Dieser Fotograf knipst Obdachlose, um ihre Geschichte zu erzählen

Mikaël Theimer fotografiert obdachlose Menschen auf Montreals Straßen, hört sich ihre Geschichten an und teilt sie im Internet. So will er mehr Bewusstsein für das Thema schaffen. 

Wir begegnen ihnen häufig, wahrscheinlich sogar täglich: Obdachlose Menschen auf der Straße. Doch was wissen wir über sie? Wann haben wir ihnen das letzte Mal wirklich bewusst Beachtung geschenkt, ihnen vielleicht freundlich zugenickt, uns mit ihnen unterhalten? Das hat sich auch der Fotograf Mikaël Theimer gefragt. Für sein Projekt Humans Of The Street fotografiert er Obdachlose, hält ihre Geschichten fest und teilt sie öffentlich auf dem gleichnamigen Blog, in der Hoffnung, mehr Bewusstsein für all die Menschen, die auf der Straße leben, zu schaffen.

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Der Fotograf zog mit 20 Jahren von Paris nach Montreal, weil er einen Tapetenwechsel brauchte. Dort studierte er Marketing und arbeitete anschließend in der Werbebranche, doch schon bald stand für ihn fest, dass sich etwas ändern muss: Also kündigte er seinen Job, kaufte sich eine Kamera und fing an zu fotografieren. Im Interview erklärt er, wie er auf die Idee zu dem außergewöhnlichen Foto-Projekt kam und was er damit erreichen möchte.

ze.tt: Wann und warum hast du mit dem Fotoprojekt angefangen?

Mikaël Theimer: Vor fünf Jahren habe ich zusammen mit einem Freund die Montreal-Version des beliebten Humans of New York-Blog gestartet, für den wir willkürlich Menschen fotografierten, die wir auf der Straße getroffen und die ihre Geschichten mit uns geteilt haben. Da ich selbst aus sehr privilegierten Verhältnissen komme, hat mich schon immer das andere Ende des Spektrums interessiert und dieser Blog stellte sich für mich als eine großartige Möglichkeit heraus, diese Neugier zu stillen. Schon in den ersten Wochen dieses Projekts ging ich auf einige Männer und Frauen zu, die auf den Straßen von Montreal bettelten, um ihre Lebenswirklichkeit zu verstehen.
Ich konnte es einfach nicht ertragen zu sehen, wie die große Mehrheit die Anwesenheit dieser Menschen auf den Straßen anscheinend komplett ignorierte.“
Mir war es auch sehr wichtig die Geschichten, die ich hörte, zu teilen, denn ich konnte es einfach nicht ertragen zu sehen, wie die große Mehrheit die Anwesenheit dieser Menschen auf den Straßen anscheinend komplett ignorierte. Ich dachte, wenn sie vielleicht ein bisschen mehr darüber wüssten, wie diese Menschen sind, würden sie diese besser verstehen und anfangen sie zu beachten.

Was möchtest du mit dem Fotoprojekt erreichen?

Ich möchte einfach nur, dass Menschen lernen Hi zu sagen und die Obdachlosen, die ihnen begegnen, anlächeln. Und wenn sie innehalten und helfen wollen, ist das sogar noch besser. Aber ich möchte zumindest, dass sie aufhören sie zu ignorieren und vorgeben, sie nicht zu sehen. Wenn jede*r anfangen würde, sich ein bisschen um Obdachlose zu sorgen, würden wir als eine Gesellschaft es nicht hinnehmen, dass all diese Männer und Frauen in so schlechten Verhältnissen leben.

Wie reagieren Menschen auf deine Arbeit?

Normalerweise reagieren sie gut. Es fängt meist damit an, dass ich innehalte und eine Unterhaltung anfange. Da die meisten Menschen normalerweise einfach an ihnen vorbeilaufen und sie keines Blickes würdigen, schätzen sie es normalierweise, wenn sich jemand die Zeit nimmt, ihnen Hallo zu sagen. Die meisten von ihnen scheuen nicht davor zurück, ihre Geschichten und ihre Bilder zu teilen. Sie wollen, dass die anderen sie als die Menschen sehen, die sie sind, und nicht einfach als jemand, der um ein bisschen Wechselgeld bettelt. Und ich gebe ihnen diese Möglichkeit. Und auch, wenn sie diese Öffentlichkeit nicht wollen, bedeutet das nicht, dass wir keine gute Unterhaltung haben können.

Wie geht es mit dem Projekt weiter?

Ich bin kein Mensch, der groß Pläne macht. Ich neige dazu, viele Dinge gleichzeitig zu machen, ich erschaffe Potenzial für die Möglichkeiten, die kommen, ergreife sie dann. Manchmal habe ich eine Idee und arbeite schon am nächsten Tag dran – so ist auch dieses Projekt entstanden. Ich hoffe, dass ich diese Fotoserie eines Tages in einem Buch veröffentlichen kann – oder eine große Ausstellung veranstalte.

Weitere Arbeiten von Mikaël findet ihr auf seiner Webseite, seinem Instagram-Account und seiner Facebook-Seite.