Auf Wohnungssuche mit Downsyndrom: „Ich will endlich für mich selbst einkaufen“

Ausziehen, selbstbestimmt leben, unabhängig sein: Dass das auch mit Downsyndrom gut funktioniert, zeigen Natalie Dedreux und Nico Randel.

Auf Wohnungssuche mit Down-Syndrom

Irgendwann möchten Natalie Dedreux und Nico Randel zusammen in einem eigenen Haus leben. Foto: Laura Dahmer

Als Natalie die Tür öffnet, ist auch ihre Mutter dabei. Die 20-Jährige lebt gemeinsam mit ihrer Familie in einer Wohnung in Köln. Noch. Denn seit vergangenem Jahr hegt Natalie den Wunsch, in eine eigene Wohnung zu ziehen, mit eigener Couch, mit eigenem Wohnzimmer. Und vor allem: mit eigener Küche.

„Groß soll sie sein, damit ich meine Einkäufe verstauen kann und Platz habe zum Kochen“, sagt Natalie. Ihre Worte klingen bestimmt. So wie das Meiste, was die Kölnerin sagt. Und Natalie hat viel gesagt in den vergangenen Wochen. Sie hat sich zum Beispiel gegen die Kostenübernahme von pränatalen Bluttests eingesetzt. Denn Natalie hat das Downsyndrom, das bei diesen Bluttests festgestellt werden kann. Sie hat Angst, dass so mehr Kinder mit Trisomie 21 abgetrieben werden.

Jetzt aber ist erstmal wieder Ruhe eingekehrt und bei den Dedreuxs wird über ein anderes Thema gesprochen, das Natalie sehr am Herzen liegt: ihre eigene Wohnung.

Gemeinnützige Träger bieten Wohnheime und betreutes Wohnen an – das will Natalie nicht

In Städten wie Köln mit einem angespannten Wohnungsmarkt kann die Suche nach der passenden Wohnung sehr schwierig sein – ob mit oder ohne Downsyndrom. Für Menschen mit Downsyndrom bieten Wohlfahrtsverbände und gemeinnützige Vereine wie Caritas, Lebenshilfe oder der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) daher Wohnheime mit zeitweiliger oder Rund-um-die-Uhr-Betreuung an. Etwas freier ist das von ihnen organisierte betreute Wohnen, bei denen die Bewohner*innen in Wohngemeinschaften mit fachlicher Unterstützung möglichst eigenständig leben. Eigenständig leben – das ist für Natalie und ihre Mutter ein wichtiges Schlagwort. Und deshalb wollen sie einen anderen Weg gehen.

„Ich habe in Erfahrungsberichten von Wohnheimen gelesen, in denen Menschen mit geistiger Behinderung der Zugang zum Internet verwehrt wird“, sagt Natalies Mutter. „Mit der Begründung, das sei zu gefährlich.“ Auf den Seiten von Trägern habe sie dazu allerdings nichts finden können. Sorgen macht sie sich trotzdem. In Foren ist sie teils auf andere mutmaßliche Einschränkungen wie Ausgangssperren und Alkoholverbot gestoßen. „Selbstbestimmt leben ist das nicht mehr“, sagt sie. Michaela ist klar, dass das, was im Internet steht, nicht zwingend stimmen muss. Aber sie wisse eben auch nicht, was wo zu erwarten ist, und ist dadurch verunsichert. Vor allem in Wohnheimen werde mit gewissen Regeln zu rechnen sein. Für Natalie kommt das nicht infrage.

Die Lösung der Dedreuxs: Eine private, inklusive WG mit und ohne Behinderung

„Ich brauche Internet“, sagt Natalie, sie liest Nachrichten in einfacher Sprache und recherchiert gerne. Sie will Journalistin werden. Kein Internet zu haben, ist für sie keine Option. Natalie und ihre Mutter haben sich deshalb etwas anderes überlegt: privat nach einer Wohnung suchen und eine inklusive WG gründen. Zusammen mit Natalie und ihrer Freundin Carola sollen dort zwei Studentinnen ohne Behinderung einziehen, die ihre Mitbewohnerinnen unterstützen und dafür mietfrei wohnen. So hat Natalie alle Freiheiten, die sie sich wünscht, und die Unterstützung, die sie braucht. Es ist eine seltene Alternative, die zum Beispiel von Vereinen wie dem Münchner Projekt Gemeinsam Leben Lernen oder Inklusiv wohnen Köln angeboten wird. Seit 2016 gibt es mit Wohnsinn die erste Wohnungsbörse für inklusive WGs in Deutschland.

Im Mietvertrag von Natalies Wohnung wird ihr Name stehen, finanziert wird ihre Miete durch eine Grundsicherung, die die 20-Jährige erhält, weil sie sich aktuell im Berufsbildungsbereich befindet. So nennt sich die Zeit nach der Schule, in der Menschen mit Behinderung in einer Werkstatt arbeiten, um ihren Weg in die Arbeitswelt zu finden. „Falls sie später am Arbeitsmarkt arbeiten kann, wird sie ihre Miete natürlich selbst zahlen“, sagt ihre Mutter Michaela.

Die Suche nach einer passenden Wohnung hat für die Dedreuxs gerade erst angefangen. „Wenn ich jetzt eine Wohnung finde, würde ich sofort ausziehen“, sagt Natalie, wie immer bestimmt. Sie will in Köln bleiben, am liebsten direkt in der Innenstadt, die Anbindung ist ihr ganz wichtig. „Damit ich schnell bei meinen Theaterproben bin“, sagt sie. „Und damit ich endlich selber einkaufen kann.“ Auf das Thema Einkaufen kommt Natalie immer wieder zurück. Sich selbst versorgen zu können, das macht für die 20-Jährige einen großen Teil ihrer individuellen Freiheit aus. Dazu gehört noch anderes: „In meinem Kühlschrank wird immer Kölsch stehen“, sagt sie grinsend. Und: „In meiner Wohnung wäre alles in Schottenmuster.“ Natalie ist großer Fan der Kölner Rockband Brings, die in der Region neben der Musik auch für ihre Schottenröcke bekannt ist. Eine echte Kölnerin eben.

„Ich bin ausgezogen, damit ich so lange aufbleiben kann, wie ich will“

Erstmal soll es in eine inklusive WG gehen, irgendwann möchte Natalie dann mit ihrem Freund Nico zusammenwohnen. Auch Nico Randel hat das Downsyndrom und schon Erfahrung mit dem Alleinewohnen. Anfangs hat er in einer Wohngemeinschaft gelebt, vor fünf Jahren ist der heute 31-Jährige dann in seine eigenen vier Wände gezogen. „Damit ich so lange aufbleiben kann, wie ich will“, sagt er. „Aber nicht meiner Mutter verraten!“ Bei der Wohnungssuche hatte es seine Familie nicht leicht, lange suchten sie erfolglos auf dem freien Wohnungsmarkt. Ob das an Vorbehalten der Vermieter*innen lag, können sie nur vermuten.

Geklappt hat es bei Nico erst über ein Projekt, bei dem mehrere Einheiten eines Gebäudes als Sozialwohnungen an Menschen mit Behinderungen vermietet werden sollten. Am Ende ist das gescheitert. Nico ist der Einzige, der eine dieser Wohnungen bekommen hat. Jetzt, wo er alleine wohnt, kommen seine Betreuerinnen dreimal die Woche bei ihm vorbei. Jeden Abend kümmert sich außerdem ein Pflegedienst um ihn. Jeder Mensch mit Behinderung hat in Deutschland einen rechtlichen Anspruch auf Betreuung, der Pflegedienst war eine private Entscheidung der Familie Randel. Den Rest der Zeit ist Nico für sich, geht arbeiten oder mit Natalie auch gerne mal ins Kino.

„Alleine wohnen heißt, man muss lernen, selbständig zu sein“, sagt Nico. Putzen und kochen, darum kümmert er sich selbst. „Das musst du dann auch lernen“, sagt er und stupst Natalie von der Seite an. Bisher kocht Nico in seiner Wohnküche noch für seine Freundin, bald ist es vielleicht andersherum. Was er kocht, bestimmt ein Wochenplan, den er sich mit Hilfe seiner Betreuerinnen zusammenstellt. „Am Wochenende gibt es immer Nudeln mit Gemüsesauce.“ Nudeln sind Nicos Lieblingsgericht.

Später will das Paar mit ihren Kindern in einem eigenen Haus wohnen

Das Paar, das seit einem Jahr zusammen ist, verbindet die Liebe zum Theater: Nico arbeitet als Künstler und Schauspieler. In Zukunft will er Dokumentationen, Theaterstücke und Musicals produzieren. Natalie schreibt für den Ohrenkuss, ein Magazin von Menschen mit Downsyndrom und arbeitet in einem Café der Caritas. „Wenn sie denn mal da ist“, sagt ihre Mutter Michaela lachend, und Natalie nicht gerade Theater spiele oder sich politisch engagiere.

Später, so der Plan, möchten die beiden dann in einem Haus wohnen, heiraten, Kinder kriegen. „Ich würde bei der Hochzeit Natalies Namen annehmen und dann auch in Elternzeit gehen, um mich um die Kinder zu kümmern“, sagt Nico. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg, der nächste Schritt geht für Natalie erst mal in die Wohngemeinschaft – und in ihre Unabhängigkeit.