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Balkonbepflanzung: „Mit jedem Pflänzchen, das wächst, wächst auch das Vertrauen in uns selbst“

Gärtnern macht glücklich! Eine Expertin erklärt, warum Blümchen und Gemüse pflanzen die Seele streichelt. 

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"Der Frühling steht in der Regel für einen Neubeginn, Hoffnung und Erwachen", sagt Gartenpädagogin und Gartentherapeutin Claudia Patricia Bernleitner. Foto: © ismael juan salcedo / photocase.de

Erst ist es nur ein kleiner Keim aus zwei winzigen Blättern, der zaghaft aus der Erde ragt. Im Laufe der Wochen wächst und wächst das Pflänzchen – bis schließlich ein ausgewachsener Salat, eine Ranke Kapuzinerkresse oder eine Tomate auf die Ernte warten.

Keine Frage: Mit den Händen in der Erde wühlen und Pflanzen beim Wachsen und Gedeihen zuschauen, das beruhigt und beglückt. Nicht umsonst gibt es die Gartentherapie – auch als Studienfach.

Doch was genau ist es, das uns beim Gärtnern so in den Flow bringt und Kummer und Sorgen vergessen lässt?

So hängen Psyche und Natur zusammen

Die Natur wirkt grundsätzlich erholsam auf uns Menschen. Dabei ist es egal, ob es das Meer, eine Blumenwiese oder ein Waldspaziergang ist – sie beruhigt und entstresst. Das liegt vor allem daran, dass die Natur keine Aufmerksamkeit und Interaktion fordert, dass sie einen Abstand zum oft anstrengenden Alltag bietet und uns ein Gefühl von Verbundenheit und gleichzeitig von Freiheit gibt. Wir können negative Gefühle loswerden, tief durchatmen und einfach nur sein.

Beim Gärtnern kommt aber zusätzlich noch etwas anderes dazu: die eigene Beteiligung: „Beim Gärtnern erleben wir uns als selbstwirksam und unsere Umwelt aktiv gestaltend“, erklärt die österreichische Gartenpädagogin und Gartentherapeutin Claudia Patricia Bernleitner.

„Mit jedem Samen, der keimt und jedem Pflänzchen, das wächst, Blüten entwickelt und Früchte trägt, wächst auch das Vertrauen in uns selbst, andere und das große Ganze – also Selbst- und Urvertrauen“, sagt die Expertin für Gartentherapie. „Beim Gärtnern entsteht durch die Interaktion mit dem Lebewesen Pflanze ein Gefühl tiefer Verbundenheit. Wir erleben uns als Teil eines großen Ganzen und erkennen: Alles ist mit allem verbunden.“

Und das sorgt für Ausgeglichenheit, innere Aufgeräumtheit und seelischen Frieden.

Gärtnern als Therapie

Kein Wunder, dass Gärtnern erfolgreich als Therapie eingesetzt wird. Eine enorm wichtige Komponente dabei ist Achtsamkeit, also ein Gefühl für die Gegenwart zu entwickeln.

Laut Claudia Patricia Bernleitner tendieren nämlich Menschen, die ängstliche oder depressive Schemata verinnerlicht haben, entweder zu vergangenheitsorientiertem Denken – verbunden mit Schuldgefühlen, Reue, Scham und Gewissensbissen – oder zu zukunftsorientiertem Denken, das Angst, Sorgen und Befürchtungen auslöst. „Gärtnern kann unterstützend dabei wirken, die Aufmerksamkeit zu fokussieren und sich im Hier und Jetzt zu spüren“, sagt Bernleitner. „Als Gartentherapeutin stelle ich über das lebendige Medium Pflanze oder Garten eine Verbindung zwischen Mensch und Natur her, von der wir alle ein Teil sind.“

Und das Gedankenkarussell steht beim Gärtnern still – oder dreht sich zumindest deutlich langsamer.

Der Balkon reicht zum Glück

Um diese Verbindung mit der Natur zu erleben, muss es aber gar kein eigener Schrebergarten oder gar ein 1.000 Quadratmeter großes, parkähnliches Grundstück sein; schon ein kleiner Balkon bietet entsprechende Möglichkeiten. Im Zweifel ist laut Bernleitner sogar die Fensterbank genug: „Bei jeder Art von Gärtnern – selbst im Kleinen wie beim Ziehen von Sprossen in einem Glas, beim Pflegen von Küchenkräutern am Fensterbrett oder beim Gärtnern auf dem Balkon wird unsere Wahrnehmung mit allen Sinnen geschärft.“

Der Balkon als Oase für die Seele – das beginnt laut der Expertin schon bei der Planung. Beobachten, hinsetzen, Pflanzen und Töpfe aussuchen, etwas kreieren. „Indem wir eine Bepflanzung für das neue Garten- oder Balkonjahr entwerfen, entwickeln wir eine Art Vision. Wir haben ein Ziel, das wir erreichen wollen.“ Und auch das hilft sehr gut dabei, die Aufmerksamkeit auf etwas Konstruktiveres als Kummer, Stress und Sorgen zu lenken und abzuschalten.

Letztlich ist Gärtnern – egal, ob draußen oder auf dem Balkon – auch immer eine Erfahrung für alle Sinne. Es erdet im wahrsten Sinne des Wortes. „Mit beiden Händen in der Erde zu wühlen, mit den Nachbarskindern Sauerampfer aus dem Topf zu naschen und in eine Erdbeere zu beißen, die wir gemeinsam in der Sonne beim Rotwerden mehrere Tage lang beobachtet haben, ist auch für mich immer wieder faszinierend, unglaublich sinnlich und einfach schön“, meint Claudia Patricia Bernleitner.

Auf die Töpfe, fertig, los!

Gerade momentan im März, April und Mai wirkt die Natur positiv auf die Seele. „Der Frühling steht in der Regel für einen Neubeginn, Hoffnung und Erwachen“, sagt Claudia Patricia Bernleitner. „Der erste Bärlauch des Jahres im Wald, die ersten Veilchen im Garten, der erste Flieder im Park – die Natur und ganz besonders der Frühling ermöglichen uns viele Momente gelebter Achtsamkeit und bewusster Freude im Hier und Jetzt.“

Der Frühling steht in der Regel für einen Neubeginn, Hoffnung und Erwachen.

Gartenpädagogin und Gartentherapeutin Claudia Patricia Bernleitner

Das gilt auch und besonders in Zeiten von Corona und Lockdown. „Gärtnern kann äußerst hilfreich dabei sein, den mit der Selbstisolierung einhergehenden Stress zu bewältigen, um physisch wie psychisch gesund und vor allem handlungsfähig zu bleiben und sich auch in Zeiten wie diesen sicher gebunden und gehalten zu fühlen.“

Summende Hummeln und Bienchen, Schmetterlinge und Marienkäfer, die ersten eigenen Tomaten, Pastasauce mit frischen Kräutern aus eigenem Anbau … Klingt doch wundervoll. Und der Trip ins Gartencenter lässt sich notfalls ja auch online erledigen – also worauf wartest du?

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