BaföG: Mehr Kohle ist gut, aber wie wär’s mit weniger Bürokratie?

Unsere Autorin freut sich über den neuen BaföG-Höchstsatz. Was ihr im Studium als Kind geschiedener Eltern aber auch geholfen hätte: ein einfacherer Zugang zu dem Geld. Ein Kommentar

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Bis das BaföG-Geld in der Hosentasche landet, ist es ein langer Weg. Zu lang. Foto: Photocase / David-W-

 Es gibt mehr Kohle! Leider nur beim BaföG. Gemeint ist mit der Abkürzung eigentlich das Gesetz zur Bundesausbildungsförderung. Aber der Begriff hat sich gleichsam seit seiner Geburtsstunde als Synonym für das Geld, das Studierenden, Schüler*innen und Auszubildenden über die Runden hilft, durchgesetzt. Es ist toll, dass es das BaföG gibt, und wir nicht, wie in vielen anderen Ländern, kostspielige Kredite aufnehmen müssen, um am Ende mit dem Abschlusszeugnis in die Kamera winken zu dürfen. Und es ist erst einmal zu begrüßen, dass es nun eine Erhöhung des BaföG-Höchstsatzes von 735 Euro auf insgesamt rund 850 Euro geben wird. Besonders der Wohnzuschlag soll von 250 Euro auf 325 Euro steigen. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek will dafür bis 2022 rund 1,8 Milliarden Euro ausgeben. Ob das reicht, ist natürlich eine andere Frage. Und ob das nicht schon längst überfällig war, auch.

Lange habe ich das bedingungslose BaföG für alle Studierenden verteidigt, heute sehe ich das kritisch. Kids, deren Eltern Wohnungen, Autos und das nächste Macbook finanzieren, brauchen das Geld nicht. Andere umso mehr. Aber gerade für die war der Kampf ums BaföG, wie auch für mich, immer ein existenzieller. Das bürokratische Dickicht, durch das ich mich jedes Semester aufs Neue schlagen musste, war eins mit vielen Dornen: Für den Antrag sind acht (!) ausgefüllte Formblätter nötig. Da ist alles anzugeben, von den kleinsten Ersparnissen der Eltern sowieso deren Einkommensnachweise und Unterhaltszahlungen an X-beliebige Personen, Versicherungen, Sparbücher, eigene Einkünfte, bei Auszubildenden gegebenenfalls gutachtliche Stellungnahmen der Ausbildungsstätte und weiß der Teufel noch was.

Dein Vater will keine Auskunft geben? Verklag ihn doch!

Immer hat in der Zeit, in der ich BaföG bezog, bei den Anträgen irgendetwas gefehlt. Manchmal sogar, obwohl ich genau dieselben Dokumente eingereicht habe, die im vorangehenden Semester völlig ausreichend waren. Für Kinder getrennt lebender oder geschiedener Eltern ist das die Hölle: Dein in Australien lebender Vater, zu dem du nur sporadischen Kontakt hast, macht keine Anstalten, dir seine Einkommensnachweise zuzuschicken? Das ist ein Problem. Vor allem deins.

Eine meiner Freundinnen, die, um sich das Studium zu finanzieren, kellnern, putzen UND Babysitten ging – ich weiß bis heute nicht, wie sie das alles in 24 Stunden hineingequetscht hat –, hat etwa nie BaföG beantragt. Sie hat seit ihrer Kindheit keinen Kontakt mehr zu ihrem Vater, und wusste lange nicht, wo er lebt. Die Einkommensnachweise, die für den Antrag nötig wären, hätte sie gerichtlich einfordern müssen. Das war für sie unvorstellbar. Ein Prozess gegen ihren Vater hätte zu viele alte und tiefe Narben aufgerissen. Von der BaföG-Förderung hätte sie sich dann die nächste Therapie finanzieren können.

Der Unterlagenkrieg hatte auch zur Folge, dass ich das Geld eigentlich nie zum Semesteranfang bekommen habe, für das ich es beantragte, sondern erst zum Semesterende. Ich habe also mehrere Monate immer auf Pump gelebt, mit der Hoffnung, dass am Ende der Betrag auf meinem Konto landet. Aber was, wenn nicht? Irgendwann erzählte mir jemand, dass das Amt für solche Fälle Vorschüsse gibt, bevor der Antrag vollends durch ist. Da war ich mit dem Studium schon fast fertig.