Arbeit als Leihomi: „Wenn ich Paul sehe, vergesse ich alle Schmerzen“

In fast jeder deutschen Stadt gibt es Großelterndienste. Sie bringen die Ältesten und die Jüngsten der Gesellschaft zusammen. Meist entsteht eine starke, familiäre Beziehung auf Lebenszeit.

Wunschenkel und Wunschoma. Symbolfoto © Marleen Roß

Er war ein kleiner Junge, als er „vermittelt“ wurde. Seine Mutter suchte eine Unterstützung für den Alltag, eigene Großeltern gab es zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Also recherchierte sie. Sie fand eine Anzeige in der Zeitung, vom „Großelterndienst“. Sie rief dort an. Das war 1991.

Heute ist der kleine Junge von damals 30. Und hat wieder eine Oma. Einmal im Monat treffen sie sich. Sie spielen gemeinsam Karten oder unterhalten sich. Obwohl sie nicht seine leibliche Großmutter ist, gehört sie seit ’91 zur Familie – und er ist ihr Enkel.

„Die Menschen wollen wieder raus, etwas tun“

Es ist die Geschichte einer älteren Frau, die zu einer ihr fremden Familie kam – und blieb. Klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Aber solche Geschichten gibt es häufiger, als die meisten annehmen dürften. Und zwar in beinahe jeder Stadt in Deutschland.

Die „Großelterndienste“ sind meist ehrenamtlich in Vereinen organisiert. Obwohl sie fast überall unterm Radar der öffentlichen Wahrnehmung liegen, haben die wenigen Mitarbeiter*innen eine sehr wichtige Funktion: Oft geben sie den älteren wieder einen Sinn – und den jüngeren einen Anker.

In Berlin, wo einer der ältesten Großelterndienst Deutschlands arbeitet, betreuen die Angestellten rund 450 Wunschgroßeltern und 700 Eltern mit noch mehr Kindern – alleinerziehende Mütter und Väter, aber auch Paare, die sich nach Entlastung sehnen. Der „Berliner Frauenbund“ rief den Berliner Großelterndienst 1989 ins Leben. Seit diesem Jahr arbeiten die Mitarbeiter*innen in dem einem weiß gestrichenen, unscheinbaren Altbau im Bezirk Schöneberg.

Ihr Büro ist ein einzelnes Zimmer; und wirkt eher wie ein vergrößertes Wohnzimmer. Das hat seinen Grund: Die Atmosphäre soll eine angenehme sein. Die Gespräche, die hier stattfinden, bestimmen oft maßgeblich über die Zukunft mehrerer Menschen.

„Die Wunschgroßeltern werden altersbedingt weniger“, erzählt Helga Krull zunächst nachdenklich. Es ist früher Abend an einem Donnerstag im Dezember. Eigentlich hat sie keine Zeit für ein Gespräch; sie muss für kommende Woche eine Weihnachtsfeier für die älteren Damen und nur wenigen, älteren Männer organisieren, die bei der Institution gemeldet sind. „Immerhin ist die Zahl im Großen und Ganzen seit rund drei Jahren eine feste, eine planbare.“

Die älteste aktive Wunschgroßmutter
ist Ende 80.“

– Helga Krull, Großelterndienst Berlin

Den demografischen Wandel spürt die 57-Jährige, die die einzige hauptamtliche Mitarbeiterin des Berliner Großelterndienstes ist, täglich bei ihrer Arbeit. Er sorgt dafür, dass es eigentlich immer zu wenige Wunschgroßeltern für zu viele Familien gibt, schon seit sie 2005 anfing. Eine erste Reaktion vor einigen Jahren jedenfalls war, das Einstiegsalter der Großeltern herunterzusetzen, auf Mitte 50.

Wären die Menschen jünger, gingen sie bestenfalls wie Tanten durch, nicht aber als „Großeltern“. Genug gibt es trotzdem nicht. Bei vielen Eltern fehle dafür aber das Verständnis – wie auch dafür, dass Vermittlungen ihre Zeit benötigen. Der Großelterndienst in Berlin steckt in einem finanziellen Dilemma, es fehlt an allen Ecken, vor allem für zusätzliches Personal. Die weiteren Mitarbeiter*innen sind ehrenamtlich.

Ohne die Zeitung ginge es nicht

„Das späteste Einstiegsalter ist 70“, sagt Krull, „aber auch dann können die Menschen noch viel Zeit mit ihren Wunschfamilien verbringen. Die älteste aktive Wunschgroßmutter ist Ende 80. Sie hat auch eigene Enkel. Nur sind die nicht vor Ort.“

Die persönlichen Gründe, wieso Menschen sich als Wunschgroßmutter oder -vater melden, sind vielfältig. Meist hört Krull, dass sie sich wieder gebraucht fühlen wollen, nachdem etwa der oder die Partner*in verstarb oder die eigene Familie zu weit weg wohnt. Die Arbeit als Wunschgroßeltern stellen sich viele auch schöner oder „einfacher“ vor, als etwa Menschen mit Behinderung zu pflegen. Kinder sind ein Symbol für ein frisches, gesundes, neues Leben. „Vielen fehlt das, gerade wenn die eigenen Enkel weg sind oder es keine gibt“, sagt Krull. „Wieder andere sehen darin eine Möglichkeit, Menschen zu unterstützen, etwas zu geben.“

Krull möchte ebenfalls geben. Für sie ist das nicht nur Arbeit, sie bringt Menschen zusammen. Ganz leicht ist das nicht, denn das Angebot des Großelterndienstes muss erstmal gefunden werden. Viel passiere durch Hörensagen in Familien. Unabdingbar sind Anzeigen und Artikel in der Zeitung. „Und zwar unbedingt in der Zeitung, nicht online“, sagt Krull. Denn obwohl sich viele der älteren Menschen, ihrer Beobachtung nach, besser mit dem Internet auskennen, könne man Texte und Telefonnummern in der Zeitung eben ganz klassisch ausschneiden – und für später abheften oder an den Kühlschrank hängen.

„Viele Menschen kommen mit Zeitungs-Schnipseln zu uns, die teilweise mehr als zehn Jahre alt sind.“ Mit dem Büro könne sie daher gut umziehen. Mit dem Telefonanbieter nicht.

Eine Patenschaft auf Lebenszeit

Der Ablauf, wie Familien und Wunschgroßeltern letztlich zusammen geführt werden, ist eher ein langer Prozess als kurze Patenschaftsvermittlung. Denn diese Patenschaft soll auf Lebenszeit bestehen und bestenfalls auf keinerlei Widrigkeiten stoßen. Vor den Gefühlen kommt daher erstmal Bürokratie. Viel Bürokratie.

Beide Parteien schicken Fotos von sich ein und füllen ein Formular aus. Auch hier gilt: Offline. Die Antragsvordrucke werden aus Prinzip handgeschrieben ausgefüllt, dazu hat sich der Berliner Großelterndienst entschieden. „Das hat etwas mit Verbindlichkeit zu tun“, sagt Krull. Die Mitarbeiter*innen gleichen dann ab: Welche Vorstellung haben die Eltern? Welche die Wunschgroßmütter? Können sie Treppen steigen? Wohnen sie in der Nähe? Auto ja/nein, Krankheit ja/nein, wenn ja welche? Allergien, Vorlieben, Eigenheiten? „Es muss verschiedenstes beachtet werden. Die Problemchen, die sich ergeben können, sind so vielfältig wie die Menschen selbst.“ Erst wenn alles zueinander passt, ruft Krull die Familie und potenzielle Wunschgroßmutter per Telefon zusammen.

Manchmal liegt von Anfang an eine gewisse Magie in der Luft.“

– Helga Krull, Großelterndienst Berlin

Das erste Treffen findet ohne Kinder statt, in Krulls Büro in Berlin-Schöneberg. Es dient dem Beschnuppern, die Familien sollen sehen, ob es funkt. „Die Beziehung zwischen den Erwachsenen ist das A und O“, sagt Krull. Sie moderiert die Treffen. Über die Jahre hat sie sich so ein gutes Auge geschult. Sie merkt, wenn zwischen den Menschen eine Magie in der Luft liege, erzählt sie. Manchmal, da sei es beinahe nicht zu glauben; wenn sich etwa Mutter und Wunschgroßmutter, die sich schon optisch sehr stark ähneln, auch in Verhalten und Sprache ähnlich gestrickt sind, gleiche Vorstellungen und Werte vertreten, ähnliche Geschichten aus dem Leben erzählen.

Das sei dann fast so, als bringe man leiblich Verwandte wieder zusammen. Aber manchmal, da merkt Krull auch, dass es so gar nicht passt. Wenn sie etwa zu viel ins Gespräch eingreifen muss, oder schlimmer: den Menschen jedes Wort abringen muss. Dann kommt keine Patenschaft zustande.

Sollte die Vermittlung aber erfolgreich gewesen sein, gibt es ein weiteres Treffen mit Kind. Auch hier gebe es magische Momente. Kinder gingen manchmal wie selbstverständlich auf die neue Wunschgroßeltern zu, nehmen sie sofort an. In der Regel gibt es zwei Treffen in der Woche, die Wunschgroßeltern bekommen zu Beginn pro Stunde eine Aufwandsentschädigung von 4 Euro – es sei denn, sie wollen das nicht. Nach einigen Jahren falle Geld aber nur allzu häufig weg, wenn die Beziehung zu einer familiären gereift ist.

Alle gewinnen

Nach sechs Wochen holt sich Krull ein umfassendes Feedback von beiden Parteien ein. Zwischendrin haben sie auch die Möglichkeit, Krull jederzeit anzurufen, wenn sich Probleme ergeben oder sogar Streits entstehen. In den seltensten Fällen seien das richtige Dramen, sondern eher zwischenmenschliche Auseinandersetzungen oder solche, die sich nunmal ergeben, wenn Menschen unterschiedlicher Generationen aufeinander treffen.

Man muss bereit sein zu Scheitern.“

– Helga Krull, Großelterndienst Berlin

Kommunikation ist das allerwichtigste, predigt Krull immer wieder. „Der größte Vorteil ist ja, dass die Menschen unbedarft in die Beziehung gehen.“ Eine gemeinsame Vorgeschichte und damit langjährige Konflikte gibt es nicht.

Wenn es mit der Patenschaft nicht klappt, sind gerade die Wunschgroßeltern anfangs häufig entmutigt. Schließlich investierten sie neben Zeit auch viel Hoffnung. Doch wer mit Scheuklappen da rein gehe, komme nicht weit: „Ich sage den Menschen, die sich hier melden, schon ganz zu Beginn: Seien Sie bereit zu scheitern“, meint Krull. Die Wunschgroßeltern haben bei vielen gemeinsamen Ausflügen und Treffen die Möglichkeit, sich zu vernetzen und auszutauschen. Ein Angebot, das gerne genutzt wird, gibt es vielen doch wieder den sozialen Kontakt, den sie verloren hatten.

Auch wenn rund zwei Drittel der Beziehungen kaputt gehen, entwickeln sich beim Rest starke Bindungen. Erst kürzlich hat Krull etwa einen Ausflug mit Wunschgroßeltern und Kindern organisiert, einen Theaterbesuch. „Das waren rund 30 Personen und bei fast allen wirkte es von außen so, als seien es leibliche Großeltern und Enkel. Sie lachen, sie kuscheln.“ Viele feiern auch das Weihnachtsfest zusammen, zumindest an einem der Feiertage.

Eine Wunschgroßmutter meldete sich zum Beispiel für die Arbeit beim Berliner Großelterndienst, als ihr Ehemann verstorben war. Sie war zu diesem Zeitpunkt bereits sehr krank – und wollte doch wieder gebraucht werden. Sie lernte eine junge, alleinerziehende Mutter und den damals 1-jährigen Paul kennen. Zwischen ihnen funktionierte es auf Anhieb, und wie so oft wurden aus Fremden eine Familie.

Heute, zehn Jahre später, kann sie Paul nicht mehr besuchen. Dafür besucht er sie. Einmal erzählte sie Krull, dass sie ihre Schmerzen vergesse, wenn sie ihn sehe.

Für Krull steht diese Geschichte symbolisch für die Arbeit des Großelterndienstes. Eine Patenschaft kann den Kindern eine „Oma“ schenken, die sie lieb gewinnen und von denen sie lernen können. Und der Kontakt zu den Kleinen kann wiederum älteren Menschen gut tun – und manchmal sogar Schmerzen lindern.

„Unser Slogan heißt ja nicht umsonst ‚Enkel dich fit'“, lacht Krull. Bei ihrer Arbeit jedenfalls, so sagt sie, gewinnen alle.


Der Berliner Großelterndienst ist auf dieser Website und unter 030 2135514 zu erreichen. In allen weiteren Orten Deutschlands erhält man Informationen über die dortigen Angebote über die Landratsämter und über die Verwaltungen der Städte.