Angst vor Verletzung: Warum es nichts bringt, dein Herz einzumauern

Nach gescheiterten Beziehungen ziehen sich die meisten Menschen zurück und lassen die Wunden verheilen. Was aber, wenn die Angst vor Verletzung dem Liebesglück dauerhaft im Weg steht?

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Es gibt einen Unterschied dazwischen, sich eine Zeit lang einzuigeln, um zu heilen – und dem Dornröschen-plus-Rapunzel-Prinzip. Foto: Luis Galvez / Unsplash | CC0

„Jedes Herz lässt sich nur soundso oft brechen. Irgendwann ist es in so viele Stücke zerfetzt worden und so müde, dass es einfach aufgibt“, sagt meine gute Freundin über den Rand ihres Rotweinglases hinweg und ich nicke heftig, vielleicht ein bisschen zu oft. Liebe – Liebeskummer – Verlust – Trauer – Neuanfang … Ich kenne diesen Kreislauf gut. Er kostet Kraft. Und die musst man erst mal wieder sammeln.

Es gibt jedoch einen Unterschied dazwischen, sich eine Zeit lang einzuigeln, um zu heilen – und dem Dornröschen-plus-Rapunzel-Prinzip, bei dem man sich aus Angst vor Verletzung dauerhaft selbst meterdick und meterhoch einmauert und eine stachlige Hecke pflanzt, nur um das zertrümmerte Herz zu beschützen.

Die Angst vor Verletzung lähmt das Leben

Wie lange ein gebrochenes Herz braucht, bis es sich wieder erholt hat und bereit für eine neue Liebe ist, das hänge unter anderem davon ab, wie die gescheiterte Beziehung und wie innig die emotionale Verbindung war, wie die Trennung verlaufen ist und wie oft der*diejenige vorher verletzt wurde, erklärt die Beziehungsexpertin Andrea Bräu und fügt hinzu: „Wenn einem so etwas mehrmals passiert ist, fängt es an, richtig wehzutun und man beginnt, sich selbst in Frage zu stellen.“ Auch die individuelle Resilienz, die psychische Widerstandskraft eines Menschen, spiele eine Rolle.

Wer sich aus Angst vor Verletzung von allen möglichen romantischen Verwicklungen fernhält, entfernt sich oft automatisch auch ein Stück weit von der Lebensfreude insgesamt. „Diese Menschen fühlen sich irgendwann so frustriert, dass sie sich komplett zurückziehen; sie sind einfach nicht mehr in der Lage, noch eine weitere Enttäuschung einzustecken“, sagt Andrea Bräu. „Die Frustrationstoleranz ist erreicht, nichts geht mehr.“

Was ist der wahre Grund fürs Alleinsein?

Das Problem dabei: Auf Dauer drohen Einsamkeit und emotionale Erstarrung. „Man nimmt nicht mehr am Leben teil, die Lebendigkeit leidet“, sagt auch Andrea Bräu. Und das passiert meist schleichend und unbewusst. Niemand auf der Welt kann einen schließlich so meisterhaft manipulieren und sabotieren wie man sich selbst. Keine Beziehung, kein Dating, keine Flirts, kaum noch Ausgehen, immer weniger Sozialleben … Alles im Namen des Selbstschutzes. Kein Schmerz, aber auch kein Spaß.

Selbstverständlich und ausdrücklich heißt das nicht, dass Lebensglück nur innerhalb einer Liebesbeziehung möglich ist. Weit gefehlt: Es gibt genug Singles, die ein erfülltes Herz und Leben führen und sich nicht nach einer Beziehung sehnen. Wichtig ist jedoch, bei sich selbst den Unterschied und die Nuancen zu spüren und zu erkennen.

Ein guter Indikator dafür ist laut Beziehungsexpertin tatsächlich die aufrichtig empfundene Lebensfreude – beziehungsweise die Abwesenheit derselben. Wenn der Alltag vorwiegend zäh, trüb, öde und belastend ist, wird es Zeit, etwas zu ändern.

Dabei kann die ehrliche Antwort auf die Frage „Warum bin ich wirklich allein – bin ich zufrieden, tut mir das gut oder habe ich im Grunde bloß Angst vor Verletzung?“ ein entscheidender Schritt auf dem Weg zur Erkenntnis sein.

Darüber hinaus sei es laut Andrea Bräu hilfreich, einen Blick auf die eigenen Anteile an der Intensität des Liebeskummers und der Aneinanderreihung von schmerzhaften Erfahrungen zu werfen. Wiederholt sich da vielleicht ein ungutes Muster, das mit professioneller Unterstützung im Rahmen von Coaching oder Therapie aufgelöst werden kann?

Ohne Mut keine Liebe

Wie immer im Leben ist natürlich die Erkenntnis das eine und die Umsetzung das andere. Doch wer an der eigenen inneren Stabilität und am Selbstwert arbeitet, geht damit schon mal in eine gute Richtung. „Lesen zum Thema und mit Freunden reden“, rät Andrea Bräu. „Raus aus der Opferhaltung und rein ins Selbstvertrauen. Das Leben findet nicht im Elfenbeinturm statt.“

Denn wer sich aus Angst vor Verletzung dauerhaft einmauert, dem*der kann zwar nicht weh getan werden – doch der*diejenige verzichtet auch auf einen ganzen Kosmos von Erfahrungen, die zum Menschsein dazugehören. Beziehungen bergen immer ein gewisses Risiko, eine Glücksgarantie gibt es nie. Oder worauf meine gute Freundin und ich schließlich mit dem restlichen Rotwein anstoßen: „Ohne Mut keine Liebe!“