Autor JJ Bola: Warum Männlichkeit für Jungs ein Albtraum ist

In seinem neuen Buch Sei kein Mann beschäftigt sich der Autor JJ Bola mit den toxischen Facetten von Männlichkeit und fordert ein radikales Umdenken. Ein Interview

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Unter toxischer Männlichkeit leiden nicht nur Frauen, sondern auch Männer, sagt der Autor JJ Bola. Foto: © TundeSomoye / B1 Creates

Im englischen Original heißt Sei kein Mann, das neue Buch von JJ Bola, Mask off, also Maske ab. Denn Männlichkeit, so wie wir sie in patriarchalen Gesellschaften heute wahrnehmen, ist laut Bola nichts weiter als eine Performance. Eine Maske, die Männer von Geburt an in toxische Geschlechterrollen drängt. Das Bild von Männlichkeit in westlichen Gesellschaften richte dabei nicht nur bei Frauen, sondern auch bei Männern erheblichen Schaden an.

Bola appelliert deshalb, Männlichkeit von Grund auf neu zu denken. Dafür müssten Männer anfangen, sich selbst und ihr Verhalten zu reflektieren, lernen, sich zu öffnen und Verletzlichkeit zuzulassen. Von klein auf. Im Gespräch mit ze.tt erklärt der Autor, wie die Darstellung von Männlichkeit sich in den vergangen Jahrhunderten gewandelt hat, untersucht die Rolle von Gewalt in der Erziehung junger Männer und warum viele so frustriert von sich selbst und ihrer Umwelt sind.

ze.tt: Herr Bola, was hat Sie dazu inspiriert, ein Buch über Männlichkeit zu schreiben?

JJ Bola: Ich bin als Kongolese in Großbritannien aufgewachsen, meine kulturelle Erziehung war aber frankofon geprägt. In vielen frankofonen und auch anderen Kulturen ist es unter Männern ganz normal, sich an den Händen zu halten oder sich zur Begrüßung auf die Wange zu küssen. In westlichen Ländern gilt das als weiblich oder verweichlicht. Als Kind musste ich ständig hin und her wechseln zwischen meiner kongolesischen Community und der anglofonen Gesellschaft. Ich musste immer wieder mein Verhalten anpassen. Damals habe ich angefangen, mich zu fragen, was es überhaupt bedeutet, ein Mann zu sein.

An der Uni hat die Autorin bell hooks dann endgültig mein Interesse am Patriarchat und unseren gesellschaftlichen Strukturen und Systemen geweckt. Es gibt viele akademische Texte zum Thema Männlichkeit, aber nur wenige Bücher, die in einer einfachen, zugänglichen Sprache geschrieben sind. Das wollte ich mit meinem Buch erreichen.

Ich habe Männer untröstlich weinen sehen, weil ihre Fußballmannschaft verloren hat. Wenn wir doch angeblich das stärkere Geschlecht sind, ist es völlig unlogisch, wegen eines Fußballspiels zu heulen.

JJ Bola

Wie Sie bereits sagten: Sich an den Händen zu halten, ist unter kongolesischen Männern und in vielen Teilen der Welt sehr verbreitet, während es in westlichen Gesellschaften als unmännlich gilt. Zeigt das schon, wie willkürlich die Definition von Männlichkeit ist?

Auf jeden Fall und das ist nur ein Aspekt. Make-up wäre ein anderer. Männer, die zur Elite gehörten, trugen früher Make-up und Perücken als Zeichen ihrer Stellung in der Gesellschaft. Das sieht man heute in Großbritannien noch an Richter*innen, die immer Perücken tragen. Ein weiteres Beispiel sind High Heels. Die wurden von Pferdereiter*innen aus Persien nach Europa gebracht. Aristokratische europäische Männer trugen diese Absätze damals als Modestatement. Sie haben darum gewetteifert, wer den höchsten Absatz hat. Dabei galt: je höher, desto modischer.

Diese Auffassung hat sich heutzutage bei vielen um 180 Grad gedreht.

Heute wird ein Mann, der Absätze trägt, von der Gesellschaft abgelehnt. Alles, was als weiblich gilt, wird diskreditiert. Diese sehr willkürlichen Darstellungen und Performances von Männlichkeit variieren auf der Welt. Das zeigt, dass die Vorstellung davon, was es bedeutet, ein Mann zu sein, durch gesellschaftliche Normen definiert wird. Es hat sehr wenig mit Biologie zu tun und viel mehr mit sozialer Konditionierung. Trotzdem versuchen wir immer noch, die Biologie als bestimmenden Faktor heranzuziehen.

Am patriarchalischen System festzuhalten, ist auch für Männer schädlicher, als für eine geschlechtergerechte Gesellschaft zu kämpfen.

JJ Bola

Können Sie näher erläutern, warum Männlichkeit eine Performance ist?

Es beginnt mit vermeintlich harmlosen Sprüchen wie „Jungs weinen nicht“ oder „Jungs müssen stark sein“. Ich sage nicht, dass es keine biologischen Unterschiede zwischen Menschen unterschiedlicher Geschlechter gibt. Aber wie sehr sich diese auf gesellschaftliche Rollen auswirken, ist stark von der Interpretation der Menschen abhängig. Die ganze Idee, dass Männer stärker, logischer und weniger emotional seien, ist Sozialisierung. Ich habe Männer schon untröstlich weinen sehen, weil ihre Fußballmannschaft verloren hat. Wenn wir doch angeblich das stärkere Geschlecht sind, ist es völlig unlogisch, wegen eines Fußballspiels zu heulen. Das hinterfragen wir nicht genug.

Sie schreiben in Sei kein Mann, dass das Patriarchat für Männer „eine Art zweischneidiges Schwert, ein giftiges Allheilmittel“ ist. Wie meinen Sie das?

Das Patriarchat lässt Männer in dem Glauben, dass es für sie arbeitet und männliche Privilegien etwas Gutes sind. Wir glauben daran, weil wir uns dadurch vermeintlich stärker fühlen. Wer in der sozialen Hierarchie jemanden unter sich hat, fühlt sich ermächtigt. Dann spielt es keine Rolle, wie sehr man eigentlich leidet. Das ist sehr destruktiv. Der Großteil der Männer wird durch das Patriarchat entmachtet, während eine kleine elitäre Gruppe davon profitiert. Am patriarchalen System festzuhalten, ist deshalb auch für Männer schädlicher, als für eine geschlechtergerechte Gesellschaft zu kämpfen.

Inwiefern?

Es wird viel darüber gesprochen, dass Männer heutzutage in unserer Gesellschaft leiden. Die Mehrheit der obdachlosen Menschen sind Männer. Die Mehrheit der Menschen, die drogenabhängig sind, sind Männer. Die Mehrheit der Menschen, die Gewaltverbrechen erleben, sind Männer. Die Suizidrate bei Männern ist höher als bei Frauen. Über das Warum möchte aber keine*r reden. Frauen sind nicht der Grund, warum diese Statistiken existieren. Es liegt an uns Männern.

Viele jungen Männer versuchen, sich „normal“ und akzeptiert zu fühlen in Gesellschaften, die für sie toxische Maßstäbe setzen.

JJ Bola

Sie haben gerade erwähnt, dass es eine kleine Gruppe von Männern gibt, die tatsächlich vom Patriarchat profitieren. Wer sind diese Männer?

Das Patriarchat als System existiert nicht in einem Vakuum. Es ist eng verknüpft mit Kapitalismus, Rassismus, Homofeindlichkeit. Nur die wohlhabendsten Männer einer Gesellschaft profitieren wirklich von dieser Struktur. Diese Männer bewegen sich nicht in unseren alltäglichen Kreisen. Dennoch prägen sie oft die öffentliche Wahrnehmung. Sie forcieren zum Beispiel bestimmte Bilder von Männlichkeit in den Medien, obwohl sie von diesen nicht betroffen sind. Jeff Bezos wacht wahrscheinlich nicht morgens auf und fragt sich, ob er stark genug ist, um sich in einem physischen Kampf zu behaupten.

Welche Rolle spielt Klassismus bei dieser Auffassung von Männlichkeit?

Wenn du ein gewöhnlicher Mann der Arbeiter*innenklasse und machtlos bist, hast du das Gefühl, dich beweisen zu müssen. Du läufst die Straße entlang und ein Typ schaut dich schief an. Es entwickelt sich ein Kampf, weil ihr beide versucht, euch in dieser Gesellschaft wie „echte“ Männer zu fühlen. Euch wurde beigebracht, dass Männer stark, gewalttätig und dominant sein müssen, um etwas wert zu sein. Also kämpft ihr. Im Wesentlichen versuchen viele junge Männer, sich „normal“ und akzeptiert zu fühlen in Gesellschaften, die für sie toxische Maßstäbe setzen. Toxische Männlichkeit betrifft aber nicht nur die Arbeiter*innenklasse. Es gibt sie in allen Gesellschaftsschichten. Sie manifestiert sich nur unterschiedlich. Je weiter man aufsteigt, desto weniger greifbar ist sie.

Es wird die Idee vermittelt, dass Gewalt für Männer ein normales Mittel der Kommunikation ist.

JJ Bola

Wie zeigt sich toxische Männlichkeit in diesen höheren Gesellschaftsschichten?

Die sogenannten Boys Clubs an Eliteschulen und Universitäten neigen beispielsweise dazu, ein toxisches und veraltetes Bild von Männlichkeit aufrechtzuerhalten. Das wird dort als normal angesehen. In diesen privilegierten Kreisen wird oft gedacht, dass Regeln, die für die Allgemeinheit gelten, für einen selbst keine Rolle spielen. Viele handeln, als stünden sie über dem Gesetz.

Welche Rolle spielt Gewalt bei der Erziehung junger Männer?

Gewalt und Aggression sind die destruktivsten Aspekte des Patriarchats. Sie werden Jungs von Geburt an mitgegeben, weshalb sie für viele gar nicht ersichtlich sind. Das zeigt sich schon daran, welche Spielzeuge Jungen gegeben werden: Gewehre und Pistolen. Erst wird Räuber und Gendarm gespielt, später wird das durch hyperrealistische Kriegs- und Konfliktsimulationen abgelöst. Kombiniert mit der Darstellung von Männlichkeit in den Medien wird so die Idee vermittelt, dass Gewalt für Männer ein normales Mittel der Kommunikation ist. Es wird suggeriert, dass Aggression die Sprache ist, in der Männer agieren. Diese konditionierte Gewalt ist sehr schädlich für uns selbst, aber auch für die Menschen, die uns am nächsten stehen.

Wir müssen Jungs und jungen Männern beibringen, wie sie ihre Emotionen auf gesunde Weise verarbeiten können, ohne Gewalt als Ventil zu benutzen.

JJ Bola

Wie kann man dem entgegenwirken?

Die Lösung besteht nicht darin, mehr Mädchen dazu zu bringen, mit Gewehren zu spielen. Wir müssen Jungs und jungen Männern beibringen, wie sie ihre Emotionen auf gesunde Weise verarbeiten können, ohne Gewalt als Ventil zu benutzen. Oft warten wir, bis ein Junge gewalttätig wird, um mit ihm über Gewalt zu sprechen. Das ist zu spät. Dieses Verhalten baut sich langsam und über die Zeit auf.

Es gibt so viele junge Männer, die diese Der-unglaubliche-Hulk-Mentalität haben. Sie tragen ständig Wut und Frustration in sich und glauben, dass nur eine Frau sie beruhigen kann. Das wird ihnen so beigebracht. Viele Männer suchen also nach dieser Art von Frau und Beziehung und schaden ihren Partnerinnen am Ende. Das lässt sich alles darauf zurückführen, wie wir als Männer sozialisiert werden. Veränderung kann nur dann eintreten, wenn sich Männer bewusst werden, dass sie sich selbst um ihre Seelen kümmern müssen. Wir müssen aufhören, Frauen emotionale Arbeit aufzubürden, um unsere Probleme zu lösen.

Im Buch stellen Sie eine Verbindung her zwischen politischem Extremismus, der Normalisierung von Gewalt und der Unfähigkeit von Männern, ihre Gefühle auszudrücken. Wie kommt es, dass es in der Regel Männer sind, die sich radikalisieren?

Viele junge Männer suchen nach einem Sinn im Leben, weil ihnen von klein auf gesagt wird, dass sie führen und dominieren sollen. Wenn sie den nicht finden können, reihen sie sich ein in einen extremen politischen Diskurs, der zu ihrer Identität passt. Das erlaubt ihnen, irgendeine Form von Zweck und Sinn für sich selbst zu entdecken. Es gibt ihnen Handlungs- und Wirkungsmacht, auch wenn diese destruktiv sind.

Das Gefühl mangelnder Handlungsfähigkeit, das einen jungen Mann dazu bringt, einer terroristischen Gruppe beizutreten, ist dasselbe Gefühl, das einen jungen Mann dazu verleitet, der Armee beizutreten. Beide denken, dass sie etwas Rechtschaffenes tun, indem sie ihr Land und ihre Ehre verteidigen. Beide Entscheidungen sind eigentlich sehr politisch und beide finden in einer toxischen hypermaskulinen Umgebung statt.

Sie erwähnen auch Men of Color und im Besonderen Schwarze Männlichkeit. Wie wird diese in mehrheitlich weißen Gesellschaften wahrgenommen?

Das stereotype Bild von Schwarzen Männern und Men of Color ist ein Bild der Gewalt, der Aggression, der Einschüchterung und der Bedrohung. Sie werden stigmatisiert und oft mit kriminellen Aktivitäten in Verbindung gebracht. Das zieht sich auch durch die Mainstream-Medien. Oft werden Aggression und Gewalt als angeborene Charakterzüge von Schwarzen Männern und Men of Color beschrieben. Das sind sie aber nicht. Viele dieser Vorstellungen haben ihren Ursprung in Stereotypen und Stigmata aus der Sklaverei und dem Kolonialismus. Sie werden weiterhin genutzt, um Menschen zu unterdrücken.

Hinzu kommt diese Idee der sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Soziolog*innen sagen, dass man irgendwann anfängt, Aussagen über sich selbst zu glauben, wenn man sie lange genug erzählt bekommt. Man passt sich ihnen an und handelt dementsprechend. Zum einen schafft das eine Kluft zwischen den Communitys und zum anderen fördert es die Diskriminierung von rassifizierten Menschen. Diese Stereotype halten sie in verarmten Verhältnissen, in denen sie sich entmachtet fühlen.

Wie sollten wir dem begegnen?

Aus einer nicht-schwarzen Perspektive sollte man sich fragen, warum man Angst bekommt, wenn man einen Schwarzen Mann sieht. Wo habe ich das gelernt? Wer selbst Schwarz ist, muss sich analysieren und sehen, ob er*sie sich vielleicht auf eine bestimmte Rolle limitiert hat, weil einem gesagt wurde, wie man sich vermeintlich selbst zu sehen hat.

Und wo fangen wir an, die Vorstellung von Männlichkeit zu verändern?

Betriebe, Unternehmen und Organisationen müssen darüber informieren. Männlichkeit ist weiterhin limitiert, weil sie nicht genug infrage gestellt wird und weil es in Institutionen wie Schulen und Universitäten, aber auch darüber hinaus nicht genug Aufklärung dazu gibt. Im Laufe der Jahre habe ich mit so vielen Männern gesprochen, die nicht auf diese Weise leben wollen. Sie wissen aber nicht, wo sie anfangen sollen, nach Alternativen für eine gesündere Lebensweise zu suchen. Wir alle sind dafür verantwortlich, diese begrenzte Auffassung von Männlichkeit zu erweitern.

Außerdem auf ze.tt: Diese Männer sprechen über ihre Eigenschaften, die als unmännlich gelten