„Mit 20 habe ich mich schrecklich dick gefühlt“

Bei vielen bringen die heißen Temperaturen nicht nur Badespaß, sondern auch Selbstzweifel. Zwei Bloggerinnen erzählen, wie sie ihren Körper lieben gelernt haben.

Every Body is a Beach Body: Zwei Bloggerinnen erzählen von ihrem Weg zur Selbstliebe

"Frauen, die viel schlanker und viel schöner sind als ich, fühlen sich dick und genieren sich am Strand", sagt Bianca (links). Foto Screenshot Instagram kurvenundkanten & chlencherei

„Mit 20 habe ich mich schrecklich dick gefühlt und konnte viele Situationen gar nicht richtig genießen,“ erzählt Bianca. Ich telefoniere mit der 34-Jährigen an Deutschlands heißestem Tag seit Beginn der Wetteraufzeichnung. Früher sei es Bianca schwergefallen, sich zu akzeptieren, sagt die Bloggerin. „Heute schwimme ich nackt im See, während ich mit dir telefoniere.“

Diese Positivität spiegelt sich auch in ihrem Instagram-Account wider. Die gebürtige Schwäbin will motivieren, zu mehr Selbstliebe und zu weniger Vorurteilen. „Frauen, die viel schlanker und viel schöner sind als ich, fühlen sich dick und genieren sich am Strand“, schreibt sie unter ihrem Foto auf Instagram, „auch ich habe meine Historie an Momenten, in denen ich mich immer wieder schrecklich gefühlt habe. Irgendwann habe ich beschlossen, diese Gefühle in mir selbst einfach mal zu übergehen, mich nicht so ernst zu nehmen und einfach das Wasser zu genießen.“ Das Foto zu dem Text zeigt sie im Bikini, lachend und fröhlich.

Fast jede Frau ist unzufrieden mit sich selbst

Beach Body: Diese Suchanfrage bringt auf Google mehr als zwei Millionen Ergebnisse. „Dein Weg zum Beach Body“ und „Schnell zur Top-Strandfigur“ werden als beste Treffer ganz oben gelistet. Von Selbstliebe und Akzeptanz handelt keiner der Artikel. Der vermeintlich perfekte Körper für Strand und Freibad wird vor allem in der Sommerzeit zum großen Thema. Und kommt bei vielen Frauen mit der Frage: Ist mein Körper schön genug? Verschiedene Studien zeigen, wie groß diese Unsicherheit ist. Eine Umfrage aus dem Jahr 2010 ergab, dass nahezu jede Frau unzufrieden mit Teilen ihres Körpers ist. Laut dem STADA-Gesundheitsreport waren außerdem über die Hälfte der Frauen neidisch auf die Figur einer anderen.

Selbstakzeptanz ist ein Prozess

Sich selbst zu akzeptieren, war für Bianca ein Prozess. „Vergangenes Jahr habe ich noch ein Bikini-Shooting machen lassen, bei dem ich dachte, dass ich vor Scham sterbe.“ Optisch habe sie sich seitdem nicht stark verändert, in ihrer Einstellung jedoch deutlich. „Was du denkst, wird zu deiner Wahrheit“, sagt Bianca. Man müsse lernen und üben, diese Gedanken zu kontrollieren. „Es ist immer ein zeitliches Phänomen, welcher Körpertyp gerade in ist“, sagt sie. „Im Barock haben sich die dünnen Frauen schlecht gefühlt.“

Bianca habe außerdem oft damit zu kämpfen gehabt, dass man ihren Figur Typ nirgendwo richtig einordnen könne. „Ich bin über 1,80 Meter groß und trage Größe 46.“ Von zu dick bis zu dünn für Plus Size hat die Wahl-Österreicherin schon alles hören müssen. „Ich weiß aber, dass ich nun mal weit von dem Schönheitsideal unserer Gesellschaft entfernt bin und will Leute daher dazu inspirieren, sich gut zu fühlen.“ Für sie sei ihr Körper mittlerweile so normal geworden, dass sie manchmal zweifelt, ob sie das Thema Selbstakzeptanz in ihren Posts überhaupt noch thematisieren solle. „Dann bekomme ich aber das Feedback, dass ich anderen Leuten mit meinen Posts helfe.“

Mir hat es geholfen, die ganzen dicken Frauen im Internet zu sehen, zu merken, dass man nicht allein ist, und diese Frauen auch noch schön zu finden

Chris

So geht es auch Chris. Die Stuttgarterin ist vieles: Mama eines kleinen Sohns, gelernte Sängerin und Bloggerin. Daneben ist sie aber vor allem eins: selbstbewusste Plus-Size Frau. 2012 hat die Stuttgarterin angefangen, über Mode zu bloggen. „Damals habe ich noch viel mehr auf die Außenwirkung geachtet. Mir überlegt, ob mich ein Kleid womöglich dick macht.“ Heute interessiere sie so etwas weniger. „100 Kilo sind einfach 100 Kilo“, sagt sie lachend. „Ich habe lange zu den Frauen gehört, die sich nicht ärmellos in die Stadt getraut haben.“ Irgendwann dann der Aha-Moment: Chris entschied sich dafür, das Überwurfjäckchen beim Shopping-Ausflug einfach mal zu Hause zu lassen. „Überraschenderweise hat sich überhaupt niemand dafür interessiert, wie ich aussehe“, sagt sie, „keiner zeigt mit dem Finger auf dich und sagt: Oh mein Gott.“ Mit diesem Moment kam die Einsicht: „Nicht nur ich finde mich okay, sondern auch die Außenwelt.“

100 Kilo sind einfach 100 Kilo.

Chris

Auch Chris habe natürlich nicht nur gute Tage, gesteht sie. Druck mache sie sich deswegen nicht mehr. „Ich sage immer, dass man Baby Steps machen muss. Ärmellos rausgehen und das Jäckchen zum Überschmeißen einfach mal nur mitnehmen.“ Wichtig sei es, die Erfahrung zu machen, dass im Normalfall einfach nichts passiere. Auch auf ihrem Instagramaccount bekomme die Bloggerin fast durchweg positive Kommentare. Viele Nutzer*innen würden sich für ihren Mut bedanken. „Eigentlich ist Mut aber das falsche Wort, das ist ja einfach nur mein Körper“, sagt Chris. „Mir hat es geholfen, die ganzen dicken Frauen im Internet zu sehen, zu merken, dass man nicht allein ist, und diese Frauen auch noch schön zu finden“, sagt sie und fügt lachend hinzu: „Ich bezeichne mich übrigens als dick. Nicht mollig oder kurvig, sondern dick.“

Das empfinde sie als eine Beschreibung und keine Wertung, so wie groß oder blond. Man müsse gesellschaftlich wieder zu dieser wertfreien Bezeichnung zurückfinden. Es gehe außerdem darum, Sehgewohnheiten zu ändern und dabei andere Frauen nicht abzuwerten. „Jeder hat das Recht, sich schön zu fühlen und keiner hat das Recht, andere Frauen zu bewerten.“ Das will sie auch ihrem Sohn vermitteln. „Die Mama ist dick, der Papa ist dünn“, sagt sie. Ganz wertfrei. „Man muss mich auch nicht schön finden“, sagt Chris, „es geht nur eben einfach niemanden etwas an, wie ich aussehe.“