Auf den Spuren der letzten indigenen Völker dieser Erde

Markus Mauthe ist um die Welt gereist, um die letzten indigenen Gemeinschaften zu porträtieren. Dabei wurde ihm bewusst: Wir erleben gerade einen massiven Kulturverlust.

Menschen sind ungeheuer anpassungsfähig. Ihre Lebensräume erstrecken sich über die heißen Tropenwälder bis hin zu minus 50 Grad Celsius unter Null im arktischen Norden. Diese Lebensräume verlangen von ihren Bewohner*innen ganz besondere Fähigkeiten. Oft mangelt es an sauberem Wasser oder ausgewogener Ernährung, oft herrschen extreme Umweltbedingungen. Doch indigene Völker haben ihre Lebensweisen so angepasst, dass sie auch in solchen Bedingungen seit Hunderten Jahren überleben.

Fotograf Markus Mauthe hat sich auf die Suche nach ihnen begeben. Ursprünglich war er auf Landschaftsfotografie spezialisiert. Er reiste um die Welt, um die Vielfalt und Schönheit der Natur abzubilden. Er fotografierte die Gletscher in Grönland und die Wüsten in Namibia, er fotografierte die Feuchtgebiete Brasiliens und die Berge Äthiopiens. So abgelegen all die Orte waren, die er besuchte, so stieß er doch immer wieder auf verschiedene Arten der Zivilisation. Kleine Gemeinschaften von Menschen, die eng mit der Natur verbunden sind. Sein aktuelles Projekt widmet sich daher nicht nur der Natur und Umwelt, sondern den Menschen, dir darin leben. Mit An den Rändern der Welt porträtiert Mauthe indigene Völker und ihre Lebensräume. Dabei begleitete ihn zusätzlich ein Filmteam. Aus insgesamt 150 Stunden Aufnahmen ist Kinomaterial entstanden.

Kaum etwas bleibt, wie es ist

Etwa 5.000 indigene Kulturen in 90 Ländern dieser Welt gibt es noch. 22 davon hat der Fotograf aus dem Ruhrgebiet besucht, über drei Jahre hinweg bei insgesamt 13 Reisen. Dafür wählte er unterschiedliche Lebensräume aus – Wald, Grasland, Wasser und Eis – und reiste nach Afrika, Asien, Südamerika und zum Nordpolarkreis. Mauthe verbrachte jeweils mehrere Tage in den Dörfern. Mithilfe eines einheimischen Guides, der mit den üblichen Verhaltensweisen vertraut war und die jeweilige Sprache sprach, versuchte er, an den Dorfgemeinschaften teilzuhaben. Und dabei den nötigen Ausgleich zu suchen zwischen nah genug für die Dokumentation und respektvoller Distanz, um nicht aufdringlich zu sein, erzählt Mauthe. „Am wichtigsten war mir dabei, die Schönheit und Würde eines jeden Einzelnen zu zeigen“.

Bei all seinen Besuchen fiel ihm eine Gemeinsamkeit auf: Die Welt ist in einem rasanten Wandel, kaum etwas bleibt, wie es ist. Selbst in der Abgeschiedenheit von indigenen Völkern. Die Kultur der San im südlichen Afrika finde praktisch nur noch in Schaudörfern für Tourist*innen statt. Die Himba in Nordnamibia kämpfen aufgrund des immer weniger werdenden Regens um das Überleben ihrer Rinder. Die Volksgruppe der Mundari im Südsudan kennt seit Jahrzehnten nur den Zustand des bewaffneten Konflikts. Im Omo-Tal im Süden Äthiopiens bedrohen riesige Industrieprojekte für den Zuckerrohranbau und die dafür notwendigen Staudämme im Omo-Fluss die Existenz unzähliger ansässiger Ethnien.

So zum Beispiel die der Dasanech. Die Staudämme verhindern die jährlichen Überschwemmungen, mit denen der Fluss wichtige Mineralien über die Felder der Dasanech gespült hat. Immer öfter sehe man daher die weißen Zelte der Welthungerhilfe, die sich um Unterstützung bemüht. Ein Satz beeindruckte Mauthe dabei besonders. „Wir brauchen eure Hilfe nicht! Wir brauchen nur das Wasser aus unserem Fluss“, sagte eine Dasanech.  Da wurde Mauthe bewusst, dass die westliche Welt mithilfe von Almosen versucht, etwas gutzumachen und zurückzugeben, was man den Menschen an anderer Stelle entreißt. „Er bringt auf den Punkt, was ich an so vielen Stellen der Erde auch beobachten konnte: Das Schicksal einiger vermeintlich Rückständiger wird einem modernen Weltbild geopfert“, sagt er.

„Die Vielfalt der Kulturen verschwindet. Das kann man sehr bedauern, ist aber nicht aufzuhalten.“

Globalisierung, westliche Vorstellungen einer modernen Lebensweise, Profitgier und Ressourcenabbau – es gibt viele Gründe, warum die indigene Vielfalt verschwindet. „Nach dem Besuch der verschiedenen Völker ist mir bewusst geworden, dass wir uns in einer Zeit eines massiven Kulturverlustes befinden“, sagt Mauthe.

Wenige ursprüngliche kulturelle Strukturen blieben dennoch erhalten. So tragen beispielsweise die Frauen der Padaung, ein Bergvolk in Myanmar, nach wie vor stolz Messingringe um den Hals, die so schwer sind, dass sie ihre Schulten nach unten drücken und den Hals länger wirken lassen. Die Volksgruppe der Tschuktschen im Nordosten Russlands zieht heute noch als Nomad*innen mit mehr als 1.400 Rentieren und bei minus 40 Grad durch die Tundra. Das Leben der Bajau, den Seenomad*innen Indonesiens, ist weiterhin auf den Ozean ausgerichtet. Sie wohnen in traditionellen Hausbooten und betreten kaum festes Land. Und als Mauthe in den Höhlen der Boma-Berge auf das Volk der Kachipo traf, machten die große Augen. Sie hatten nie zuvor einen hellhäutigen Menschen gesehen.

Noch sind sie da, die faszinierenden Formen und Farben, die sich in den Kleidern, dem Schmuck und den Hautverzierungen der Himba, Karo, Mehinaku, Padaung, Mursi und vielen anderen Ethnien überall auf dem Erdball widerspiegeln. Aber das Zeitfenster schließt sich.

Markus Mauthe

Diese Reste indigener Traditionen und Lebensweisen sind vorhanden. Noch. Mauthe habe mit eigenen Augen gesehen, wie vielen Menschen ein Wandel aufgezwungen werde, den sie in dieser Form nicht wollten. Er ist sich sicher: In zehn Jahren werden viele seiner Motive so nicht mehr möglich sein. Denn die neue Welt ließe Rituale und traditionelle Tänze langweilig, und Werkzeuge und Fertigkeiten überflüssig werden. Sie verändere Schönheitsideale und kulturelle Eigenheiten. Mauthe ist daher „sehr glücklich, dass ich diesen Blick in die Geschichte der Menschheit noch habe werfen dürfen.“

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Markus Mauthe im Dorf der Jiye im Südsudan.

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