„Astrid rettete sieben Leben“ – eine Krankenschwester erzählt von ihrem bewegendsten Fall

„Ich fühlte mich geehrt, dass ich sie begleiten durfte“, sagt Krankenschwester Elina über eine Patientin, die noch nach ihrem Tod die Leben anderer rettete.

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Es gibt auch schöne, positive Geschichten aus dem Alltag im Gesundheitswesen Foto: Annebel146 / photocase | CC0

Überforderung, Unterversorgung, politisches Versagen, Behandlungsfehler: Das Image der Pflege ist geprägt von Horrorstories. Doch es gibt auch schöne, positive Geschichten aus dem Alltag im Gesundheitswesen. Menschen in Pflegeberufen erzählen von unvergesslichen Erlebnissen, die sie besonders berührt haben.


Elina Gehrmann heißt eigentlich anders. Doch um die Privatsphäre ihrer Patient*innen zu schützen, bloggt sie anonym über ihren Berufsalltag. Auch auf Facebook wollen mehr als 5.000 Menschen lesen, was Elina erlebt. Seit 2003 arbeitet die heute 39-Jährige in der Pflege, erst als Pflegehelferin, seit 2006 als Krankenschwester.

Elina selbst beschreibt ihren Job so: „Ich bin Krankenschwester, Master of Science in Nursing, Master of Science in Leadership and Organization und Spezialistin in Anästhesie und Intensivpflege. Seit 2018 bin ich ausbildungs- und qualitätsverantwortlich in der Pflegedienstleitung.“ Allerdings nicht in Deutschland, sondern in Nordeuropa.

Schon während ihrer Ausbildung sei sie im Ausland tätig gewesen, schreibt sie mir, weil der Beruf dort anders ausgebildet werde: Krankenpflege als Universitätsstudium mit einem Bachelor of Science als Abschluss. Damit geht ein höheres Ansehen, abseits von Blutdruckmessen und Popoabwischen, einher – und auch ein besseres Gehalt. Die Weiterbildungs- und Karrieremöglichkeiten seien im Ausland laut Elina ebenfalls besser als in Deutschland.

Eine Geschichte aus ihrem Berufsalltag in der Pflege, die Elina nie vergessen hat, ist die von Astrid*.

Zusammenhalt im tiefsten Schmerz

„Astrid hatte mit nur 60 Jahren einen Herzstillstand. Zudem war ein Aneurysma im Schädel geplatzt, eine schwere Hirnblutung war die Folge. Eine Operation kam nicht infrage. Es war klar, dass der Gehirntod eintreten würde. Zwei Töchter, eine Schwester, die Eltern, Enkelkinder, Cousinen, ihr Ex-Mann versammelten sich an Astrids Bett. Sie brauchten Unterstützung und Zuwendung angesichts der Hiobsbotschaft. Die Töchter weinten, der Vater war wie erstarrt. Die 84-jährige Mutter fragte unter Tränen, warum es nicht sie hätte treffen können.

David*, der verantwortliche Arzt, und ich taten unser Bestes für die Familie und stützten sie, so gut wir es vermochten. Wir sind ein eingespieltes Team, funktionieren in solchen Momenten als kommunikative Einheit.

Ich empfinde solche Momente als Privileg.

Die Familie teilte Erinnerungen mit uns. Und auf den bewusstlosen Menschen im Intensivbett fiel ein Schlaglicht; wir erfuhren Einzelheiten über Astrids Leben und ihre Persönlichkeit. Wir ließen die Familie erzählen. Ich empfinde solche Momente als Privileg.

Die Familie sprach von sich aus das Thema Organspende an. Alle waren sich einig, dass Astrid das gewollt hätte. Wir besprachen die Möglichkeiten und erklärten ausführlich das Prozedere. Wir wollten sicher sein, dass alle hinter der Entscheidung stehen. Alle sollten Raum für ihre Gefühle und Bedenken und Ängste haben. Wir erklärten, unterstützten, fingen auf.

Die Familie empfand es als tröstlich, zu wissen, dass Astrids Tod für mehrere Menschen ein Weiterleben bedeuten würde. Der Gedanke half ihnen, die entsetzliche Situation zu bewältigen.

Dann nahmen sie Abschied von Astrid. Sie spielten Musik, die ihnen wichtig war. Als ich nach Hause ging, umarmten mich alle Familienmitglieder. Es war eine unglaublich intensive Erfahrung, zu erleben, wie sehr Astrid geliebt wurde, wie einig sich alle waren, wie stark sie waren. Was für eine fantastische Familie, was für ein Zusammenhalt!

Astrid rettete sieben Leben an diesem Sonntag.

Der Hirntod trat nachts ein. Am nächsten Tag begleitete ich Astrids Körper zur Operationsabteilung. Astrid spendete Nieren und Leber, Herz und Lungen, Zellen aus der Bauchspeicheldrüse, ihre Hornhäute; durch andere Gewebe trug sie zur Forschung bei.

Astrid half direkt sieben Menschen. Darunter waren auch drei Kinder, zwei davon waren auf Urgent Call – das ist das Signal, das durch ganz Europa geht: Wir brauchen ein Organ, jetzt! Urgent Call befördert potenzielle Empfänger*innen ganz nach oben auf die Liste, gilt aber nur 72 Stunden lang und kann dann nicht mehr angewendet werden. Auf Urgent Call setzt man nur Empfänger*innen, bei denen man weiß, dass sie ohne eine Organspende innerhalb von 72 Stunden sterben werden.

Astrid rettete sieben Leben an diesem Sonntag.

Nach zwei Wochen wurde ein riesiger, wunderschöner Blumenstrauß für mich persönlich geliefert, mit einer Karte – die Familie dankte mir für die Unterstützung. Ich hätte mich auch gerne bei ihnen dafür bedankt, dass ich diese Stunden mit ihnen teilen durfte. Es war so wunderbar zu sehen, wie die Familie zusammenstand und aus dieser tragischen Situation mit ihrer Kraft und Stärke etwas Positives und Trost schöpfen konnte. Ich fühlte mich geehrt, dass ich sie begleiten durfte.“

Faszination für Pflege

Auf die Frage, warum genau ihr die Geschichte von Astrid im Gedächtnis geblieben ist und ihr so viel bedeutet, sagt Elina: „Weil ich in dieser Begegnung so viel Liebe für meine Patientin erleben durfte; eine ganze Familie, die noch im schlimmsten Augenblick zusammenhalten und gemeinsam im Sinne der Patientin entscheiden konnte. Weil Astrids Tod auch Leben bedeutet hat und sie sieben Menschen das größte Geschenk überhaupt gegeben hat. Und weil ich glaube, dass ich und wir die Familie so gut begleitet haben, wie wir nur konnten.“

Sie würde sich auch heute noch jederzeit für einen Job in der Pflege entscheiden, sagt Elina: „Nicht zuletzt, weil die Krankenpflege eine breite Auswahl an Karrieremöglichkeiten anbietet: Von der Stationsarbeit zur Forschung, verschiedenen Fachbereichen, Tätigkeit im Ausbildungsbereich bis hin zur Wahl zwischen privaten und staatlichen Arbeitgebern ist alles dabei. Es gibt immer noch etwas zu lernen und Möglichkeiten, sich weiterzuentwickeln.“

Außerdem sei ihr Beruf in der Pflege „die perfekte Kombination aus theoretischem Wissen und praktischem Können, kombiniert mit Organisation, Multitasking, Tempo und hohen Anforderungen, Teamarbeit und der Möglichkeit, Menschen zu helfen“. Und solange das so ist, geht Elina nach all den Jahren noch immer jeden Morgen gern zur Arbeit.

 

*Name geändert