„Der Hass radikalisiert mich“: Wie Margarete Stokowski für das Ende des Patriarchats schreibt

Das zweite Buch der Autorin Margarete Stokowski vereint ihre gesellschaftskritischen Kolumnen der vergangenen sieben Jahre. Sie verfolgt darin vor allem ein Ziel: die feministische Revolution. Und wir sind schon mittendrin. Ein Gespräch

Margarete Stokowski: "Der Hass radikalisiert mich." Foto: © Rosanna Graf

„Gute Zeiten, um nicht nur den Zerfall des Patriarchats zu beobachten, sondern auch sein letztes Aufbäumen“, schreibt Margarete Stokowski im Vorwort ihres neuen Buches. Die letzten Tage des Patriarchats beinhaltet ihre gesammelten Kolumnen und Essays der vergangenen sieben Jahre, in denen sie sich mit gesellschaftlichen Umbrüchen beschäftigt. Beziehungsweise mit dem Umbruch, der feministischen Revolution. „Wir sind ja mittendrin“, sagt sie und lächelt. Denn das, was kommt, wird gut, davon ist sie überzeugt. Am Erscheinungstag ihres Buches treffen wir uns in einem Café in Berlin-Kreuzberg. „Ich bin etwas müde, bitte gib mir ein bisschen Raum zum Denken“, sagt Margarete Stokowski und genau das ist es, was im Gespräch mit der 32-jährigen Autorin entsteht: Ein Raum zum Denken.

ze.tt: Margarete, Die letzten Tage des Patriarchats – wie fühlen sie sich an, diese letzten Tage?

Margarete Stokowski: Anstrengend, aber auch schön. Den Titel habe ich mir erst mal als Witz überlegt. Er war eine spontane Idee. Als ich die Texte durchgesehen habe, habe ich gemerkt: Der Titel trifft es ganz genau. Es geht immer wieder um ein System, das dabei ist, sich zu verabschieden – aber nicht ohne Geschrei. Wir erleben den Zerfall einer sehr alten Gesellschaftsstruktur.

Und die zerfällt einfach so?

Natürlich nicht, einige Leute kämpfen dafür, dass sie zerfällt, und andere Leute kämpfen dafür, dass sie bestehen bleibt. Das ist ein Konflikt, der sich sowohl in meinen feministischen Texten widerspiegelt als auch in meinen Texten zu Rechtspopulismus und auch in meinen Texten zu Kapitalismus. Es geht darum, wem die Macht gehörte und wer nun versucht, einen Anteil zu bekommen.

Hast du eine Idee, wie man Leute davon überzeugen kann, Macht abzugeben?

Man wird manche nicht überzeugen können. Feminismus hat viel damit zu tun, Leuten Dingen zu erklären. Zu erklären, dass das, wofür Feminist*innen kämpfen, am Ende für alle Geschlechter gut ist. Was aber nicht unbedingt heißt, dass es für alle Individuen gemütlich wird. Für viele ist es schon ein Lernschritt, dass es nicht nur für Frauen gut ist, wenn sich Geschlechterrollen auflösen, sondern für alle. Aber das heißt natürlich nicht, dass alle hinterher die gleichen Privilegien haben werden wie vorher. Es geht darum, etwas zu verändern.

[Außerdem auf ze.tt: Wenn Männlichkeit toxisch wird: So leiden Männer unter Geschlechterrollen]

In deinem Buch schreibst du, dass sich schon etwas verändert hat.

Ja, auf jeden Fall. Eine bestimmte Art der Weitergabe von Machtpositionen flutscht heute nicht mehr so durch wie noch vor einigen Jahren. Wenn heute ein Podium nur mit Männern besetzt ist, fällt das auf. Wenn es heute ein Foto vom Innenministerium gibt, auf dem nur alte weiße Männer in Anzügen sind, machen sich Leute darüber lustig. Es wird klar: Das ist nicht mehr zeitgemäß. Diese kleinen Momente, wenn Leute mit Lachen oder Wut auf etwas reagieren und etwas bemerken, darum geht’s. So wie diese Macht weitergegeben wird, so wollen wir das nicht mehr.

Muss man denn überhaupt alle Leute überzeugen, um die feministische Revolution zu starten?

Wir sind mittendrin in der feministischen Revolution. Die Frauenbewegung wird von Juliett Mitchell – eine Soziologin und Psychoanalytikerin – als die längste Revolution überhaupt beschrieben. Sie hat vor Jahrhunderten angefangen und wir sind noch immer mittendrin. Die, die am Ende nicht davon profitieren werden, sind in der Minderheit. Das sind Leute, die Frauen hassen; Leute, die Ungleichheit wollen; Leute, die Minderheiten unterdrücken. Dann gibt es Leute, die überzeugt davon sind, dass es in die richtige Richtung geht. Und dann gibt es eine große Anzahl von Leuten, die sich nicht sicher sind, welches die richtige Richtung ist. Menschen, die viele Unsicherheiten haben.

Welche sind das?

Das sind Leute, die sich Fragen stellen wie: Diese ganzen Gendersachen, wo bin ich dabei eigentlich? Wenn jemand mir vorwirft, sexistisch zu sein, bin ich dann durch und durch ein Sexist? Ein Großteil meiner Überzeugungsarbeit, die ich versuche zu leisten, richtet sich nicht an die, die nicht auf meiner Seite sind. Sondern vor allem an die, die im Grunde auf meiner Seite sind und unsicher sind, was das eigentlich bedeutet. Denn es geht dabei oft um Unsicherheiten, neue Freiheiten bringen ja auch neue Unsicherheiten mit sich.

Geht es dann vielleicht darum, Menschen davon zu überzeugen, Unsicherheiten wertzuschätzen?

Da gibt es ganz unterschiedliche Charaktere. Es gibt Leute, die aus Chaos leicht etwas Neues schaffen können. Und es gibt Leute, die Neues lieber abwehren, auch wenn sie merken, das Alte ist eigentlich gar nicht gut – weder für mich noch für die anderen. Das sind so Charakterzüge und natürlich kann man auch eine Mischform aus beidem sein. Aber das spiegelt sich natürlich auch im Umgang mit politischen Wandlungsprozessen und in der Auflösung von Geschlechterrollen. Es gibt Leute, die fühlen sich total unwohl, wenn sie einer Person weder die Kategorie weiblich noch die Kategorie männlich zuordnen können. Und dann gibt es welche, die sagen: Wow, was für eine coole Person.

Wie gehen wir mit den Menschen um in den letzten Tagen des Patriarchats, die das Neue abwehren?

Ich glaube, dass sich sehr viel von den Unsicherheiten durch Begegnung auflösen würde. Wenn Leute sich trauen würden, es auszuhalten. Wenn Leute das nicht als Angriff sehen würden, dass sie mit neuen Familienkonzepten konfrontiert werden. Wenn sie nicht wissen, ob jemand homo- oder heterosexuell ist – und dass es auch noch mehr gibt als diese zwei Orientierungen. Sehr vieles davon löst sich auf, wenn man die Unsicherheit einen Moment aushält und vielleicht auch mal Fragen stellt.

Wie viel Geduld hast du noch?

Ich habe ja bewusst nicht gesagt, wie viele letzte Tage das Patriarchat noch hat. (lacht) Es gibt Leute, die sagen: „Das geht uns zu schnell“ und dann gibt es Leute, die sagen: „Das geht uns zu weit“. Das ist ein wichtiger Unterschied. Ob Leute sagen, dass sie gerade nicht verstehen, was passiert, dass sie informiert werden wollen. Das ist was anderes als wenn Leute sagen, dass es ihnen zu weit geht und dass sie wieder haben wollen, was sie hatten. Mit den einen kann man gut reden, mit den anderen ist es schwieriger. Es wird am Ende immer Leute geben, die man nicht durch Offenheit oder Erklärungen überzeugen kann, Leute, die tatsächlich Feinde des Fortschritts sind. Das gilt sowohl für feministische Bewegungen als auch für den rechten Backlash, den wir gerade erleben. Es gibt also Leute, denen wir weiterhin viel erklären sollten und versuchen, sie zu erreichen. Aber dann gibt es auch Leute, die unsere Feinde sind, die gegen uns kämpfen. Ein Beispiel ist die AfD, eines der aktuellen Hauptprobleme in Deutschland.

Siehst du sie als Hauptproblem oder als Symptom?

Wirklich eher als Hauptproblem. Die AfD ist eine Institution, die Gewalt verstärkt. Sie verstärkt den Ausschluss von Leuten. Sie macht Hass lauter. Das ist nicht nur eine Abbildung von etwas, das sowieso schon da ist. Das ist auch eine extreme Neuentwicklung. Wo wir bisher dachten, wir hätten aus der Geschichte gelernt, muss ich an dieser Stelle wirklich daran zweifeln. Die Geschichte hat gezeigt, dass es nicht gereicht hat, mit rechten Leuten nur zu reden. Der Faschismus in Deutschland wurde nicht durch Argumente besiegt.

Als Reaktion auf deine Texte bekommst du Mord-, Vergewaltigungsandrohungen und viel Hass. Was macht das mit dir?

Der Hass radikalisiert mich. Wenn Leute fragen, ob er mir Angst macht: Nein, eher im Gegenteil. Manchmal ist er mir egal, manchmal macht er mich aggressiv. Eine produktive Aggressivität. Die, ich nenne sie mal „Rückmeldungen“, bestätigen mir ja die Notwendigkeit meiner Texte. Wenn ich über Gleichberechtigung schreibe und sich Leute darüber aufregen, geben sie mir damit ja recht. Sie bestätigen mir ein Problem und zeigen mir, dass mein Job noch für ein paar Jahre gesichert ist. Ich sehe dadurch, wieviel Scheiße es noch gibt und versuche es zu nutzen wie Forschungsmaterial. Ich muss nicht auf die Straße gehen und Interviews führen, die Leute schicken mir alles von alleine. Das Wissen: Es gibt echt noch viel zu tun.

Der Hass radikalisiert mich.“ – Margarete Stokowski

Wenn wir uns vorstellen, die letzten Tage des Patriarchats sind vorbei. Gibt es ein Wort für das, was dann kommt?

Einfach nur geil! (lacht) Am ehesten treffen es wohl die Worte Liebe und Anarchie. Klingt ein bisschen nach Hippie, aber egal. Wenn ich den Feminismus zu Ende denke, komme ich schnell zu dem Gedanken, dass unterschiedliche Formen von Herrschaft fallen müssen. Für mich ist das eng verknüpft mit anarchistischen Zielsetzungen, denn da geht es ja auch um die Abschaffung von Herrschaft.

Wer wird vom Ende des Patriarchats profitieren?

Zu allererst alle, die im Moment unter der nicht perfekten Vereinbarkeit von Familie und Arbeit leiden. Ich selbst habe ja keine Kinder, aber bin mir sicher, die größte Veränderung würde es im Bereich der Anerkennung unterschiedlicher Arbeitsformen geben. Das würde im Bereich Familie und Beziehungen extrem viel ändern.

[Außerdem auf ze.tt: Das Unwohlsein der modernen Mutter]

Was wirst du machen, nach dem Patriarchat?

Erst mal Urlaub, in einer Wodkabrennerei in Finnland. Wahrscheinlich wird es gar keinen Unterschied mehr geben zwischen Arbeit und Urlaub, weil Erwerbsarbeit ganz anders strukturiert sein wird. Aber es wäre allen gegönnt, sich erst mal Urlaub zu nehmen. Moment, ich habe „Finnland“ gesagt, aber ich denke, Nationalstaaten sind dann auch over. Also da, wo dann mal Finnland war. Vielleicht würde ich wieder Bücher besprechen, wie früher. Weiter Gedichte schreiben.

Es gibt also auch nach dem Patriarchat genug zu tun für Feminist*innen.

Auf jeden Fall. Es ist ein Missverständnis, dass ich ohne das Patriarchat nichts mehr zu tun hätte. Es würde vielleicht auch noch Kolumnen geben, aber sie müssten sich nicht mehr mit hässlichen Sachen beschäftigen. Sondern mit schönen. Vielleicht mal eine Whiskey-Rezension. In Anbetracht der kulturellen Möglichkeiten, die dann alle hätten, wird es genug zu besprechen geben.