Wieso gibt es den Achtstundentag?

Es gibt Dinge, die stellen wir nicht wirklich in Frage. Dazu gehört der Achtstundentag. Woher kommt diese Zeitspanne eigentlich? Und ist sie sinnvoll?

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Warum arbeiten Menschen wie Maschinen? Foto: Bethany Legge / Unsplash | CC0

Möp! Jeden Morgen klingelt der Wecker um die gleiche Zeit, ein neuer Arbeitstag beginnt. Typischerweise dauert er acht Stunden, plus Mittagspause. Das ist halt so, das kennt man, das haben wir schon immer so gemacht. Ja, aber warum zum Teufel?

Die Entstehung des Acht-Stunden-Prinzips

Bis zum späten 18. Jahrhundert lebten Menschen hauptsächlich nach den Rhythmen der Natur – Tag, Nacht, Sommer, Winter und so weiter. Dann kam die Industrialisierung und mit ihr Maschinen, Kapitalismus und Fabriken.

Der Achtstundentag gehört zu den ersten Forderungen der frühen Arbeiter*innenbewegung. Zuerst vorgebracht hat sie der walisische Unternehmer und Sozialist Robert Owen Anfang des 19. Jahrhunderts. Sein Motto lautete: acht Stunden Arbeit, acht Stunden Erholung, acht Stunden Schlaf.

Das hatte damals einen sinnvollen Hintergrund. Für höhere Produktivität und maximalen Profit liefen die Fabriken in der Anfangszeit der Industrialisierung im Dauerbetrieb – und die Arbeiter*innen mussten mitmachen. Angesichts von durchschnittlich 13 bis 14 Stunden Arbeitszeit eine nachvollziehbare Forderung. Und zugegebenermaßen ein äußerst schmissiger Slogan.

Doch was zu Zeiten der Industrialisierung nahezu revolutionär klang, ist inzwischen überholt. Die Welt hat sich in den vergangenen 200 Jahren ziemlich verändert. Dazu gehört der Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft, geboostet durch die Digitalisierung. Ergibt da eine Arbeitszeit von acht Stunden also noch Sinn?

Sechs Stunden Arbeitszeit reichen

Im Grunde schaffen wir unser Tagwerk auch locker in sechs Stunden Arbeitszeit oder weniger. In einem Pflegeheim in Göteborg wurde die Arbeitszeit im Rahmen eines Experiments vorübergehend auf sechs Stunden reduziert. Und den Angestellten ging es insgesamt besser. Allerdings wurde das Experiment wieder eingestellt, weil dafür auf Dauer mehr Mitarbeitende in der Pflege nötig gewesen wären. Auch die Wirtschaftsweisen haben das Ende des Achtstundentages gefordert.

Grundsätzlich heißt eine festgelegte Arbeitszeit von acht Stunden auch nicht, dass in dieser Zeit auch konsequent durchgeackert wird. Im Gegenteil. Eine Untersuchung in Großbritannien hat ergeben, dass wir von den acht Stunden nicht mal drei tatsächlich arbeiten. Die meiste Zeit geht unter anderem drauf für Surfen im Internet, Rumhängen auf Social Media und arbeitsferne Gespräche mit Kolleg*innen.

Verstopfte Straßen, müde Köpfe

Die Konsequenzen des typischen Achtstundentages spüren wir alle, unter anderem auch im öffentlichen Raum. Wenn nämlich die Mehrzahl der Menschen zur gleichen Zeit zur Arbeit und von der Arbeit nach Hause fährt, ergeben sich in Städten verstopfte Straßen, Busse und Bahnen. Die anstrengende Rushhour ist ein Nebenprodukt von achtstündiger Arbeitszeit.

Außerdem haben Chronobiolog*innen längst herausgefunden, dass jeder Mensch ein bisschen anders tickt: Es gibt zum Beispiel echte Frühaufsteher*innen, die schon ab sechs Uhr morgens hochkonzentriert zu Werke gehen können und eher Spätzünder*innen, die vor dem Mittag kaum einen Satz geradeaus sprechen, schreiben oder gar denken können und erst am Abend zur Höchstform auflaufen. Und jede Menge Nuancen dazwischen.

Vorsicht vor dem 24-Stunden-Tag

Doch Arbeitszeit wird vor allem durch die Digitalisierung immer flexibler – auch, wenn das nicht auf alle Berufsgruppen zutrifft. Vor allem Versicherungen, Banken, Forschung, Verwaltung und Bürojobs bieten flexible Arbeitszeit an, im Handwerk sieht es hingegen eher schlecht aus.

Dabei sind über 80 Prozent der Angestellten, die auch mal ein paar Tage oder Stunden frei nehmen können und lockerere Zeiten haben, laut Bundesanstalt für Arbeitsschutz zufriedener mit ihrer Work-Life-Balance. Logisch.

Problematisch dabei ist allerdings die damit einhergehende mögliche Entgrenzung der Arbeitszeit. Wenn keine acht Stunden festgelegt sind, kommen – wenn man nicht aufpasst – schnell deutlich mehr zusammen. Die berüchtigten Mails am Wochenende und nach Feierabend, wer kennt sie nicht?

Das Fraunhofer-Institut schreibt dazu auf seiner Seite zur Arbeitszeitgestaltung: „Mittlerweile hält jeder dritte Beschäftigte den Anforderungen chronobiologisch unangemessener Arbeitsbedingungen nicht stand. Folgen sind chronische Erschöpfungszustände und psychische Gesundheitsstörungen.“

Und das ist mehr als nur persönliches Pech – es wirkt sich laut Fraunhofer auf die Leistung und demnach irgendwann auch auf das Unternehmensergebnis aus: „Beeinträchtigtes psychisches Befinden gehört zu den häufigsten Ursachen für mangelhafte Arbeitsleistung.“ Davon betroffen sind unter anderem die Auffassungs- und Konzentrationsfähigkeit, das Denkvermögen, die Reaktionsgeschwindigkeit und die Geschicklichkeit.

Darum ist Zeiterfassung nicht nur, aber besonders bei flexibler Arbeitszeit eine sehr, sehr hervorragende Idee.

Der Mensch ist keine Maschine

Also, der Achtstundentag war mal eine supergute Sache, ist aber an sich nicht mehr zeitgemäß. Vor allem ist diese Spanne der Arbeitszeit nicht in Stein gemeißelt. Das Argument „Haben wir schon immer so gemacht“ war noch nie sonderlich überzeugend und gehört prinzipiell hinterfragt. Allerdings müssen wir aufpassen, dass wir trotz flexibler Arbeitszeit Ruhepausen einhalten. Dann gewinnen alle.

„Eine zeitliche Strukturierung von Arbeit, die sich an den biologischen Rhythmen des Menschen orientiert, kann sich positiv auf Befinden, Gesundheit, Arbeitserfolg und Lebenserwartung auswirken“, schreibt auch das Fraunhofer-Institut. Genau wie: „Biologische Rhythmen sind ein Kennzeichen des Lebendigen. Sie finden sich in sämtlichen Bereichen des menschlichen Organismus.“

Mit anderen Worten: Wir sind Lebewesen, also sollten wir aufhören, wie Maschinen zu arbeiten.