Kooperation Was ist das?

Brauchen wir eine Frauenquote für Festival-Line-ups?

Frauen sind auf Festivals noch immer unterrepräsentiert. Die Ursachen sind komplex. Wir sprechen mit Festival-Bookerin Julia Gudzent über Genderblindheit und Rollenklischees.

Melt Festival Frauen Repräsentation

Frauen sind auf Festivals unterrepräsentiert. Aber nicht mehr lange. Foto: Unsplash

Wieder einmal beginnt der Festivalsommer. Das heißt Roadtrip mit Freund*innen, kurze Nächte in heißen Zelten, Tanzen unter freiem Himmel und gemeinsam auf der Wiese liegen und zu Elektrobeats genüsslich katern. Herrlich.

Doch während sich auf den Tanzflächen und Wiesen eine bunt gemischte Meute versammelt, toben sich auf den Bühnen vieler deutscher Festivals noch immer mehrheitlich Gruppen weißer Männer an ihren Instrumenten oder DJ-Pults aus. Von Frauen fehlt meist jede Spur. Sie sind vielerorts absolut unterrepräsentiert. Mancherorts wird sogar schon der Ruf nach einer Frauenquote für Festivals laut.

Booker*innen dürfen nicht genderblind sein

Viele Festival-Booker*innen weisen jeden Vorwurf von sich und berufen sich auf ihre Genderblindheit, wenn es ums Buchen von Künstler*innen geht – denn es soll ja schließlich aufs Talent und nicht aufs Geschlecht ankommen. Dieser Gedanke ist nett gemeint, er resultiert allerdings auch oft in der Reproduktion alter Muster. Gebucht wird, wen man kennt und wer sich gut verkauft, und das sind in den meisten Fällen nun einmal bekannte männliche Musiker oder Bands.

In der Folge sind nicht nur Frauen unterrepräsentiert, oft mangelt es in den Line-ups auch an LGBTQI*-Musiker*innen und People of Color.

Dass Musik von Frauen sich nicht gut verkaufen würde, ist dabei aber natürlich ein Trugschluss. Denn es gibt genügend Beispiele für sehr erfolgreiche Künstlerinnen, die jede Menge Fans haben. Und zwar in jedem Genre. Man denke nur an Beyonce oder Grimes, Ace Tee oder M.I.A. Und das wissen Festival-Booker*innen doch schließlich auch. Woran liegt es aber dann, dass die Line-ups der Festivals so unausgeglichen sind? Und wie kann man mehr Frauen in die Line-ups der großen deutschen Festivals bringen?

Als wir Kinder waren, hat mein Bruder eine Gitarre in die Hand gekriegt und ich eine Blockflöte.“

Julia Gudzent, die als Festival-Bookerin für das Melt Festival in Ferropolis bei Gräfenhainichen arbeitet, sieht das Problem in der sozialen Prägung in unserer Gesellschaft, die Mädchen lange nicht genug gefördert hat. „Ich bin jetzt Mitte dreißig. Als wir Kinder waren, hat mein Bruder eine Gitarre in die Hand gekriegt und ich eine Blockflöte. Mein Bruder hat immer weiter Gitarre gespielt, auch in Bands. Heute ist er Produzent. Aber mal ganz ehrlich: Wer spielt schon sein Leben lang Blockflöte?“

Julias Anekdote ist sicher kein Einzelfall. Vielen Mädchen ist Musik einfach nicht als Hobby nähergebracht worden. Und wenn doch, dann nicht unbedingt mit den Instrumenten, die sich später für eine Karriere in der Rock- oder Popmusik eignen.

Schrammelnde Frauen mussten erst salonfähig werden

Dass die gängigen Rollenbilder von früher sich heute noch immer auf die Zusammensetzung Line-ups auf Festivals auswirken, kann man deutlich sehen. Zu lange galt es als irgendwie unweiblich, auf Gitarren zu schrammeln oder aufs Schlagzeug einzuhauen. Auch Julia kann für das Melt nicht so viele Frauen buchen, wie sie gern würde.

Die Bookerin sieht die Ursache im derzeit noch sehr begrenzten Künstler*innen-Pool: „Nicht jeder Künstler, den man gern hätte, ist gerade auf Tour oder hat an dem Festival-Wochenende noch Zeit. Mit vielen kommt man auch preislich nicht zusammen. Sodass man eigentlich für jeden Slot noch Alternative B, C, manchmal sogar D am Start haben muss.“

Um garantieren zu können, dass ein bestimmter Slot wirklich von einer Künstlerin belegt werden kann, bräuchte man also mehrere weibliche Back-ups. Und die gibt es leider in Deutschland derzeit nicht.

Meine jüngeren Kolleginnen sehen das Problem schon gar nicht mehr. Für sie ist das Musikbusiness heute schon absolut gemischt.“

Wird das Musikbusiness also weiterhin eine Männerdomäne bleiben? „Nicht mehr lang“, sagt Julia, die in ihrem Job täglich mitbekommt, wie sich die Szene langsam wandelt und wie die awareness für das Thema steigt. „Es gibt mehr und mehr Frauen, die sich ins Musikbusiness einbringen“ – Künstler*innen, Booker*innen, Produzent*innen, Musikredakteur*innen, aber auch immer mehr Frauen, die auf den Festivals selbst arbeiten und so die alten Klischees aufbrechen. Julia ist optimistisch: „Meine jüngeren Kolleginnen sehen das Problem schon gar nicht mehr. Für sie ist das Musikbusiness heute schon absolut gemischt.“

Repräsentation ist wichtig – Festival ist auch ein Sehen und Gesehenwerden

Vielleicht wird sich diese Wahrnehmung auch bald schon in den Festivalstatistiken niederschlagen. In diesem Jahr machen Künstlerinnen und Bands mit Frauenanteil immerhin 30 Prozent des Line-ups auf dem Melt Festival aus. Bei den DJs kommen sie sogar auf eine ausgeglichene Quote von 50 zu 50. Und bei den Headliner*innen wartet das Melt mit einigen großen weiblichen Namen auf: Florence and the Machine und The XX kommen vorbei, aber auch Fever Ray, Nina Kraviz, Hundreds oder Ellen Alien lassen sich im ehemaligen Braunkohlegebiet blicken, um den Besucher*innen so richtig einzuheizen.

Julia freut sich darüber, denn es ist auch ein wenig ihr Verdienst: „Wir nehmen bewusst auch jüngere Künstlerinnen ins Line-up, um sie so zu fördern und ihnen beim Karrierestart zu helfen.“ Nachwuchstalente wie DJ Resom oder Rapperin Coely können so ihre Bekanntheit steigern und zugleich Vorbilder für eine nachwachsende Generation junger Musiker*innen sein.

Denn Repräsentation in der Kunst- und Kulturszene ist nun einmal wichtig. Und die Festivals in Deutschland können einiges dafür tun, dass sich alle mitgenommen fühlen. Nämlich indem sie ihre Kriterien anpassen, was in ihren Augen ein gutes Line-up ist. Das Stichwort lautet Diversität: „Wir setzen uns aktiv dafür ein, dass alle möglichen Menschen auf dem Melt Festival vertreten und repräsentiert werden. Es geht uns dabei nicht nur um Frauen, sondern auch um internationale Künstler, Vertreter der LGBTQI* Community und um People of Color.“

Wer weiß, vielleicht werden so ja in diesem Sommer auf dem Melt einige Aha-Momente kreiert, die junge Frauen dazu bringen, auch zur Gitarre oder zum DJ-Set zu greifen. Wenn ihr auch mitfeiern wollt, geht das jetzt übrigens ganz einfach. ze.tt verlost in der nächsten Woche Freikarten für das Melt Festival in Ferropolis vom 13. bis 15. Juli 2018. Einfach immer schön bei ze.tt reinschauen und gucken, wo es was zu gewinnen gibt. Kleiner Tipp, wer uns auf Instagram folgt, hat gute Chancen …