Warum Verschwörungsdenken im Deutschrap so präsent ist

Sido tut es, Fler und Haftbefehl auch, Kollegah sowieso: Rapper*innen, die Antisemitismus und Verschwörungen verbreiten, gibt es zuhauf. Wie sollte man damit umgehen?

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Wenn nicht mit Rap, dann mit dem Aluhut. Screenshots: © YouTube / Bearbeitung: © ze.tt

Fler hat seit April eine Telegramgruppe. Dort bewirbt der Rapper nicht nur seinen Merch und vertieft seinen Diss mit Bushido, sondern teilt auch diverse Verschwörungsinhalte rund um die Corona-Pandemie. Zum Beispiel YouTube-Videos von Menschen, die behaupten, dass die Corona-Pandemie eigentlich gar nicht so schlimm sei oder Bill Gates einen weltweiten Impfzwang plane und von ominösen Finanzmächten und geheimen Eliten gesteuert werde.

Fler ist nicht der einzige Rapper, der mit solchen verschwörungsideologischen Inhalten kokettiert. Anfang Mai war Sido im YouTube-Format von Ali Bumaye zu Gast. In Bezug auf den früheren Bundeskanzler Helmut Schmidt sagt Sido lachend, dieser hätte vielleicht Kinderblut getrunken – eine bewusste oder unbewusste Anspielung auf den QAnon-Verschwörungsmythos, wonach eine Gruppe reicher und prominenter Menschen Kinder entführen, um aus deren Blut ein lebensverlängerndes Serum zu gewinnen.

Auch in Raptexten sind antisemitische Inhalte keine Seltenheit. 2015 veröffentlichte Haftbefehl den Song 069. Die Zeile „Rothschild-Theorie, jetzt wird ermordet“ hat sich ins kollektive Deutschrap-Gedächtnis eingebrannt – und ist nur ein Beispiel für Raptexte, in denen auf die Rothschild-Theorie verwiesen wird, nach der eine einzige jüdische Familie die gesamte Welt regiere.

Was ist an solchen Aussagen problematisch?

Solche Aussagen sind problematisch, weil es sich um antisemitische und verschwörungsideologische Aussagen handelt. Seit Jahrhunderten wird Jüd*innen zugeschrieben, reich und mächtig und für die Unglücke der Welt verantwortlich zu sein – heute, in der Post-Shoah-Zeit, schiebt man die Schuld nicht direkt Jüd*innen zu, sondern der Familie Rothschild, den Rockefellers, dem weltweiten Finanzkapital oder dem Staat Israel.

Solche Begriffe fungieren als Codes, die bewusst oder unbewusst antisemitische Ressentiments bedienen. Auch die QAnon-Erzählung bezieht sich auf einen alten, antisemitischen Mythos, wonach Jüd*innen angeblich Kinderblut trinken. Aussagen wie die Sidos sind also keinesfalls witzige Anekdoten, die man nicht weiter ernst nehmen sollte, sondern reproduzieren jüd*innenfeindliche Bilder und Stereotype, die seit dem Mittelalter in unserer Gesellschaft verankert sind.

Antisemitismus und Verschwörungsideologien finden natürlich nicht nur im Rap und selbst dort nur in bestimmten Subgenres statt. Laut Katharina Nocun und Pia Lamberty, die zusammen das Buch Fake Facts geschrieben haben, ist Verschwörungsdenken in allen Gesellschaftsschichten und -milieus zu finden. Studien zeigen dasselbe für Antisemitismus. Das Problem: Wenn Rapper*innen Antisemitismus oder Verschwörungserzählungen verbreiten, erreichen sie damit eine große Anzahl insbesondere junger Menschen.

Antisemitismus, Verschwörungsdenken und Rap – wie passt das zusammen?

Politikwissenschaftler Jakob Baier forscht seit Anfang 2017 zu Antisemitismus im Gangsta-Rap. Laut ihm gibt es verschiedene Anknüpfungspunkte zwischen Rap und Verschwörungserzählungen. „Gesellschaftskritische Gangsta-Rap-Lieder spiegeln oft ein manichäisches Weltbild wider“, sagt er. Bedeutet: Die Welt wird aufgeteilt in ein klar benennbares Gut und Böse. Auch Verschwörungsideologien funktionieren nach diesem Weltbild. Es gibt die Bösen, die Verschwörer*innen, und die Guten, die die Verschwörung erkannt haben. „Diese verschwörungsideologische Interpretation von komplexen gesellschaftlichen Phänomenen findet sich im deutschsprachigen Gangsta-Rap zuhauf“, sagt Baier.

Gefördert werde dies auch durch bestimmte Narrative, die immer wieder auftauchen, beispielsweise die Erzählung, dass man „von der Straße“ käme und sich den Weg nach oben erkämpft habe. „Das verleiht Rapper*innen in ihrer Selbstwahrnehmung oder -inszenierung die Fähigkeit, hinter die Kulissen zu blicken und die Dinge zu sehen, wie sie wirklich sind“, so Baier. Auch Verschwörungsideolog*innen verwenden das Narrativ, anders als der Rest der Menschheit hinter die angeblichen Kulissen blicken zu können.

Hinzu kommt laut Baier das im Rap vorherrschende Männlichkeitsideal, das von Stärke und Durchsetzungskraft geprägt ist. Hier würden Verschwörungserzählungen eine bestimmte Funktion erfüllen: „Sie lassen Rapper erscheinen wie starke Typen, die geradeaus gehen, die sagen, wie die Dinge wirklich sind, die den Mut haben, unbequeme Wahrheiten auszusprechen, indem man gegen ‚die da oben‘ rebelliert.“ Häufig würden auch gesellschaftliche Prozesse personalisiert, also bestimmten Personen oder Personengruppen zugeordnet – ein Phänomen, das auch Verschwörungsdenken kennzeichnet. „Dabei fällt auf, dass diese Personalisierungen häufig antisemitisch aufgeladen sind. Das passiert in unterschiedlicher Deutlichkeit“, sagt Baier.

Man kann das natürlich als Kunst bezeichnen, dann ist es halt antisemitische Kunst.

Jakob Baier

Die letzte große Debatte über Antisemitismus im Deutschrap fand 2018 statt. Damals bekamen Kollegah und Farid Bang den Echo-Musikpreis verliehen. In ihrem gemeinsamen Lied 0815 rappt Farid Bang die Zeile: „Mein Körper ist definierter als der von Auschwitz-Insassen“ – eine antisemitische Aussage, bei der die Erfahrungen von KZ-Häftlingen verhöhnt werden. Die Preisverleihung löste eine Debatte über Jüd*innenfeindschaft im Rap aus.

Die beiden Echo-Gewinner verteidigten sich damals mit dem Argument der Kunstfreiheit. „Man kann das natürlich als Kunst bezeichnen, dann ist es halt antisemitische Kunst“, sagt Baier. Für den Politikwissenschaftler ist die Berufung auf die Kunstfreiheit eine Strategie, um sich gegen Kritik zu immunisieren. „Nur weil etwas Battle-Rap ist, heißt es nicht, dass etwas nicht sexistisch, homophob oder antisemitisch sein kann. Es kann beides sein.“

Was bedeutet das für jüdische Menschen in der Szene?

Ben Salomo ist Jude und war jahrelang in der Szene aktiv – als Rapper und Moderator der Veranstaltungsreihe Rap am Mittwoch. 2003 kam er das erste Mal mit Antisemitismus im Deutschrap in Berührung. Marcus Staiger, Labelchef von Royal Bunker, gab ihm das Mixtape einer Crew, „die sich eigentlich nur durch ihr musikalisches Gewand von Rechtsrock unterschieden haben“, so Salomo. „Da wurde Adolf Hitler glorifiziert, Israel und Juden dämonisiert.“ Er habe Staiger darauf angesprochen – der das Tape daraufhin aus dem Portfolio nahm.

Hätte ich einen Sohn, der sich der Rapszene anschließen möchte, würde ich ihm davon abraten.

Ben Salomo

Seitdem hat er unzählige antisemitische Vorfälle erlebt und beobachtet – auf und hinter der Bühne. Auch wenn er Hip-Hop liebe, beklagt er die fehlende Sensibilisierung für Antisemitismus. „Hätte ich einen Sohn, der sich der Rapszene anschließen möchte, würde ich ihm davon abraten.“ Ben Salomo warnt jedoch davor, Antisemitismus ausschließlich zu einem Problem der Rapszene zu deklarieren. Jüd*innenfeindliche Äußerungen finde man in der gesamten Gesellschaft – und man könne nicht von einem Kollegah mehr Sensibilisierung erwarten, wenn sich beispielsweise Politiker*innen auf ähnliche Weise äußern. Gleichzeitig kritisiert Salomo, dass problematische Aussagen zu wenig von Szenemedien kritisiert würden. Die wenigen, die sich ernsthaft mit Antisemitismus auseinandersetzen, drängen laut Ben Salomo kaum in den Mainstream vor.

Wie damit umgehen – als Rapper*in, Labelchef*in oder Journalist*in?

Auch wenn Antisemitismus in Rap und Gesellschaft eng verzahnt sind, sieht Salwa Houmsi Handlungsmöglichkeiten für Journalist*innen in der Szene. Als Radiomoderatorin und DJ betont sie die Notwendigkeit, problematische Aussagen in einen Kontext zu setzen. Das betrifft die Aufklärung über Social Media ebenso wie das Kommentieren eines Songs im Radio. Vom Boykott problematischer Künstler*innen sieht sie eher ab: „Wenn ich eine*n Künstler*in super kritisch sehe, kann es trotzdem einen Song geben, der mir gefällt. Mein Ansatz ist deswegen, diese Themen im Rahmen meiner Formate und Projekte anzusprechen, um einen Diskurs zu schaffen.“ Dazu gehöre auch, sich dazu zu äußern, wenn Rapper*innen etwa Ken-Jebsen-Videos teilen.

„Es gibt einen Unterschied zwischen Leuten, die völlig verloren sind und einem Sido, der in letzter Zeit ein paar echt wirre Gedanken geäußert hat“, antwortet Houmsi auf die Frage, ob man mit Leuten, die Verschwörungserzählungen verbreiten, überhaupt das Gespräch suchen sollte. Viele Künstler*innen, die mit verschwörungsideologischen Aussagen auffallen, seien sich der Tragweite ihrer Worte nicht bewusst, meint Houmsi. Es sei notwendig, diese Leute an die Hand zu nehmen, gemeinsam mit ihnen Fakten zu checken, kritische Rückfragen zu stellen und sie auf den antisemitischen oder rassistischen Gehalt ihrer Aussagen hinzuweisen. „Wenn die aber wissen, was sie tun und das auch so sagen wollen, dann muss ich mit denen nicht sprechen.“

Man sollte nicht so tun, als handle es sich um kleine Kinder, die keine Verantwortung für ihre Aussagen übernehmen müssen.

Jakob Baier

Labelchef Marcus Staiger fordert einen anderen Umgang mit dem Thema. In einem Facebook-Post zu dem Sido-Interview mit Ali Bumaye erklärt er: „Es ist eine Unsitte in diesem Land, dass man Widersprüche anscheinend nicht mehr aushalten kann und man in hysterische Hyperventilation verfällt, wenn sich irgendjemand über die hiesigen Verhältnisse beschwert, im Nebel herumstochert und nicht alles glaubt, was man ihm vorsetzt.“ Im schlimmsten Falle, so Staiger, würde vorschnell der Vorwurf des strukturellen Antisemitismus erhoben.

Der Politikwissenschaftler Jakob Baier sieht das anders. Durch solche verteidigenden Aussagen vonseiten Staigers würden antisemitische Äußerungen von bekannten deutschsprachigen Rapper*innen verharmlost, sagt er. Staiger übergehe schließlich den antisemitischen Inhalt von Sidos Aussagen. Wenn Rapper*innen sich öffentlich antisemitisch äußern, müsse man sie auch öffentlich dafür kritisieren dürfen, so Baier.

„Man sollte nicht so tun, als handele es sich um kleine Kinder, die keine Verantwortung für ihre Aussagen übernehmen müssen. Wer nicht als Antisemit*in bezeichnet werden möchte, sollte sich nicht antisemitisch äußern. Die Vorstellung, man dürfe nicht mehr öffentlich seine Meinung äußern, ohne sofort als Antisemit*in ‚gebrandmarkt‘ zu werden, ist eine gängige Abwehrstrategie.“ Zudem werde diese Vorstellung durch die Realität widerlegt: „Weil sich die Sagbarkeitsgrenzen immer weiter verschieben, trauen sich Antisemit*innen immer öfter, ihre Ansichten laut zu äußern – und erfahren leider viel zu wenig Widerspruch.“

Was bedeutet das für die Bildungsarbeit?

Baier fordert, Rapper*innen wie Kollegah, die sich wiederholt und eindeutig antisemitisch äußern, vom Diskurs auszuschließen. Ähnlich sieht das auch Ben Salomo. Er fordert, dass mit Rapper*innen, die sich antisemitisch positionieren, genauso umgegangen wird wie mit Künstler*innen der Rechtsrock-Szene. „Die dürfen keine großen Konzerthallen bekommen, sollten von den großen Download- und Streamingdiensten verbannt werden. Man müsste ihnen Vertriebswege und Major-Deals verweigern. All das könnte man anwenden, ohne ihre Musik zu verbieten“, so Salomo. Er betont außerdem, wie wichtig es sei, Präventionsarbeit an Schulen zu leisten – hier säßen schließlich die meisten Konsument*innen von Rap. Junge Menschen müssten verstärkt Medienkompetenz erlernen.

Saba-Nur Cheema arbeitet für die Bildungsstätte Anne Frank mit Jugendlichen zum Thema Antisemitismus. Dort machen sie und ihre Kolleg*innen überwiegend die Erfahrung, dass Jugendliche die codierten Formen von Antisemitismus oft nicht erkennen. Sie plädiert dafür, ein Schulfach einzuführen, das sich mit Theorien der Ungleichwertigkeit beschäftigt – sei es Antisemitismus, Rassismus, Homophobie oder Sexismus.

Dazu gehöre auch, Antisemitismus im Rap zu thematisieren, zu dechiffrieren, zu decodieren. Warum ist es problematisch, wenn Haftbefehl ständig von den Rothschilds spricht? Was ist mit den Rothschilds gemeint? Was wird dabei reproduziert? „Wenn die jüdische Bankiersfamilie als Beispiel für ‚die Mächte hinter den Kulissen‘ genommen wird, werden damit antisemitische Ressentiments verbreitet“, sagt Saba-Nur Cheema. Verschwörungserzählungen und Antisemitismus erfüllen ganz bestimmte Funktionen: „Dahinter steckt oft der Wunsch, die komplexe Welt ein bisschen einfacher zu machen.“

Stattdessen müssten Jugendliche darin gestärkt werden, Widersprüche auszuhalten, Kontroversen und unterschiedliche Meinungen kennenzulernen, so Cheema. „Es ist einfacher, an simple Erzählungen zu glauben – zum Beispiel, dass Israel hinter allem stecke – als auszuhalten, dass es Dinge gibt, die gar nicht so einfach zu beantworten oder zu verstehen sind.“

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