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Was dieser Bausatz mit Selbstfindung zu tun hat

Plattenbau ist in, meint Julia Heinemann. Sie ist Architektin in Thüringen und beweist uns mit ihrem Bausatz wie man Ästhetik lernen und sich dabei auch noch selbst finden kann.

Plattenbau Bausatz Würfel

Der "Plattenbau" besteht aus 25 Einzelteilen, die sich zu einem Würfel zusammenfügen. Foto: Julia Heinemann

Glaubt man der Thüringer Architektin Julia Heinemann, dann ist Plattenbau alles andere als langweilig. Sie erfand einen Bausatz mit demselben Namen und verfolgt damit eine Mission, nämlich Bildung und Kreativität zugleich zu fördern.

Ihr „Plattenbau“ ist ein Holzwürfel, der aus 25 Einzelteilen besteht. Alle Teile des Bausatzes basieren auf dem kleinsten Würfel mit einer Kantenlänge von genau 2 Zentimetern. Dieser bildet die Bezugsgröße für alle weiteren Teile – jede weitere Platte ist ein Vielfaches dieses Würfels. So ist dieser Plattenbau ein perfektes Mittel, an dem Julia ästhetische Grundprinzipien erklären kann, die mehr mit Selbstfindung und Digitalisierung zu tun haben, als man denkt. Wir haben mit ihr im Interview gesprochen.

Wie kamst du auf den Bausatz?

Das ist durch Zufall passiert. Ich habe in einem Architektenbüro gearbeitet, wo ich vor allem Einfamilienhäuser geplant habe. Eines Abends beim Aufräumen in der Holzwerkstatt, habe ich mich gefragt, wie man die Sägeabfälle und Reststücke noch verwerten kann und bin dann auf dieses Maßsystem gekommen. Dieser Bausatz hat mir damals schon bei Bauherrengesprächen geholfen, wo es darum ging, Menschen ihre Wünsche und Möglichkeiten mit einem Raumsystem zu erklären.

Der Bausatz ist ein Sinnbild für das modulare Bauen, das man der Großtafelbauweise, umgangssprachlich auch Plattenbau genannt, kennt. Durch die, in meinem System variierenden Größen der Plattenelemente, werden unwahrscheinlich viele Raumgestaltungen möglich. Allerdings habe ich meinen Bausatz um verschieden große Elemente erweitert, die alle auf eine gemeinsame Bezugsgröße abgestimmt sind. So wollte ich eine noch größere Flexibilität generieren, weil so noch individuellere Raumkonzepte erzeugt werden können.

Wolltest du den Begriff Plattenbau mit deinem Bausatz auch aufwerten?

Mir ist bewusst, dass der Begriff „Plattenbau“ negativ konnotiert ist und der Bausatz spielt mit dieser Negativbesetzung. Denn wenn man sich näher damit auseinandersetzt, dann merkt man schnell, dass Plattenbau nichts Negatives, sondern sogar etwas Innovatives ist. Schließlich hat die Platte vielen Menschen geholfen und zwar nicht nur im Ostdeutschland, wie viele Menschen glauben, sondern in ganz Europa. Die Neubaugebiete aus den 50er und 60er Jahren, die auf das Bauhaus zurückgehen, haben in sehr kurzer Zeit eine große Wohnungsnot behoben.

Ich denke, bald wird sich wieder ins Bewusstsein drängen, dass diese Bauform nicht abfällig behandelt werden sollte. Dabei ist die Platte ökonomisch und ökologisch fortschrittlicher als beispielsweise das Einfamilienhaus.

Architektonisches Design kann man mit dem Komponieren eines Musikstückes vergleichen.

Heute setzt du den Bausatz auch bei Kindern ein. Was könnten Sie beim Spiel damit lernen?

Beim Spielen mit dem Bausatz lernen sie, dass der ästhetischen Kreation keine Grenzen gesetzt sind. Architektonisches Design kann man mit dem Komponieren eines Musikstückes vergleichen. Die Platten folgen einem bestimmten Takt, während die Räume die Pausen sind. Das ist ein Konzept, das ich in einem abstrakten geometrischen Prinzip dargestellt habe. So erlernen sie Sensomotorik, räumliches Vorstellungsvermögen als auch physikalische und mathematische Wirkzusammenhänge.

Heute wachsen Kinder mit der Digitalisierung auf und besitzen sogar eigene Tablets. Kann man ästhetische Raumkonzepte nur durch ein haptisches Spielzeug erlernen?

Ich sehe die Digitalisierung nicht per se als gefährlich oder schwierig, denn es kommt darauf an, wie man damit umgeht. Aber man kann wichtige Entwicklungsschritte in der Kindheit nicht übergehen, denn es braucht einfach die physischen, taktilen oder sensomotorischen Reize in diesen bestimmten Entwicklungsstufen, weil sich nur so bestimmte Hirnregionen entfalten. Wenn man die Schritte überspringt, dann hat man später kein räumliches Vorstellungsvermögen und kann auf keinen Erfahrungsschatz zurückgreifen. Da hilft auch kein Tablet, wenn man nicht gelernt hat, wie sich eine bestimmte Sache anfühlt oder im Raumgefüge wahrgenommen wird. Ich kann etwas geistig nur verstehen, wenn ich es zuvor mit meiner Körperlichkeit begriffen habe.

Inwiefern regt der Bausatz die Kreativität an?

Eine Platte kann im Spiel als Tiefgarage, als Auto, als ein Stück Kuchen, als Wand oder als Tier gesehen werden. Indem das Kind spielt, nutzt es eine Platte stellvertretend für verschiedene Personen oder Gegenstände. Alle anderen Kinder können diesen Gedankengang im Spiel mitgehen. Das nennt man dann Vorstellungsvermögen, wenn aus etwas Abstraktem eine neue Wirklichkeit entsteht. Andersherum bildet es die Grundlage zum Abstraktionsvermögen. Nicht nur in einer digitalen Welt braucht man später diese Fähigkeit, damit man bei der Organisation der Informationsflut selbst aktiv werden und Sachverhalte objektiv in seiner Vorstellung aufbauen und in Beziehung zueinander setzen kann.

Ist der Bausatz also nur etwas für Kinder?

Keineswegs. Er ist etwas für alle Entwicklungsstufen. Man fängt als kleines Kind an und macht verschiedene Erfahrungen. Wenn man im nächsten Schritt angelangt ist, baut man darauf auf. So kann man zum Beispiel aufbauend auf der Untersuchung von Größenverhältnissen ein mathematisches Verständnis entwickeln.

Ich nutze den Bausatz auch bei meiner Ausbildungsarbeit mit angehenden Architekten und Architektinnen, wenn es um Darstellungslehre, Entwurfentwicklung oder Raumtheorien geht. Gerade für Erstsemester ist das physisch greifbare und anschauliche gut, um ein Raumverständnis im Bezug auf eine innewohnende Gesetzmäßigkeit zu entwickeln. Mein Weg geht über das Modell zum Papier und nicht andersherum. So bildet man das Übertragen von einem in das nächste Medium aus.

Erkenne, wer du im Kern deines Wesens bist, und dann werde es.

Könnte man die Lehren aus dem Bausatz auch auf das reale Bauen übertragen?

Mit dem Grundmaß des Würfels und den verschiedenen Plattengrößen kann man sehr individuell auf verschiedene Raumbedürfnisse und Ortsbedürfnisse eingehen. Das ist etwas, das mit der herkömmlichen Großtafelbauweise, die wir von den Plattenbaugebieten kennen, nicht umgesetzt werden konnte. Denn obwohl das Modell Platte damals noch viel mehr Potenzial hatte, hat man es nicht weiterentwickelt, weil man eben schnell Wohnraum generieren musste.

Wenn man wie bei dem Bausatz arbeiten würde, hätte man viel mehr Flexibilität im Bauen. Die Teile könnten in der Fabrik vorgefertigt und dann auf der Baustelle modular zusammengesetzt werden. Das Besondere ist die gestalterische Variabilität und die Möglichkeit, auf unterschiedlichste Bedürfnisse und differenzierte Umgebungen reagieren zu können.

Wie hast du als Designer*in deinen eigenen Stil gefunden?

Für mich ist die Einsicht in die Notwendigkeit wichtiger als ein persönlicher Stil. Manche Architekten und Architektinnen kreieren eine Marke, und entwerfen und bauen Gebäude, auch wenn sie nicht unbedingt in die Umgebung passen. Diese Leute sind allerdings nicht meine Idole.

Der Philosoph Pindar sagte: „Erkenne, wer du im Kern deines Wesens bist, und dann werde es.“ Man sollte im Sinne der eigenen Persönlichkeit handeln. Sinnvolle Fragen sind: Was will ich? Was ist meine Absicht? Was ist die Absicht einer Gesellschaft? Und dementsprechend kann man ein Objekt planen. Man hat also ein anderes Ziel als das, maximalen Gewinn zu schlagen.

Du findest also, man sollte der Gesellschaft auch etwas zurückgeben. Bist du deswegen auch nach Abschluss deines Studiums noch ein Lehramtsstudium angetreten?

So richtig bewusst war diese Entscheidung damals gar nicht. Ein Freund war gerade in seinem Referendariat und zeigte mir, dass Architekturvermittlung im Lehrplan ist, aber nicht ausreichend in der Lehrerausbildung thematisiert wird. Zusammen haben wir dann Unterrichtskonzepte entwickelt, unter anderem auch mit „Plattenbau“. Das kam so gut an, dass mir die Idee kam, nochmal ins Lehramtsstudium zu gehen und im Bereich Architekturvermittlung meinen Beitrag zu leisten. Ich finde es sehr wichtig, dass mehr für die ästhetische Bildung getan wird.

Was rätst du Studierenden, die ebenso mehrere Berufswege einschlagen möchten?

Jedem jungen Menschen würde ich das vorhin erwähnte Zitat von Pindar mitgeben. Wir leben in einer Welt, die so divers und rasant ist, dass wir gar nicht wissen, wie wir uns vorbereiten sollen. Es ist wichtig, einen klaren Verstand zu entwickeln, sich nicht manipulieren zu lassen und eine gewisse Haltung der Welt und sich selbst gegenüber anzueignen. Man sollte viel reisen, sich Kulturen anschauen und nicht das Sicherheitsdenken in den Vordergrund rücken. So entwickelt man eine Persönlichkeit und steht mit beiden Beinen im Leben.

Auch wenn man fünf verschiedene Berufe hat, kann man sich in allen Feldern wiederfinden. Ich kann mir außerdem ohnehin nicht vorstellen, dass man nur in einem Berufsfeld arbeitet. Vor allem sollte man das machen, wofür man sich wirklich begeistert, dann lernt man es auch.

Könnte man den Bausatz „Plattenbau“ sogar als Metapher für Selbstfindung verstehen?

Durchaus. Er hat den kleinsten gemeinsamen Nenner, breitet sich in alle drei Raumachsen über die Plattengrößen aus und kann ins Unendliche weitergedacht werden. Er verkörpert zugleich Makro- als auch Mikrokosmos, weil der kleine Würfel wiederum zerlegt werden könnte. Das ist eine Vorstellung von Ganzheitlichkeit, die niemand erreichen kann, aber es gibt Teilbereiche, die man herausnehmen und als Kompetenzfeld zusammensetzen kann. Und je mehr hinzukommt, um so größer wird der Spiel- und Aktionsraum, sowohl gedanklich als auch beruflich.

Wenn ihr nach Kreativität und Innovation sucht, dann werft mal einen Blick nach Thüringen. Julia Heinemann ist eine von vielen Kreativen dort. Was sie außer dem „Plattenbau“ noch kreiert, erfahrt ihr auf ihrer Website.