Kooperation Was ist das?

#herstory: Jessica ist die Gewinnerin unseres Schreibwettbewerbs zum Frauentag

Zum Frauentag hatten Sweek und ze.tt euch aufgerufen, uns eure starken Frauengeschichten zu senden. Gewonnen hat die  23-jährige Mathematikstudentin Jessica Hoffmann mit ihrer Geschichte Die richtigen Worte. Wir gratulieren! Jessicas ganzen Text könnt ihr hier nachlesen.

schreiben sweek gewinn frauentag

Zu viele Geschichten von Frauen bleiben unerzählt. Dabei können gerade sie uns inspirieren. © Rawpixel

Die richtigen Worte

Es ist der säuerliche Geruch billigen Filterkaffees, der dich dazu zwingt, von deinen Notizen aufzusehen. Du reißt dir die In-Ears aus den Ohren – Sting setzt passenderweise gerade zu Every Breath You Take an – , als er sich neben dir auf den Stuhl fallen lässt. Kurz darauf liegt seine Hand auch schon auf deinem  Oberschenkel und du verfluchst dich dafür, dich diesen Morgen nicht in der Bibliothek verschanzt zu haben. Du hättest wissen müssen, dass er die Cafeteria
aufsuchen würde.

Du schiebst seine Hand fort, rückst deinen Stuhl ein Stück zur Seite. Am liebsten würdest du die grinsende Fassade von seinem Gesicht reißen

und für alle Welt freilegen, was sich wirklich hinter ihr verbirgt. Es ist schwer, die richtigen Worte zu finden. Vielleicht existieren sie auch gar nicht. Vielleicht bist du auf ewig dazu verdammt, nur an der Oberfläche deines Inneren zu kratzen. Niemals tief genug vordringen zu können, um mehr als ein blasses Abbild deines Innenlebens hervorholen und auf die Leinwand malen zu können, die du den Menschen in deinem Leben zeigen möchtest. Vielleicht kannst du dich ihnen niemals so offenbaren, wie du es am liebsten tätest.

Aber du möchtest es versuchen.

Möchtest ihnen zeigen, wie schwer es ist, jemandem aus dem Weg gehen zu wollen, den du einst zu deinen Freunden gezählt hast. Wie es ist, dass eure Füße euch dieselben Gänge entlangtragen. Dass ihr dieselbe Luft atmet. Denselben Menschen in die Augen seht und mit ihnen lacht.

Wie es ist, im Spiel deines eigenen Lebens auf die Ersatzbank gedrängt worden zu sein und nur stumm dabei zusehen zu können, wie andere – wie er – darin zu gewinnen gelernt haben. Wie du glaubst – manchmal sogar hoffst – an den Worten ersticken zu müssen, die sich immer und immer wieder zwischen deinen Zähnen hindurchgezwungen haben, bis sie es eines Tages leid gewesen sind, jedes Mal aufs Neue ungehört vom Wind davongetragen zu werden.

Wie dein „Nein“ deinen Mitmenschen nur ein Lachen entlockt. Wie dein „Hör auf!“ seine Bedeutung verloren zu haben scheint.

Wie Freunde dich fragen, ob ihr endlich zusammen seid und dir die Kraft fehlt, ihnen mit mehr als einem fassungslosen Blick zu antworten.

Wie er dieselbe Bahn wie du nimmt – Warum bist du nicht früher gefahren? Warum nicht später? Du kennst die Zeiten doch, weißt mit welcher Bahn er fährt! – und andere Fahrgäste nur schauen, starren oder starr über ihren Smartphones verharren. Wie sie verschämt wegsehen, kichern oder ihr Schweigen stärker in deinen Ohren dröhnt, als der verhasste Klang von Blurred Lines oder Wiggle aus ihren viel zu lauten iPods es je könnte.

„Hast du Samstag Zeit?“, schreibt er, als du dich zu Hause in Sicherheit glaubst. Du hast die Heizung aufgedreht und dich in die Umarmung deines Patchworkquilts geflüchtet. „Muss lernen“, antwortest du.“

„Musst du immer.“ Trauriger Smiley. „Komm schon!“ „Kann nicht.“ Du stellst das Handy auf stumm. Sperrst es in die Schublade deines Schreibtisches. Du bist dir nicht sicher, warum du überhaupt sofort zurückgeschrieben hast. Warum du nicht einfach bis morgen abgewartet hast, bis übermorgen, bis irgendwann, wenn ihr euch gegenübersteht und du ihn nicht mehr länger ignorieren kannst. Du hättest mit den Schultern gezuckt, ein leises „Ups“ von dir gegeben, wenn er dich gefragt hätte, warum er nichts von dir gehört hat. Er hätte versucht, seinen Arm um deine Schultern zu legen. Du hättest dich wie zufällig weggedreht, hättest euren Freunden wahrscheinlich dabei zusehen müssen, wie sie euch unter einem Vorwand alleine gelassen hätten – wohl in dem Glauben, euch etwas Gutes zu tun, obwohl du doch bisher mit allen Mitteln versucht hast, ihnen zu zeigen, dass es nichts Schlimmeres für dich gibt.

Wenn du kannst, vermeidest du es, mit ihm alleine zu sein. Das letzte Mal, als du seinem ewigen Drängen nachgegeben hast, als ihr im Winter durch die Stadt geschlendert seid und es sich beinahe wie früher angefühlt hat – eine Zeit, bevor die Maske der Freundlichkeit und des Respekts verrutscht ist und dir sein wahres Gesicht offenbart hat – , als du den Fehler gemacht hast, dich in der Illusion der Vergangenheit zu verlieren, da sind es seine Lippen gewesen, die dich aus deiner Traumblase in die unbarmherzige Realität zurückgeholt haben.

Du hast ihn fortgestoßen. Er hat sich mit seinem verdammten Grinsen verabschiedet. Zurückgeblieben ist das Feuer, das seine Bartstoppeln auf deinem Gesicht entzündet haben. Es hat auch nachts noch gebrannt, lange nachdem du es mit deinen Tränen zu löschen versucht hast.

Es ist schwer, die richtigen Worte zu finden, trotz oder gerade weil du dir der Macht der falschen doch zu sehr bewusst bist.“

Wenn jedes „Hab dich doch nicht so“, „Es war doch nur Spaß“ und „Stell dich nicht so an“ den Schorf von den Wunden deiner Seele kratzt.

Wenn du dich endlich in der Lage siehst, zwei, vielleicht sogar drei Schritte nach vorn zu gehen und alles hinter dir zu lassen, aber von jedem „Ist doch alles ganz harmlos“ und „Sensibelchen“ zehn oder zwanzig zurückgeworfen wirst. Dann füllen sich deine Gedankenspeicher mit Vorwürfen und Zweifeln, bis auch du die Schuld bei dir selbst suchst. Und schließlich hinterfragst du es noch nicht einmal mehr, dass du ausgelaugt und blutend dastehst und kein Pflaster der Welt groß genug ist, um die Blutung stillen zu können.

Als er schließlich umziehen muss, ist es, als würdest du aus einem Albtraum erwachen. Du bist desorientiert, bist über dich selbst erschrocken, als du dem roten Faden für einen kurzen Moment nachtrauerst, den seine abstoßenden Berührungen und unerträglichen Sprüche durch dein Leben gezogen haben.

Es dauert Wochen, bis du ihn nicht mehr in jedem Gang vermutest. Bis der bleierne Umhang, der über deinem Gemüt gelegen hat, von dir fällt. Bis sich dein Körper nicht mehr beim Geruch billigen Filterkaffees anspannt und du endlich wieder ehrlich lachen kannst.“

Du weißt nicht, ob deine Freunde deine Veränderung bemerken. Falls ja, so sprechen sie dich nicht darauf an. Sie fragen dich nur ein einziges Mal nach ihm.

Du wechselst das Thema.

Er schreibt dir Mails, die du nicht beantwortest. Die du nicht einmal öffnest, befürchtest du doch, dass die Worte darin deine langsam verheilenden Wunden wieder aufreißen könnten.

Du kennst dich selbst, deine verräterische Neugier, die flüsternde Stimme in deinem Kopf, die wissen möchte, was er dir zu sagen hat. Als die Versuchung zu groß wird, löschst du die Mails und blockst seine Adresse.

Es ist besser so.

Du schließt sämtliche Gedanken und Erinnerungen an ihn in einen dunklen Raum und wirfst den Schlüssel fort. Es vergehen Jahre, in denen sich Staub über deine Fußabdrücke legt und du dir selbst vormachst, den Weg dorthin nicht mehr wiederfinden zu können.

Bis #MeToo die sorgsam errichteten Mauern plötzlich niederreißt. Du schließt die Augen, setzt dir Kopfhörer auf, drehst die Musik so laut auf, wie du kannst.“

Hasst dich selbst dafür, wie schwach du dich auf einmal fühlst. Bewunderst diejenigen, die so viel Schlimmeres durchgemacht und sich davon nicht haben unterkriegen lassen. Erkennst das Echo der Worte wieder, die dich selbst einst tief verletzt haben und bist entsetzt darüber, wie weit ihr Gift in dich eingedrungen ist.

Es ist schwer, die richtigen Worte zu finden, wenn es so viel einfacher ist zu schweigen.

Du bist nicht das, was man sich für gewöhnlich unter einer starken Frau vorstellt. Aber was bedeutet dieses Wort schon, Stärke? Wenn es nach dem Duden geht, verbergen sich dahinter Kraft und Macht, „das Vorhandensein besonderer Fähigkeiten“. Dinge, die du stets bei anderen, nie aber bei dir selbst gesehen hast.

Du bist einfach du.

Vielleicht braucht es gar nicht die richtigen Worte. Vielleicht gibt es sie nicht. Vielleicht reicht es einfach, deine Geschichte zu erzählen, so gut du kannst. Und vielleicht hört dir sogar jemand zu.

Schreibwettbewerb

Noch immer bleiben zu viele Geschichten unerzählt. Vor allem von Frauen. Jessica hat sich ein Herz gefasst und sich ernst und ehrlich über ein sehr persönliches Ereignis geäußert, das sie im Zuge der #metoo-Debatte nicht mehr länger verdrängen konnte. Ihre Worte sind schnörkellos und klar. Ebenso wie die Botschaft des Textes, der hier auch als Zeitzeugnis steht. Denn Jessicas Text wäre ohne die sich überschlagenden Ereignisse des letzten Jahres so nicht entstanden. Er ist auch dem Mut anderer Frauen zu verdanken und inspiriert hier auf ze.tt vielleicht weitere, sich Gedanken über Gewalt zu machen. Darum ist Die richtigen Worte unser Siegertext.

Mehr Informationen zum Wettbewerb und zu Sweek findet ihr hier.