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So geht Lioba mit gesellschaftlichem Druck um

Als Lioba ihr Masterstudium abschloss, war sie gerade mal 22 Jahre alt. Sie hatte den Bachelor schon in der Tasche, Studienaufenthalte im Ausland absolviert und in zahlreichen Nebenjobs wichtige Arbeitserfahrung gesammelt. Alle Haken auf der Checkliste für den ersten Job. Macht uns dieser Stress nicht am Ende kaputt?

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Als Lioba ihr Masterstudium abschloss, war sie gerade mal 22 Jahre alt. Foto: Lioba

Brauchen wir wirklich einen perfekten Lebenslauf? Viele Arbeitgeber*innen scheinen heute von Bewerber*innen nicht nur einen guten Studienabschluss, sondern auch schon Berufserfahrung und am besten noch einige Semester im Ausland zu erwarten.

Lioba aus Bonn hat alles gegeben, um das zu erreichen: Mit Anfang 20 hat sie bereits einen Bachelor- und einen Masterabschluss in Anglistik vorzuweisen, außerdem Studienaufenthalte in Wales und Südkorea. Nebenbei sammelte sie vielfältige Arbeitserfahrungen in diversen Nebenjobs. Noch während des Masterstudiums schrieb sie sich schließlich an einer Fernhochschule für Wirtschaftsrecht ein, um sich noch weiter zu qualifizieren.

Jetzt ist Lioba in ihren ersten Job gestartet: als Trainee in einer Kommunikationsagentur. Nebenbei studiert sie weiter. Wir fragen uns natürlich: Wie hält man diesen Workload aus? Und warum denn eigentlich der ganze Stress? Ist es wirklich richtig, sich so vom gesellschaftlichen Druck beeinflussen zu lassen?

Im Interview erklärt Lioba, wie ausschlaggebend die Erwartungen Anderer und ein makelloser Lebenslauf für ihre Lebensentscheidungen war.

ze.tt: Hallo Lioba. Wie kann ich mir deine Tätigkeit in der Kommunikationsagentur vorstellen?

Lioba: In der Agentur setzen wir für unsere Kunden Kommunikationsstrategien um. Wir gestalten also Webseiten, machen Pressearbeit und auch Social-Media-Marketing. Gerade betreue ich ein Projekt, bei dem die Printausgabe eines Magazins eines unserer Kunden in eine Online-Ausgabe umgewandelt wird. Ich betreue das komplette Projektmanagement, mache also Kunden-Calls und tausche mich mit der Redaktion, der Kreation und dem Digital-Team aus. Mein Aufgabenfeld beinhaltet aber auch Organisation und Strategie.

Du hast nach deinem Anglistik-Studium nur zwei Monate gebraucht, um einen Job zu finden. Viele Geisteswissenschaftler*innen suchen viel länger.

Obwohl ich wirklich schnell einen guten Job gefunden habe, hatte ich Angst, als Geisteswissenschaftlerin nicht direkt einen zu finden. Ich habe mich deutschlandweit beworben, weil ich erst einmal herausfinden wollte, was ich überhaupt möchte. Mir war schon durch meine Praktika klar, dass ich in den Bereich Online-Kommunikation gehen will, aber es ist dann doch schwierig, ganz konkrete Stellen auszuwählen, die wirklich zu einem passen. Ich habe mich dann überall beworben, denn es gibt auch in diesem vermeintlich eng gefassten Bereich ganz verschiedene Stellen. Da musste ich mich erst einmal orientieren. Am Ende ist es dann die Agentur geworden.

Wie hast du die Jobs ausgewählt?

Ich war auf der Suche nach einem Job, in dem ich sowohl strategisch als auch kreativ arbeiten kann. Beide Bereiche sind in dem Feld oft voneinander getrennt, diese Mischung war mir aber sehr wichtig. Ich habe nicht nur bei der Auswahl der Stellenanzeigen stark darauf geachtet, sondern auch bei den Bewerbungsgesprächen nachgefragt, wie die Arbeit ganz konkret aussehen wird. Ich wollte wissen, was den Job ausmacht, was er mir bringt und was ich zum Job beisteuern kann. Das habe ich auch im Prozess mehr und mehr gelernt: Im Laufe der ersten Gespräche habe ich mich zunächst mit der Vorstellung angefreundet, überhaupt einen Vollzeitjob zu haben. In den späteren Gesprächen habe ich viel mehr darauf geachtet, wie der Job wirklich ist und ob die Stellenanzeige zutrifft.

Ich wollte wissen, was den Job ausmacht, was er mir bringt und was ich zum Job beisteuern kann.

Lioba

TK TIPP: Finde heraus, was du willst!

Lioba hat bereits während der Bewerbungsgespräche versucht, herauszufinden, ob der potenzielle Job zu ihr passen könnte. „Die Jobsuche beginnt nicht mit dem Schreiben einer Bewerbung“, sagt Karrierecoachin und Autorin Doris Brenner. „Zunächst sollte man sich mit den eigenen Stärken und Fähigkeiten beschäftigen. Also, was habe ich anzubieten? Dann sollten die eigenen Ziele und Erwartungen definiert werden. Also, was möchte ich? Erst wenn diese beiden Aspekte klar sind, kann die gezielte Suche nach passenden Jobs sinnvoll beginnen.“

Du hast dich dann für eine Stelle in Köln entschieden …

Ja, ich habe auch Gespräche in anderen Städten geführt, aber fand es dann doch schwierig, meinen ganzen Lebensmittelpunkt langfristig zu verlagern. Man will den Job ja auch nicht nur für ein oder zwei Jahre machen, sondern länger. Mein soziales Umfeld hat dann doch bei meiner Entscheidung eine große Rolle gespielt, sodass ich mich für die Stelle in Köln entschieden habe, um in Bonn leben bleiben zu können.

Soziale Faktoren sind sehr entscheidend. Auch im Job. Manchmal kommt man irgendwohin und fühlt sich sofort wohl – oder eben nicht. Hast du bei deinen Gesprächen auch auf solche sozialen Faktoren geachtet?

Genau das hat mich eher in die Agenturrichtung gebracht. In dem Gespräch für meinen jetzigen Job habe ich gemerkt, wie sympathisch das Team ist und wie gut sie sich auch untereinander verstehen. Im Gespräch und beim Agenturrundgang habe ich gleich gemerkt, dass die Teamstrukturen sehr freundlich sind und das hat mich dazu bewegt, in Richtung Agentur zu gehen.

Wie hast du deine ersten Wochen erlebt? Welche Sorgen hattest du?

In den ersten Wochen überlegt man sich ja so einiges: Kommt man mit den Aufgaben klar? Findet man sich im Team gut ein? Da war ich schon nervös. In meiner Agentur gibt es viele Mitarbeiter, so ungefähr 130. Da muss man schauen, wie die Strukturen sind, wie alles abläuft, wann die Mittagspause ist und so weiter. Ich habe aber relativ schnell festgestellt, dass ich mich beim Bewerbungsgespräch nicht getäuscht hatte: Schon am Ende des ersten Tages hatte ich das Gefühl, dass ich gut ins Team passe. Und da ich schon einige Praktika im Marketing- und Kommunikationsbereich gemacht hatte, war ich auch nicht überfordert.

TK TIPP: Sprechen hilft!

Lioba ist eine von vielen Berufsanfänger*innen, die sich fragt, wie man sich im neuen Job einfindet. Diplom-Psychologe und Autor Jürgen Hesse von Hesse/Schrader erklärt, dass Sorgen vor dem Jobstart völlig normal sind: „Je eher man bereit ist, sich damit auseinanderzusetzen, desto besser gelingt es einem. Man muss sich fragen, welche Ängste man konkret hat und mit wem man offen darüber sprechen kann. Ängste bauen sich durch Sprechen und Austausch ziemlich gut ab. Leider haben viele Betroffene Angst davor und trauen sich nicht, aber: Sprechen kann helfen.“

Waren deine Kolleg*innen gute Ansprechpartner*innen?

Auf jeden Fall! Ich habe nicht nur meinen Vorgesetzten als Ansprechpartner, sondern auch jemanden aus dem Team, der für die fachlichen Angelegenheiten zuständig ist. Zusätzlich habe ich noch eine Patin, die aus einem ganz anderen Bereich kommt. Sie ist eher für die sozialen Belange da und erklärt mir, wie alles in der Agentur abläuft. Da fühle ich mich gut aufgehoben. Die Kommunikationskultur ist sehr offen, das nimmt einem natürlich auch den Druck.

TK TIPP: Sei aktiv, optimistisch und motiviert!

Gerade die ersten Tage im neuen Job sind wichtig: Man lernt das neue Umfeld kennen und wird mit den Aufgaben bekannt gemacht. Jürgen Hesse erklärt, dass es gut ist, auf Personen in der (Arbeits-)Umgebung aktiv zuzugehen: „Am besten man stellt sich kurz vor und bleibt optimistisch sowie motiviert. Wenn man verdeutlicht, dass man sich freut, da zu sein und etwas Neues zu lernen, kommt das gut an.“

Du studierst neben deinem Job ja noch an der Fernhochschule, wieso?

Ich habe in meinem Masterstudium einige Wirtschaftsmodule gehabt und festgestellt, dass mich das Thema sehr reizt. Zudem sind die Themen auch in meinem Job wichtig. Sachen wie Online-Recht, Cloud Computing oder IT-Sicherheit setzen wir auch für unsere Kunden um. Da bringt mir mein zusätzliches Wissen also auch was.

Ich erhoffe mir auch, beruflich besser aufgestellt zu sein. Gerade Jobs in der Kommunikationsbranche sind nicht besonders sicher, weil sich der Bereich ständig verändert. Wenn man da Skills mitbringt, die vielleicht andere nicht haben, erleichtert das natürlich auch den Berufseinstieg. Die meisten, die mit mir studiert haben, haben länger als zwei Monate für die Jobsuche gebraucht. Wenn man nur Geisteswissenschaften studiert, wird man nach der Uni nicht gerade von den Firmen abgeworben.

Wenn man da Skills mitbringt, die vielleicht andere nicht haben, erleichtert das natürlich auch den Berufseinstieg.

Lioba

TK TIPP: Du musst nicht perfekt sein!

Lioba ist sehr ambitioniert und befürchtet, mit ihrem Studium der Geisteswissenschaften nicht ausreichend ausgebildet zu sein. Ihr Fleiß ist löblich, aber ein zu großes Streben nach Perfektion ist ungesund. Auch die Diplom-Pädagogin Karolin Sommer-Baum wirft wichtige Fragen auf: „Ganzheitlichkeit ist besser als Perfektion, denn besser geht es immer. Aber wie perfekt tut mir gut? Was brauche ich überhaupt? Erst mal sollte man wissen, was Balance für einen persönlich bedeutet. Dann sollte man Wege finden, für das eigene Gleichgewicht zu sorgen, zum Beispiel indem man Grenzen zieht, Auszeiten nimmt und lernt, nein zu sagen.“

Warum war es für dich wichtig, dass du in der Regelstudienzeit fertig wirst?

Gerade die Geisteswissenschaften werden von der Gesellschaft als nicht besonders anspruchsvoll angesehen. Den Eindruck habe ich vor allem beim Austausch mit Kommilitonen bekommen, die etwas anderes studieren. Es gibt Studiengänge, die auch viel klarer in einem bestimmten Job resultieren, zum Beispiel Jura oder Medizin. Das sind Fächer, die sehr hoch angesehen sind und da ist es gesellschaftlich akzeptierter, länger zu studieren. Ich hatte das Gefühl, wenn ich länger Anglistik studiere, könnte es schwierig werden. Dann muss ich nachher erklären, weshalb ich für so vermeintlich einfache Inhalte eines Laberfachs– wie solche Studiengänge gerne betitelt werden – so lange brauche.

Du hast also einen gesellschaftlichen Druck gespürt, so schnell fertig zu werden.

Ja, der Vergleich mit anderen Studiengängen machte mir viel Druck und Stress. Nach fünf Jahren kommt man aus dem Studium raus und hat viel mitgenommen, aber das ist gesellschaftlich nicht so angesehen. Ich hatte das Gefühl, beweisen zu müssen, dass ich damit jetzt auch etwas kann. Man macht sich eben Druck und sammelt nebenbei so viele Praktika und Erfahrungen wie möglich.

Du wolltest dem gesellschaftlichen Druck also durch mehr Arbeit entkommen?

Das war für mich der Anreiz, mich mehr damit auseinanderzusetzen. Ich wollte mich darum kümmern, dass ich in den Bereichen Kommunikation und Marketing sicher aufgestellt bin und dann im Vergleich zur Konkurrenz keine Probleme wegen meines Lebenslaufs bekomme.

Hat dich das nicht gestresst?

Am Anfang schon, aber wenn man merkt, wie viel man geschafft hat – das Auslandsstudium, das Praxissemester, die Nebenjobs -, dann merkt man, dass man ganz gut vorbereitet ist. Dennoch hat das alles kein Ende. Ich wollte das nächste Auslandsstudium machen und so weiter.  Das kann aber auch viel Spaß machen! Bei meinen Auslandsaufenthalten habe ich mich persönlich sehr weiterentwickelt. Für mich hat das einen Sinn erfüllt und war nicht nur für den Lebenslauf. Ich habe viel Selbstbewusstsein erhalten und das ist als junge Absolventin unglaublich wertvoll.

Bei meinen Auslandsaufenthalten habe ich mich persönlich sehr weiterentwickelt. Für mich hat das einen Sinn erfüllt und war nicht nur für den Lebenslauf.

Lioba

TK TIPP: Mach dir keinen Stress!

Es ist wichtig, auf sich aufzupassen und sich nicht zu überarbeiten. „Eine gewisse Planung ist bestimmt sehr hilfreich“, meint Diplom-Psychologe Jürgen Hesse von Hesse/Schrader. Dennoch ist es notwendig, sich Grenzen zu stecken und einen eigenen Weg zu finden. Oft schüchtert uns gesellschaftlicher Druck ein und wir haben immer höhere Ansprüche an uns selbst. So kann es schnell passieren, dass, wie in Liobas Fall, ein Studium dem nächsten angehängt wird und in Rekordzeit der erste Job gefunden wird. Zeit zum Innehalten und Entwickeln bleibt da nicht. Wir brauchen Raum zur Entfaltung und sollten unsere psychische und physische Gesundheit schützen.

Du gibst dich nie zufrieden und hast immer neue Projekte und diese neuen Erfahrungen geben dir viel Energie.

Ich finde es unglaublich wichtig, dass man nie auslernt und auch nicht sagt: Okay, ich habe mein Studium und ich muss nichts mehr lernen. Klar, es gibt auch Weiterbildungen, aber ich finde es auch schön, wenn man sich tiefer einarbeitet und auch mit 40, wenn man denkt, man wäre gesettlet, neuen Input bekommt.

TK TIPP: Bleib in der Balance

Lebenslanges Lernen ist wichtig und hält uns fit. Doch es ist kein Hochleistungssport und wir müssen uns nicht dauernd fordern. Karolin Sommer-Baum erklärt, worauf es ankommt: „Arbeitgeber schauen nicht nur auf Leistungen. Es ist eine wichtige persönliche und berufliche Kompetenz, die eigene Employability zu erhalten. Dazu zählt eben auch die mentale und körperliche Fitness und die kann ich nur erhalten, wenn ich in Balance bin und Grenzen setzen kann. Frage dich: Wer erwartet, dass ich perfekt, schnell, stark bin, anderen gefalle oder mich über alle Maße anstrengen muss? Welcher innere Richter ist da so streng mit mir? Leistung entsteht durch Wohlbefinden und dieses entsteht, wenn ich mich spüre und immer wieder in einen entspannten Modus komme. Dann fließen auch Ideen und Kreativität viel besser. Übrigens bleibt dann auch der Spaß an der Sache länger lebendig.“

Die Techniker Krankenkasse und ze.tt stellen euch an dieser Stelle in den nächsten Wochen zehn Protagonist*innen vor, die ihren ersten Job nach der Uni angefangen und ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben. Wir begleiten sie bei ihren ersten 100 Tagen im Job und finden heraus, wie das so für sie war, plötzlich im Arbeitsleben zu stecken. Auf der deutschlandweiten Veranstaltungsreihe Die ersten 100 Tage im Job könnt ihr unsere Protagonist*innen auch persönlich treffen. Termine und Anmeldung unter www.zeit.de/100tage. Wollt ihr mehr zur Aktion erfahren? Dann schaut hier rein!