Arrangierte Ehe: Wenn die Heirat nicht aus Liebe ist

In Nepal ist es üblich, dass die Familie den*die Ehepartner*in für Tochter und Sohn aussucht. So erging es auch Asmita, die anfangs mit der Wahl der Eltern einverstanden war. Nun ist sie in Deutschland und will eigentlich lieber einen anderen heiraten.

Ein nepalesisches Hochzeitspaar. © MANAN VATSYAYANA/AFP/Getty Images

Seit knapp sechs Jahren hat Asmita* einen Freund. Nur, dass sie ihn seit fünf Jahren nicht mehr gesehen hat. Und ihn in ihrem ganzen Leben nur dreimal getroffen hat. Asmita ist Nepalesin, 24 Jahre alt und ihre Beziehung wurde von ihren Eltern arrangiert. In ihrem Heimatland ist das immer noch üblich, wenngleich beide Beteiligten einwilligen müssen, die Frau und der Mann.

Asmita und Anil kennen sich kaum – geküsst haben sie sich noch nie

Ihr künftiger Ehemann Anil ist ebenfalls Nepalese und ein paar Jahre älter als sie. „Er ist ein enger Freund meines Bruders“, erzählt Asmita. Eigentlich hat sie es gut getroffen, denn Anil ist 2012 in die USA ausgewandert, hat dort ein eigenes nepalesisches Restaurant aufgemacht und verdient gutes Geld. Auch die Kaste von ihnen ist gleich, was in Nepal immer noch eine Rolle spielt. Beide waren einverstanden mit der Verbindung, schließlich ist es in Nepal üblich, verheiratet zu werden und sich anfangs nicht gut zu kennen. Oft entwickeln sich aus diesen arrangierten Ehen auch sehr glückliche Beziehungen.

Bisher haben sich die beiden nur ein paar Tage gesehen, als Anil zu Besuch bei ihrer Familie in Nepal war. Mehr war da auch nicht – geküsst haben sie sich noch nie. Heute telefonieren die beiden jeden Tag über Whatsapp, morgens und abends, oft mehrere Stunden. Über Asmitas Bett hängt ein großes Foto von ihm, ausgedruckt auf einer DIN-A4-Seite.

Arrangierte Ehen sind für Asmita so normal wie bei uns Liebeshochzeiten

Wie Anil lebt auch Asmita nicht mehr in Nepal. Seit eineinhalb Jahren ist sie in Deutschland und wohnt in Berlin. Etwas außerhalb, in einer kleinen Wohnung, zusammen mit drei anderen Nepales*innen. Wie ihr Freund ist Asmita fort von Nepal, um ihr Glück und vor allem Arbeit anderswo zu suchen, fernab von der politisch instabilen Heimat. Sie machte erst Au-Pair in Baden-Württemberg und dann in Berlin, nun arbeitet sie in einem indischen Restaurant als Kellnerin und belegt nebenher einen Deutsch-Sprachkurs. Bald wird sie das B2-Niveau abgeschlossen haben. Nächstes Jahr will sie mit dem Masterstudium in Business Administration anfangen, das Grundstudium hat sie schon in Nepal absolviert.

Doch lange wird Asmita wohl nicht mehr in Deutschland bleiben. Denn Anil wartet bereits in den USA auf sie – deshalb wird sie ihm bald in die Staaten folgen, um ihn dort zu heiraten. Das ist der Plan, der seit Langem feststeht.

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Arrangierte Hochzeiten sind immer noch üblich in Nepal, auch wenn es mittlerweile immer mehr Liebeshochzeiten gibt. Scheidungen sind dort so gut wie nicht existent. Asmita selbst hat dieses Modell nie groß infrage gestellt, in ihrem Land ist es normal, verheiratet zu werden.

Doch gerade in letzter Zeit hat sie Zweifel an ihrer Beziehung: Sie und Anil streiten oft am Telefon. Diskutieren, denn Anil will immer wissen, was sie macht, ist misstrauisch und macht sich Sorgen. Sie fühlt sich unwohl und kontrolliert. Sie telefonieren oft bis tief in die Nacht. „Eigentlich will ich doch schlafen, ich muss ja morgen wieder früh aufstehen. Er macht mir immer nur Vorwürfe.“

Eigentlich will Asmita einen anderen heiraten

Und es gibt noch einen anderen Grund, weshalb sie zweifelt. Was Anil und Asmitas Familie nicht wissen: Sie telefoniert mit einem anderen, mit Binod, einem ehemaligen Schulfreund von ihr. Dieser ist zwei Jahre älter als sie, ging mit ihr auf die Schule in ihrem Heimatdorf und auf die Universität in Kathmandu. Sie kennen sich gut, haben dasselbe studiert. Im Moment lebt er in Indien. „Er ist ehrlich und gut“, meint sie und lächelt schüchtern. „Er trinkt auch nicht viel und raucht nicht. Und er hat immer Verständnis für mich.“

„Ich mag Binod sehr“, sagt sie schließlich „und ich weiß auch, dass er mich mag.“ Richtig darüber geredet haben die beiden nie, und doch hängt es unausgesprochen in der Luft. Erführe Anil von den Telefonaten, wäre die Hölle los. Denn anders als in Deutschland ist in Nepal der Kontakt zu anderen, unverheirateten Männern absolut unschicklich.

Asmita will nicht weg aus Deutschland – doch das steht seit Langem fest

Mit ihren Eltern hat sie schon geredet. Hat ihnen erzählt, dass es mit Anil nicht so gut läuft, dass sie häufig streiten. Die Mutter meinte, wenn Asmita erst mal in den USA sei, dann höre das auf. Er mache sich ja nur Sorgen um sie, deshalb die vielen Fragen und die ständigen Vorwürfe. Von dem ehemaligen Klassenkameraden wissen sie nichts.

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Doch die Zeit in Deutschland ging nicht spurlos an Asmita vorbei. Eigentlich will sie gar nicht in die USA, sondern würde gerne in Deutschland bleiben. „Ich habe die Sprache gelernt und ich mag das deutsche System. Hier sind alle viel freier. Bei uns ist das noch anders, da ist alles strikt und die Familie kontrolliert immer, was man macht“, erzählt sie.

Obwohl sie weit weg ist von Nepal, fühlt sie sich trotzdem eingeengt. „Ich bin zwar in Deutschland, aber immer noch nicht so frei wie die anderen hier. Ich fühle mich manchmal wie ein Hund an einer Leine. Jemand anderes hat die Fäden in der Hand und bestimmt, was ich zu tun habe.“

Seit sie 18 ist, stehen Asmitas Ehepläne fest. Kann sie da noch Nein sagen?

Eine Frage ist es, die sie plagt: Kann sie überhaupt noch einen Rückzieher machen? Beide Familien rechnen schon seit Jahren damit, dass Anil und sie heiraten werden. Anil zu sagen, er habe umsonst auf sie gewartet – quasi unvorstellbar. „Meine Familie und die von Anil wären sehr, sehr wütend, wenn ich jetzt sage, dass ich jemand anderen heiraten will“, erzählt sie.

Ein weiteres, großes Problem bei der Sache: Anil hat Asmitas gesamtes Studium an einer privaten Universität in Kathmandu finanziert und schickt ihr seit Jahren Geld, wenn ihr eigenes nicht reicht. Wohnung, Essen und Kleidung während des Studiums hat alles er bezahlt – selbst ihre Schwester bekommt Geld von ihm. Mittlerweile ist es so viel, dass sie es nicht zurückzahlen kann. Sich jetzt gegen eine solche Verbindung auszusprechen würde sehr viel Mut erfordern. Und ob sie mit Binod tatsächlich glücklicher als mit Anil wird, wer weiß das schon.

„Was soll ich tun?“, fragt Asmita und hebt ein wenig hilflos die Schultern. „Ich muss mich entscheiden.“

*Name von der Redaktion geändert