispiel Kitty, unsere Chief Happiness Officerin. Sie hat Glück studiert. Und sie kümmert sich darum, dass es allen im Büro gut geht, dass wir genug trinken, Sport machen. Sie hat unser Office wie ein Wohnzimmer eingerichtet, mit hellen Möbeln und Dschungeltapete und nach Feng Shui. Und es wirkt: Bei uns herrscht so eine tolle Stimmung. Es fehlen nur noch die Hängematten.     Die Techniker Krankenkasse und ze.tt stellen euch an dieser Stelle in den nächsten Wochen drei Protagonist*innen vor, die ihren ersten Job nach der Uni angefangen und ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben. Wir begleiten Lisa, Holger und Mini bei ihren ersten 100 Tagen im Job und finden heraus, wie das so für sie war, plötzlich im Arbeitsleben zu stecken. Die drei berichten auch persönlich über ihre Erfahrungen in der deutschlandweiten Veranstaltungsreihe „Die ersten 100 Tage im Job“.  Termine und Anmeldung unter www.zeit.de/100tage. Wollt ihr mehr zur Aktion erfahren? Dann schaut hier rein!

Lisa hat mit Freunden ein Start-up gegründet. Das ist nicht immer leicht. Hier berichtet sie über ihre ersten 100 Tage im Job. Foto: Lisa Gradow

Außerdem auf ze.tt

Anzeige